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Bote lagert 2000 Briefe im Lieferwagen

Amtsgericht Bote lagert 2000 Briefe im Lieferwagen

Mehr als 2000 Briefe stellte ein überforderter Bote nicht zu, sondern lagerte sie im Lieferwagen. Das Fehlverhalten fiel nach vier Wochen auf. Gestern verwarnte das Amtsgericht den 53-Jährigen.

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Biedenkopf. Von Ende Juni bis Ende Juli 2012 stellte ein 53-Jähriger, der als Mitarbeiter eines Postdienstleisters arbeitete, mehr als 2000 Briefe nicht zu. Seinem Vorgesetzten bescheinigte er die Zustellung zwar, doch sammelte der Angestellte die Sendungen - darunter viele Steuerbescheide und Rechnungen - hauptsächlich im Laderaum seines Fahrzeuges.

Als die Mogelei aufflog, wurde ein Großteil der Briefe zwar noch zugestellt, dennoch beendeten einige Auftraggeber die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen oder verzichten auf eine künftige Kooperation, wodurch ein finanzieller und - besonders - ein ideeller Schaden entstanden ist.

Den Tatvorwurf bestritt der Angeklagte gestern nicht: „Ich gebe das zu und habe eingesehen, dass es ein großer Fehler war.“ Seit Spätherbst 2011 arbeitete er für die Marburger Niederlassung des Postdienstleisters in Teilen des Hinterlandes. Zunächst habe er die Post in drei Orten mit dem Fahrrad ausgefahren, später einen Lieferwagen und weitere Zustellbezirke erhalten. Doch erst als der Bezirk im Sommer 2012 abermals - wohl zur zeitweisen Vertretung eines Kollegen - vergrößert wurde, schaffte der Mann die Arbeit nicht mehr.

„Es ist mir über den Kopf gewachsen“, gestand der 53-Jährige, der zunächst gehofft hatte, den Rückstau an freien Tagen auflösen zu können. Seinem Arbeitgeber habe er die Überforderung aus Angst seine Stelle zu verlieren, verschwiegen. Aus demselben Grund hatte er schon während des Vorstellungsgespräch seine Schwerbehinderung und eine psychische Erkrankung geheim gehalten. Zuvor war der Mann zwölf Jahre ohne Anstellung gewesen.

Wenig Verständnis für das Verhalten des Angeklagten hatte der Niederlassungsleiter des Dienstes, der als Zeuge aussagte. Erst der Anruf eines Kunden, der vermutete, „das in Biedenkopf irgendwas faul ist“, hatte das Unternehmen auf das Problem aufmerksam gemacht.

Richter: mehr Patient als Angeklagter

Die vom Angeklagten gesammelten Briefe wurden zwar nachträglich zugestellt, doch rund 300 Sendungen blieben verschwunden, berichtete der Niederlassungsleiter, der dem Gericht auch den finanziellen Schaden auflistete und den Imageschaden darlegte. „Das was passiert ist, darf nicht passieren“, betonte er.

Seinem Mitarbeiter habe er bei der Einstellung mitgeteilt, jederzeit für ihn erreichbar zu sein, wenn es Probleme gebe. Außerdem hatten beide ohnehin ein- bis zweimal pro Woche miteinander gesprochen und regelmäßige Treffen aller Zusteller aus dem Landkreis in Marburg stattgefunden, bei denen der Angeklagte auf die Überlastung hätte hinweisen können. Bei einem arbeitsgerichtlichen Vergleich wurde das Arbeitsverhältnis mittlerweile aufgelöst.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit thematisierte das Gericht ausführlich die Krankengeschichte des Angeklagten und brachte anschließend die Vorstrafen in die Verhandlung ein: 2005 und 2006 war der 53-Jährige wegen Diebstahls und 2012 wegen Betruges verurteilt worden.

In seinem Urteil entsprach Richter Mirko Schulte dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Wegen Verletzung des Postgeheimnisses durch Unterdrückung von Sendungen wurde der Angeklagte verwarnt und auf Bewährung zu einer Strafe von 90 Tagessätzen à 20 Euro verurteilt. Außerdem wies das Gericht die Ableistung von 50 Arbeitsstunden und die Fortsetzung der psychiatrischen Behandlung an.

Schulte betonte: Mit der „tragischen Einstellung“ habe sich der Angeklagte überhoben. Er sei bald überfordert gewesen und in einen Teufelskreis geraten, aus dem auszubrechen, ihm der Mut fehlte.

Aufgrund seiner Persönlichkeitsstörung und Depressionen, bewege sich der 53-jährige Angeklagte, der mehr „ein Patient“ sei, am Rande der Schuldfähigkeit.

von Benedikt Bernshausen

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