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„Nie wieder arm sein“

Wettbewerb zum Thema Heimatvertriebene „Nie wieder arm sein“

Kann der Geschichtsverein Biedenkopf Jugendliche für Heimatgeschichte interessieren? Bei Carolin Christine Ehnert hat das geklappt.

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Die Uroma väterlicherseits von Carolin Christine Ehnert musste 1944 im heutigen Bosnien Haus und Hof zurücklassen.

Quelle: privat

Biedenkopf. Eine 16-jährige Schülerin hat sich mit der Geschichte Vertriebener befasst, die nach 1945 ins Hinterland kamen. Der Hinterländer Geschichtsverein will ihre Arbeit veröffentlichen.

Als der Verein 2016 einen Schülerwettbewerb startete, hat Carolin Christine Ehnert nicht lange überlegt. Denn es ging darum, wie die Integration von Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg im Hinterland gelang. „Mit diesem Thema bin ich groß geworden“, erzählt die Biedenkopferin.

Denn ihre Groß- und Urgroßeltern verloren durch den Zweiten Weltkrieg ihre Heimat, erlebten auf der Flucht Schreckliches, bevor sie dann im Hinterland neu anfingen. „Vor allem meine Uroma und meine Oma mütterlicherseits haben immer viel von früher erzählt“, berichtet die 16-Jährige, die 2013 – nach dem Tod der Uroma – mit ihrer Familie und der Oma deren frühere Heimat in Dörnthal (heute Tschechien) besuchte.

Diese Reise hat Carolin Christine (Foto: Abbe) lange beschäftigt. Und das Thema Flucht und Vertreibung lässt sie bis heute nicht los. Unbegreiflich ist ihr, wie Menschen damit fertig werden können, ­ihren ganzen Besitz zu verlieren, und wie sie es dann schaffen, sich an einem fremden Ort ein neues Leben aufzubauen.

Deshalb war der Wettbewerb für sie auch eine Gelegenheit, der Geschichte ihrer eigenen Familie nachzugehen, sagt die Schülerin der Lahntalschule.

Interviewpartner fand sie in ­ihrer Familie genug. Der Opa mütterlicherseits erzählte von der Flucht aus Heinzendorf (heute Tschechien). Er berichtete von Güterzügen ohne Toiletten. Und davon, wie die sechsköpfige Familie – in Dautphe angekommen – ein Zimmer bekam. Eisenbetten und Strohmatratzen sind ihm in Erinnerung geblieben. Wasser gab es im Stall, eine Toilette im Hof.

Als Maurer habe sein Vater zum Glück schnell Arbeit gefunden. Vertriebene, die aus der Landwirtschaft kamen, hätten es schwerer gehabt. An die Armut erinnert er sich. Daran, dass Flüchtlingskinder in der Landwirtschaft für ein Butterbrot arbeiteten. Und daran, dass sie kein Schulmaterial hatten und sich nicht willkommen fühlten. „Viele der ortsansässigen Bürger sahen uns Vertriebene als unerwünschte Eindringlinge.“

Die Oma mütterlicherseits berichtete, was ihre Mutter, also Carolin Christines Uroma, während und nach der Flucht leisten musste. Ihr Ehemann war vermisst. So trat die Frau die schwere Reise mit ihrer kleinen Tochter, den Eltern und Schwiegereltern an. Zunächst kamen sie in die DDR. 1955 flüchteten Mutter und Tochter in den Westen, nach Biedenkopf.

Uroma starb vor dem Interview

Der Anfang im Hinterland war hart. Sie arbeitete als Haushaltshilfe, hatte ein Zimmer für sich und ihr Kind. Als sie Arbeit und Wohnung verlor, erfuhr sie aber auch Mitleid: Eine Frau in der Schulstraße nahm die beiden auf. „Was meine Uroma geleistet hat, ist unglaublich“, meint Carolin Christine mit Blick ­darauf, dass die Urgroßmutter­ nicht nur für ihr Kind sorgte, sondern es schaffte, ihre Eltern aus der DDR nachzuholen und später ein Haus in der Donauschwabenstraße zu bauen.

Carolin Christine hätte auch gern ihre Uroma väterlicherseits interviewt. „Aber bevor ich sie befragen konnte, ist sie gestorben“, erzählt die Urenkelin. Geblieben ist ihr aber „ein kleiner Schatz“: das Fluchttagebuch, das die Uroma geführt hat. Mithilfe ihrer Eltern hat Carolin­ Christine das in alter Schrift ­geschriebene, schwer zu lesende Tagebuch durchgearbeitet und auf Google Maps die Flucht­route der Urgroßmutter nachvollzogen. Erschrocken ist die 16-Jährige dabei über die Odyssee, die für ihre Uroma im September 1944 in Rudolfstal (heute Bosnien) begann und – zwei Jahre später – im September 1946 in Dexbach endete. Die Familie konnte dort eine Wohnung in der „Alten Schule“ beziehen und fühlte sich gut aufgenommen.

Auszeichnung

Die Arbeit „Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen im und nach dem 2. Weltkrieg in den Gemeinden des ehemaligen Kreises Biedenkopf“ von Carolin Christine Ehnert umfasst 34 Seiten mit Interviews, historischen Informationen und zahlreichen alten Fotos. Mehrere Monate hat die heute 16-Jährige in ihrer Freizeit an der Dokumentation gearbeitet; unterstützt wurde sie von ihren Eltern und ihrem Geschichtslehrer Wolfgang Schilling. Der Hinterländer Geschichtsverein hat Carolin Christine Ehnerts Arbeit ausgezeichnet. Die Schülerin hat ein Preisgeld von 500 Euro erhalten. Zudem wird der Verein die Arbeit veröffentlichen.

Carolin Christines Urgroßmütter und Großeltern sind im Hinterland heimisch geworden, trotz aller Anfangsschwierigkeiten. Vergessen ist der Verlust der alten Heimat indes nicht. Auch wenn die Familie dort unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr leben wollte, sagt die 16-Jährige. Aus den Berichten ihrer Großeltern wird deutlich, wie bitter die Erinnerung daran ist, nach der Flucht verarmt vor dem Nichts gestanden zu haben. Viele der Vertriebenen seien in ihrer alten Heimat wohlhabend gewesen, erzählte der Opa. Und die Uroma mütterlicherseits sagte einst, sie wolle „nie wieder arm sein“. Noch 2004 hat sie aufgeschrieben, was ihre Familie in Dörnthal zurücklassen musste: Haus, Nebengebäude, Land und Vieh.

Die Erfahrung ihrer Großeltern, alles verloren zu haben, wirke bis heute in der Familie­ nach, sagt Carolin Christine. In vielen Vertriebenenfamilien werde ein Gefühl der Unsicherheit an die nächsten Generationen weitergegeben, glaubt die 16-Jährige.

Sie schlägt bei diesem Gedanken auch den Bogen zu den syrischen Flüchtlingen, die heute­ in Deutschland neu anfangen müssen. Trotz kultureller Unterschiede: Auch hier könne die Integration gelingen, wenn Neuankömmlinge und Einheimische nur wollen, ist Carolin Christine überzeugt.

von Susan Abbe

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