Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Bonus für schlagenden Schlagersänger

Amtsgericht Bonus für schlagenden Schlagersänger

Länger als jedes Konzert dauerte eine Verhandlung vor dem Amtsgericht um das abrupte Ende eines Live-Auftritts in einer Gaststätte, dafür gaben Schlaglichter einen Einblick in das Nachtleben Biedenkopfs.

Voriger Artikel
Rekordbesuch beim Kartoffelfest
Nächster Artikel
Reuter: nur geringes Rentabilitäts-Risiko

Ein Schlagersänger soll einer Frau eine gelangt haben - sie behauptete, er habe Playback gesungen.

Quelle: Grafik: Nikola Ohlen

Biedenkopf. Am Ende der dreieinhalbstündigen Verhandlung verkündete Richter Mirko Schulte gestern ein Urteil, das für den angeklagten Schlagersänger um zwei Drittel günstiger ausfiel, als die Summe des abgelehnten Strafbefehls vom 5. Juli.

Doch der 42-Jährige kündigte an, bis vor den Bundesgerichtshof zu ziehen, ist doch der Vorwurf, der seine Sängerehre berührt, nicht vom Tisch. Den Beweis, ob er singen kann, musste er vor Gericht aber nicht erbringen.

Das Ehrgefühl war aber nicht nur der Auslöser für eine Straftat. Insgesamt warf Amtsanwalt Peter Heinisch dem Angeklagten zwei Beleidigungen, eine davon in Tateinheit mit einer Körperverletzung vor. Die Bühne des Geschehens war eine Gaststätte in Biedenkopf, Beteiligte oder Opfer waren Wirtinnen zweier Kneipen.

Während sich eine Beleidigung durch die Vernehmung des Beschuldigten und der Geschädigten, es ging im Streit um Honorar- und Gema-Zahlungen um Beschimpfungen wie „Abschaum, Hochstaplerin, Lügnerin, Schlampe und Versagerin“, recht schnell auf „Lügnerin“ einschränken ließ und deshalb eine untergeordnete Rolle hatte, nahm der zweite Tatvorwurf bei einem Auftritt des Schlagersängers in der Gaststätte dieser Wirtin vor 20 bis 40 Gästen seinen Ausgangspunkt.

Dorthin kam in der Nacht zum 7. Oktober eine andere Wirtin, um sich die gesanglichen Fähigkeiten des ursprünglich aus Thüringen stammenden Künstlers, anzuhören. Sie dachte an ein Engagement für einen Auftritt in ihrem Lokal. Über das folgende Geschehen gab es Unstimmigkeiten. Kaum im Lokal angekommen, habe sie etwa zwischen 1 und 2 Uhr angefangen, lautstark über die Fähigkeiten des Sängers herzuziehen. Unter anderem verkündete sie, dass er nicht live, sondern Playback singe. Dann habe der Sänger seine Darbietung unterbrochen, sei mit dem Mikrofon auf sie zugekommen, habe sie unter anderem als „Schlampe“ und „Nutte“ tituliert und mit der flachen Hand auf die linke Wange geschlagen.

Unglaubwürdige Zeugen der Verteidigung

Die anderslautende Version des Schlagersängers setzte bei der Kritik an seiner Sangesleistung an. Seine Ehefrau sei zu der Wirtin gegangen und habe diese aufgefordert, die unwahren Behauptungen zu unterlassen. Daraufhin habe die Wirtin im Streit seine Ehefrau geschlagen. Um sie zu beschützen, sei er hinzugeeilt und habe, nachdem die Wirtin ihm das Mikrofon aus der Hand geschlagen habe, ihr eine „Watschen“ verpasst, habe also aus Notwehr gehandelt.

Die Beweislast für diese Nothilfe habe er nicht erbringen können, erklärte Schulte in seiner Urteilsbegründung. Dazu reichten die Aussagen der Zeugen, 11 waren geladen, wurden aber nicht alle gehört, nicht aus. Nicht die seiner Ehefrau, die nach dem angeblich erhaltenen Schlag, perplex gewesen sein will und nicht mitbekommen habe, ob ihr Mann die Wirtin geschlagen habe oder nicht. Nicht die eines Bekannten des Sängers, der manchmal als Tontechniker fungierte. Dieser gab den Tathergang ungefragt in seinen wesentlichen Punkten wider, erinnerte sich aber auf Nachfrage nicht mehr an Einzelheiten. Auch nicht mehr daran, wie viel er getrunken hatte, nur, dass auf seinem Deckel rund 60 Euro zusammenkamen. Nicht eine weitere Zeugin, die laut Heinisch zwar viel redete, aber selten konkret wurde und als es Backpfeifen gab, sich „aufs Klo verpieselte“.

Schulte attestierte dem Schlagersänger, sein bester Verteidiger gewesen zu sein. Zu seinen Gunsten wertete der Richter, dass die rufschädigenden Äußerungen der Wirtin zu einer Eskalation beitrugen, indem sie bei dem aufstrebenden Sänger existentielle Befürchtungen hervorgerufen wurden und seine Künstlerehre kränkten. Dennoch dürfe er nicht zur Selbstjustiz greifen, sondern müsse einen Anwalt nehmen. Wenn er diesen nicht bezahlen könne, sei das für ihn ärgerlich.

Die finanzielle Situation des Künstler, der aus gesundheitlichen Gründen pausiert, aber bald „einen Plattenvertrag in Österreich unterschreibt“, war auch ein Grund für die niedrigere Ansetzung der Strafe, als sie im Strafbefehl vorgesehen war. Während Amtsanwalt Heinisch für die beiden Beleidigungen und eine Körperverletzung eine Gesamtstrafe von 65 Tagessätze á 10 Euro forderte, entschied Schulte auf 45 Tagessätze á 10 Euro.

von Gianfranco Fain

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr