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Bilder „zeigen“ den Duft der Rosen

Kunst als Hobby Bilder „zeigen“ den Duft der Rosen

Hermine Utschig liebt die Kunst. Ihre ersten Schritte als Malerin machte die gebürtige Pfälzerin in Gladenbach. Die OP traf die Künstlerin in Wehrda.

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Sie lebt mit ihren Bildern: Unzählige Gemälde, sogar einige Skulpturen zieren das Haus von Hermine Utschig.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Gladenbach. Das Haus von Hermine Utschig gleicht einer Galerie. An allen Wänden hängen Gemälde, große und kleine, die Blumen, Landschaften oder das Marburger Schloss zeigen. Den Hausflur ziert das überdimensionale Porträt einer Freundin. „Ich lebe mit meinen Bildern, keine Ecke im Haus ist mehr frei“, sagt die Malerin.

Sie steht am Fenster, streichelt mit einer Hand die Katze und blickt in den Garten. Die Rosen darin sind ihr Stolz. Blühen die Pflanzen im Hochsommer, verbringt sie viel Zeit auf der Terrasse. „Inmitten dieses Duftes, das ist wunderbar“, schwärmt die 84-Jährige, die betont: „Alles, was schön ist, liebe ich!“ Und dazu zählt die Malerei.

Das besondere Talent Utschigs, die Teile ihrer Kindheit in Gladenbach verbrachte, fiel schon zu Schulzeiten auf. In der zweiten Klasse sollten die Schüler mit Wasserfarben einen Hühnerhof malen. Danach wurde ihr Werk von allen hoch gelobt. Von ihrer Mutter bekam sie einen Aquarell-Kasten geschenkt, mit dem sie erste Tiere und Blumen malte.

Das Interesse an Kunst wuchs: Bald schon begann sie, ihre Mitschüler in Heften zu porträtieren. Und besuchte sie in den Ferien ihre Großeltern, waren Zeichenheft und Stift treue Begleiter. Nach Gladenbach kam die in Wattenheim in der Pfalz geborene Künstlerin 1939 im Alter von zehn Jahren an der Seite der Mutter, die nach dem frühen Tod des Vaters dort eine neue Liebe gefunden hatte. Doch mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges veränderte sich das idyllische Kleinstadtleben: Schulen wurden geschlossen, Lebensmittel waren knapp. Hermine Utschig, geborene Pfister, erinnert sich: „Wir holten unser Essen mit dem Fahrrad von einem Bauerhof aus Frohnhausen.“

In dieser schweren Zeit arbeitete sie als 15-Jährige für einige Monate in der Keramikfabrik eines Bekannten; zumindest bis zu dem Tag, an dem die Schule wieder öffnete. Irgendwer empfahl ihr damals, sie solle wegen ihres künstlerischen Talents Kontakt zum Maler Karl Lenz in Erdhausen aufnehmen. Tatsächlich bekam sie von dem Künstler, der von ihren Bildern angetan war, wertvolle Ratschläge für ihre kreativen Arbeiten. Und ebenso Ratschläge für das Leben, die Utschig nicht umsetzen wollte. Da sie nämlich zur selben Zeit schon ihren späteren Ehemann Franz, der aus dem Krieg nach Erdhausen heimkehrte, kennenlernte, empfahl ihr Lenz, sie solle sich nicht mit einem Mann, sondern Kunst beschäftigen. Sie schmunzelt: „Er sagte, mein Bräutigam müsse die Malerei sein!“

Ihre berufliche Laufbahn begann sie in einer Fabrik, in der sie Tischplatten und Griffelkästen bemalte. Nach einem halben Jahr wechselte sie als Stenographin zum Katasteramt. Doch der Wunsch, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen, wuchs. Schon 1949 fasste sie einen Plan: Sie zog zu einer Tante nach Hannover und bekam den ersehnten Platz an der Kunstschule. Im März sollte das Semester beginnen - doch weil sie sich von ihrem Freund nicht trennen wollte, kehrte sie unverrichteter Dinge ins Hinterland zurück. „Ich bin nicht unglücklich darüber“, sagt sie. Denn der Familienmensch heiratete den Diplom-Ingenieur 1950 in Gladenbach, brachte bald zwei Töchter zur Welt und bezog, nachdem die junge Familie mehrere Jahre am Wilhelmsplatz gewohnt hatte, zu Beginn der 1960er Jahre das eigene Haus in Wehrda. 1970 begann sie ihre Ausbildung zur Hauswirtschaftsmeisterin. Noch heute ist die liebende Oma und Uroma in die Kasseler Meister-Rolle eingetragen.

Doch trotz der Ausbildung beschäftigte sich Utschig weiter intensiv mit der Malerei. Sie begann sogar, ihre Werke zu verkaufen und von dem Geld, das sie mit den ersten Bildern verdiente, habe sie sich prompt einen Tiefkühlschrank und eine Halskette leisten können.

Bis heute hat sie wahrscheinlich mehr als 500 Bilder gemalt, viele hat sie behalten, manche verschenkt, einige verkauft. Begehrt waren ihre Marburg- und Blumenbilder. Ohnehin sind Blumen eines ihrer liebsten Motive. Sie beschreibt sich als „Farbenmensch“ - und die meisten Farbtöne fänden sich eben in Blumen. „Ich kann Rosen malen, ohne dass sie Ölschinken sind, dass man den Duft der Rosen noch sieht!“ Darüber hinaus ist die Porträtmalerei ihre große Stärke. Sie malte Bilder verschiedener Gattungen: Neben Aquarellen und Bleistiftzeichnungen auch Pastell- und Ölgemälde.

Wenig beeindruckt ist die 84-Jährige allerdings von gegenständlicher Kunst oder abstrakten Graphiken. Sie findet, jedes Bild müsse sich, für jeden Menschen erkennbar, selbst erklären können. Auch der Begriff „Moderne Kunst“ gefalle ihr nicht, denn: „Wirkliche Kunst ist immer modern!“

Sobald sie Pinsel oder Stift in die Hand genommen hatte, konnte sie sich „von null auf hundert“ für viele Stunden konzentrieren. Danach habe sie aber oft lange gebraucht, um wieder herunterzukommen, oft unternahm sie dann lange Spaziergänge mit ihrer damaligen Boxer-Hündin. Sie lacht: „Manchmal habe ich Bilder aber auch totgemalt, weil ich nicht aufhören konnte!“

von Benedikt Bernshausen

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