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„Sie sitzen in einer Zeitmaschine“

600-jähriges Bestehen der Hospitalstiftung „Sie sitzen in einer Zeitmaschine“

Mit 600 Jahren ist die 
Hospitalstiftung eine der
ältesten in Hessen. Die evangelische Kirchengemeinde feierte am Wochenende das außergewöhnliche Jubiläum.

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Als Tuchhändler Johannes Plitt führte Christoph Kaiser die Gäste der Feierstunde durch die Jahrhunderte zurück in die Gründungszeit der Hospitalstiftung.

Quelle: Klaus Kordesch

Biedenkopf. Vor rund 300 Jahren stellten sich Biedenkopfer Bürger den bewaffneten Soldaten der Landmiliz in den Weg, um ihr Hospital zu schützen. Dieses und andere spannende Schlaglichter aus der Geschichte erfuhren rund 100 Besucher des Festakts anlässlich des Jubiläums „600 Jahre Hospitalstiftung“ am Freitag in der Hospitalkirche. Sänger Peter Hohenecker und Gitarrist Alexander Ott lockerten die ohnehin ebenso kurzweilige wie informative­ Veranstaltung mit Bluesrock musikalisch auf.

Mit „Leib und Leben“ hätten die Biedenkopfer ihr Hospital verteidigt, erklärte Gerald Bamberger als Autor der Festschrift, in die der Leiter des Hinterlandmuseums neue Forschungsergebnisse einfließen ließ. In dem Scharmützel gipfelte am 27. Juni 1714 der gut drei Jahrzehnte lange Konflikt um Kompetenzen und Rechte zwischen der Stadt Biedenkopf und der Kirche in Gestalt von Pfarrer ­
Andreas Walther, dem immer wieder unordentliche und eigenmächtige Verwaltung des Hospitals vorgeworfen wurde, wie Bamberger aus den Quellen zitierte.

30 Gulden kostete ein Platz

Mit 600 Jahren sei die Hospitalstiftung – gegründet am Sonntag „Cantate” im Jahr 1417, also am 9. Mai – eine der ältesten Stiftungen in Hessen, machte er deutlich. Das Hospital selbst sei als „Siechenspital“ einem Altenheim ähnlich, in das sich Biedenkopfer Bürger mit wenigstens 30 Gulden, Auswärtige mit 80 bis 100 Gulden einkaufen konnten, erläuterte er. Das streng geregelte Leben dieser 6 bis 16 Pfründner sei mit klösterlichem Leben samt der festen Gebetszeiten vergleichbar.

Außer für das Hospital hätten die Hospitaliten auch für den Pfarrer Arbeiten verrichten müssen. Das Hospital habe sich außer durch die Beiträge der Bewohner vor allem durch die Einkünfte aus der Landwirtschaft finanziert, berichtete Bamberger. Gut fünf Jahrzehnte lang brachten die Herren von Breidenbach immer weitere Güter in ihre Stiftung ein.

Prinzip der Nächstenliebe

Bernhard Stückelberg von Breidenbach zu Breidenstein erinnerte als Vertreter der Stifterfamilie an seinen entfernten Vorfahren Ritter Gerlach von Breidenstein, der nicht nur als soziales Engagement und um sich ein Denkmal zu setzen, sondern wohl auch aus Sorge­ um sein Seelenheil vor 600 ­Jahren die Stiftung eingerichtet habe – in vorreformatorischer Zeit sei das Leben oft ­
daran ausgerichtet gewesen, göttliche Gnade und Verzeihung zu erlangen.

Die seinerzeit tief im Bewusstsein der Menschen verankerten Werke der Barmherzigkeit allerdings seien eine heute viel zu selten wahrgenommene Botschaft, mahnte der Freiherr.

Dass das Prinzip der Nächstenliebe über die Jahrhunderte­ bewahrenswert und unverändert aktuell geblieben sei, erklärte auch Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer. Dem darauf aufbauenden zutiefst menschlichen, christlichen und humanistischen Menschenbild fühle sich zumindest der aufgeklärte Teil der heutigen Welt verpflichtet, sagt er.

Pflanzenmotive sollten Kranke heilen

„Sie sitzen in einer kleinen Zeitmaschine“, erklärte Christoph Kaiser, stilecht als Tuchhändler Johannes Plitt in der Zeit um 1450 gekleidet. Er eröffnete den Besuchern einen neuen Blick auf die Hospitalkirche mit den Wappen der Stifterfamilie, den nach der Reformation fehlenden Lettner als Absperrung des Altarraums vor dem Volk und der Darstellung eines Teufels, der vom Altar abgewendet lieber südlich direkt in die Sonne blickt als auf den Tisch des Herrn.

Auch die Pflanzenmotive an den Wänden wusste Kaiser zu erklären: Wie sich bei der Eucharistie der Wein und die Hostie in Blut und Leib Christi verwandle, so sollten diese abgebildeten heilkräftigen Pflanzen ihre Wirkung für die Kranken und Schwachen in der Kirche durch die Wandlung entfalten, erklärte der Theologe.

Die Stiftungsvorsitzende Pfarrerin Natascha Reuter fand es bemerkenswert, dass die Stiftung nach einer so langen Zeit noch existiere, obwohl sie ihren eigentlichen Zweck nicht mehr erfülle.

Das Familienfest am vorigen Samstag hatte unter anderem einen Stationenlauf für Kinder durch die Kirche und Führungen mit Christoph Kaiser sowie Basteln, Kinderschminken und Spiele zu bieten. Zum Abschluss des Festwochenendes findet am Sonntag um 11 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst statt.

von Klaus Kordesch

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600-jähriges Bestehen der Hospitalstiftung
Während des Festes können sich die Besucher unter anderem über die alten Wandbilder in der Hospitalkirche informieren lassen. Foto: Susan Abbe

600 Jahre Hospitalstiftung – dieses Jubiläum feiern die Biedenkopfer an diesem Wochenende. Lange Festreden soll es laut der Pfarrerin nicht geben, dafür aber unterhaltsame und spielerische Einblicke in die Stiftungsgeschichte.

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