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Blitzer bessern Bilanz der Stadt auf

Verkehrserziehung Blitzer bessern Bilanz der Stadt auf

Seit einem Jahr sind die stationären Geschwindigkeitsmessanlagen im ­Gladenbacher Stadtgebiet in Betrieb. Zwar wurden die erwarteten Zahlen ­erreicht, ein großes ­Geschäft für die 
klamme Stadt­kasse ist es 
 allerdings ­noch nicht.

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Während die Geschwindigkeitsmessanlagen an der Marburger Straße (links) und an der Bushaltestelle am Neubaugebiet „Am Würtenberg“ (rechts) in Gladenbach kontinuierlich auslösen und Geschwindigkeitsüberschreitungen festhalten, trägt sich der „Blitzer“ in Höhe des Nordrings im Stadtteil Weidenhausen (Mitte) nicht.

Quelle: Gianfranco Fain

Gladenbach. Noch in der Amtszeit von Bürgermeister Klaus-Dieter Knierim (CDU) kam die Idee auf, im Stadtgebiet stationäre Geschwindigkeitsmessanlagen aufzustellen.

Raser ausbremsen sowie die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer an neuralgischen Punkten zu erhöhen, waren die Pro-Argumente. Für den einen oder anderen Verantwortlichen spielte sicherlich auch die Aussicht eine Rolle, mit den Einnahmen das Defizit in der Stadtkasse aufzubessern.

Die Zahlen der anonymen Probemessungen im Jahre 2013 untermauerten die Annahme der Notwendigkeit einer Geschwindigkeitskontrolle an der Marburger Straße und in Weidenhausen-Petersburg. Später kamen noch zwei Anlagen hinzu: eine an der Landesstraße 3050 in Weidenhausen in Höhe des Nordrings und eine bei der Bushaltestelle am Neubaugebiet „Am Würtenberg“.

Im November 2013 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Geschwindigkeitsmessanlagen von einem privaten Anbieter aufstellen und betreuen zu lassen. Doch bis die Anlagen in Funktion gingen, dauerte es aus verschiedenen Ursachen noch. Erst am 4. Dezember 2014 wurde es ernst, dann schaltete die Firma Vitronic die Anlagen an der Petersburg und in der Marburger Straße auf Echtbetrieb.

Rund 7,76 Millionen Messungen im ersten Jahr

Rund ein Jahr ist seitdem vergangen, die ersten Zahlen für den Zeitraum 3. Dezember 2014 bis 10. Dezember 2015 inklusive der mobilen Anlage der Stadt liegen vor: Die Geschwindigkeit von 7.761.017 Fahrzeugen wurde gemessen, was für 16.148 Verkehrsteilnehmer eine­ gebührenpflichtige Verwarnung für die Überschreitung der zulässigen Geschwindigkeit mit bis zu 20 Kilometern pro Stunde (km/h) zur Folge hatte, 416 Verkehrsteilnehmer erhielten eine­ Anzeige, weil sie mehr als 21 km/h zu schnell waren.

Während in diesen Zahlen auch die Ergebnisse der mobilen Messanlage der Stadt enthalten sind, kommen noch die Ergebnisse der Messungen des gemeinsamen Ordnungsbehördenbezirkes hinzu: 38.383 gemessene Fahrzeuge, davon 1676 Verwarnungen und 24 Anzeigen.

Wie sich diese Zahlen auswirken, zeigte der Nachtragshaushalt 2015. Darin besserte der Kämmerer die Zahlen nach, denn ursprünglich waren bei der Aufstellung des Haushaltsplanes aus der Verkehrsüberwachung 200.000 Euro an Einnahmen erwartet worden. Bürgermeister Peter Kremer (parteilos) verkündete, dass nun mit Einnahmen von 230.000 Euro fest zu rechnen ist.

2013 noch ein Defizit 
von 79 000 Euro verzeichnet

Doch die Freude war nicht groß, denn zugleich stiegen auch die Kosten. Statt der vorgesehenen 50.000 Euro sind nun 90.000 Euro an den „Blitzer-Aufsteller“ abzuführen. Diesen Betrag ließen die vielen geringen Tempoüberschreitungen in die Höhe schnellen, berichtete Kremer, denn die Firma, die die Anlagen kostenlos für die Stadt aufstellt, erhält pro ausgelöster Messung, die zur einer Verwarnung führt, eine Pauschale von rund 5 Euro.

Nach der Berücksichtigung weiterer Kosten wie der Datenübertragung an das Kommu­nale Gebietsrechenzentrum sowie der Verrechnung innerhalb der Gladenbacher Verwaltung für die Bearbeitung der Verwarnungs-Bescheide bleibt noch ein Plus von 6300 Euro statt der ursprünglich kalkulierten 35.500 Euro übrig.

Zum Vergleich: Im Jahr 2013, dem letzten kompletten Jahr ohne stationäre Anlagen, „erwirtschaftete“ die Stadt mit der Verkehrsüberwachung noch ein Defizit von knapp 79.000 Euro. „Dieses Summe war den Stadtverordneten aber die Verkehrssicherheit in Gladenbach wert“, betont Kremer.

Die verkehrserzieherischen Effekte der Geschwindigkeitsmessanlagen stuft auch Kremer positiv ein, sieht sich darin von vielen Anliegern bestätigt: Die Geschwindigkeit sei insgesamt verlangsamt und ­somit auch die Lärmbelastung ­reduziert.

Anlage in Weidenhausen trägt sich nicht

Trotz des geringen Überschusses im vergangenen Jahr plant der Rathauschef für das Jahr 2016 mit einem Defizit von knapp 25.000 Euro. Wobei unberücksichtigt ist, wie sich das neue Jahr ohne große Baustellen an den Stadtstraßen auswirken wird. Schätzungen über die Einnahmeausfälle wegen der beiden Langzeitbaustellen an der B 255 gibt es nämlich nicht.

Es ist aber unstrittig, dass dies zu Einnahmeverlusten führte, zumal die drei betroffenen Anlagen die größten „Effekte“ erzielen. Die Anlage am Weidenhäuser Westring in Höhe des Nordrings trage sich nicht, erklärt Kremer, jedenfalls nicht wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen. Diese wurde auf Wunsch der Bevölkerung aufgestellt, weil viele Autofahrer das Rotlicht der Ampel nicht beachteten.

Ob am Ende des Jahres wirklich ein Defizit steht oder doch ein Plus, liegt letztlich an den Autofahrern und wie schnell sie sind. Einen „Top-Ausreißer“ nach oben gab es im vergangenen Jahr nicht. Die Spitzengruppe bildeten 47 Verkehrsteilnehmer, die 31 bis 40 km/h zu schnell waren und 7 Verkehrsteilnehmer, die die zulässige Geschwindigkeit um 41 bis 50 km/h überschritten, im Ort also bis zu 100 km/h fuhren.

Das sind deutlich weniger, als bei den anonymen Probemessungen im Jahr 2013 registriert wurden. Wie die OP damals berichtete erfasste das Messgerät in der Marburger Straße bei einer 159-Stunden-Messung insgesamt 19.955 Fahrzeuge, von denen 9285 die zulässige Geschwindigkeit überschritten – rund 46 Prozent. Dort registrierte das Gerät während der sechseinhalb Tage 487 Fahrzeuge, die mit Tempo 100 unterwegs waren, 189 fuhren 110 km/h, 48 mit 120 km/h und zwei Verkehrsteilnehmer fuhren in der 50er-Zone mit 150 Kilometern in der Stunde.

von Gianfranco Fain

Ein Gewinn für die Sicherheit

Das erste Jahr mit der stationären Geschwindigkeitsüberwachung bescherte der Gladenbacher Stadtkasse statt der erwarteten 35.500 Euro ein Plus von rund 6300 Euro. Das ist auf den ersten Blick nicht viel und rechtfertigt auch nicht den gern geäußerten Vorwurf der Abzocke von Autofahrern.

Anders sieht es aus, wenn bedacht wird, dass sich die Stadt im letzten Jahr ohne feste Blitzer die „Verkehrserziehung“ rund 79.000 Euro kosten ließ. Das macht zum Jahr 2014 rund 85.000 Euro Unterschied in der Kasse aus.

Es hätte auch mehr werden können, wenn die Messanlagen an den beliebten Schnellfahrstrecken nicht monatelang wegen Bauarbeiten ausgefallen wären. Dennoch hat die Stadt mit den Anlagen eine erzieherische Wirkung ­erreicht. Tempoverstöße von 100 Kilometern pro Stunde und mehr, wie während der  anonymen Testphase im Jahr 2013, waren nicht zu verzeichnen. Das darf getrost als kleiner Fortschritt zur Verkehrssicherheit bezeichnet werden.

Spannend wird es in diesem Jahr, weil an den neuralgischen Punkten der Stadtstraßen keine so großen Behinderungen wie im vergangenen Jahr drohen. Dann könnte es durchaus öfter blitzen – in welcher Höhe die zulässige Geschwindigkeit dann überschritten wird, muss sich zeigen. Bei vielen geringen Tempoverstößen fällt der Anteil der Stadt Gladenbach klein aus.

Zudem kann es auch sein, dass sich die Autofahrer, zumindest die Ortskundigen, noch mehr auf die Messanlagen einstellen und die Anlagen entsprechend weniger auslösen.

Diese Ungewissheit bewog Kämmerer Peter Kremer wohl dazu, die Einnahmen durch die Geschwindigkeitsüberwachung mit dem gleichen Betrag wie im Jahr 2015 einzuplanen. Ob er damit richtig liegt, wird sich spätestens im dritten Quartal zeigen.

Dann könnte die Diskussion um die Abzocke oder die Unwirtschaftlichkeit der Anlagen neu entflammen. Unstrittig dürfte aber sein, dass die Raser abgebremst wurden, was ein Gewinn für die Verkehrssicherheit ist.

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