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Wie war das damals mit der Flucht?

Hinterländer Geschichtsverein Wie war das damals mit der Flucht?

Wie interessant Geschichte ist, haben 20 Schüler durch einen Wettbewerb des Hinterländer Geschichtsvereins erfahren. Sie haben Flüchtlinge, 
die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Hinterland ­kamen, interviewt.

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20 Schüler haben Menschen interviewt, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge ins Hinterland kamen. Entstanden sind dabei zwei  Dokumentationen, die der Hinterländer Geschichtsverein mit je 500 Euro prämiert hat. Minister Dr. Thomas Schäfer (links), Jürgen Meyer (Zweiter von rechts) vom Geschichtsverein und Lehrerin Renate Acker (Fünfte von links) mit den Schülern während der Scheckübergabe.

Quelle: Susan Abbe

Biedenkopf. Mit je 500 Euro hat der Hinterländer Geschichtsverein jetzt die zwei herausragenden Schülerarbeiten prämiert. Der hessische Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) kam höchstpersönlich vorbei, um das Engagement der Schüler zu würdigen. Diese hatten für ein Projekt des Vereins Wettbewerb Schüler Menschen befragt, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Während einer Feierstunde auf dem Biedenkopfer Schloss überreichte Schäfer zusammen mit dem Geschichtsvereinsvorsitzenden Gerald Bamberger die Preisgelder an die Schüler.

Dabei hatte es zunächst gar nicht so ausgesehen, als ob der Wettbewerb ein Erfolg werden würde, räumte Jürgen Meyer, Schatzmeister des Vereins, in seiner Rede während der Preisverleihung freimütig ein. Im vergangenen Schuljahr hatte der Verein das Projekt gestartet und in allen Hinterländer Schulen vorgestellt. Aufgegriffen wurde­ 
der Wettbewerb indes nur an zwei Schulen.

An der Hinterlandschule in Steffenberg startete die damalige Klasse R8B (jetzt: R9B) mit ­ihren Lehrerinnen Renate Acker und Anette Clausmeyer ein Gemeinschaftsprojekt. Sie haben intensive Interviews mit damaligen Flüchtlingen geführt, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Hinterland kamen. Erfahren haben sie dabei zum Beispiel, dass die Menschen kaum Hab und Gut mit auf die Flucht nehmen durften, oder wie katastrophal es für ein Flüchtlingskind war, wenn das einzige Paar Schuhe, das es besaß, kaputt ging.

Verein enttäuscht von Resonanz

An der Lahntalschule Biedenkopf hat sich die Schülerin Caroline Christine Ehnert, damals in der Klasse 9a, am Wettbewerb beteiligt. Sie hat insbesondere in ihrer eigenen Familie recherchiert, etwa das Fluchttagebuch der bereits verstorbenen 
Urgroßmutter ausgewertet.

Zunächst sei der Geschichtsverein enttäuscht über die zahlenmäßig geringe Resonanz auf den Wettbewerb gewesen, berichtete Schatzmeister Meyer.­ Dann aber habe die Jury die beiden Arbeiten, die in Steffenberg und Biedenkopf entstanden sind, gelesen. Und da sei schnell klar gewesen: „Es hat sich gelohnt.“ Denn auch wenn nur zwei Arbeiten eingereicht wurden. „Diese beiden Arbeiten sind absolut herausragend“, lobte Meyer und kündigte an, dass der Geschichtsverein die beiden Dokumentation veröffentlichen wird.

Glücklich über das zuletzt doch positive Ergebnis des Wettbewerbs zeigte sich Meyer aus mehreren Gründen. Denn mit dem Schülerwettbewerb habe der Geschichtsverein Neuland betreten und mehrere Ziele verfolgt: Erstens habe es bisher für den Altkreis Biedenkopf keine Arbeiten gegeben, die die Geschichte der hiesigen Flüchtlinge anhand von Einzelschicksalen dokumentieren. Dringlich sei die Aufgabe gewesen, weil viele Zeitzeugen bereits verstorben sind. „Wenn wir die Zeitzeugen aber einfach gehen lassen, ohne sie zu befragen, dann laufen wir Gefahr, dass wir wesentliche Teile der Geschichte übergehen“, so Meyer.

Minister: Mit Geschichte beschäftigen und lernen

Außerdem wollte der Verein mit dem Wettbewerb das Interesse Jugendlicher an der Heimat- und Regionalgeschichte fördern, die in den Schullehrplänen leider recht stiefmütterlich behandelt werde. Nicht zuletzt geht es dem Verein laut Meyer aber auch darum, Vereinsnachwuchs zu werben.

„Der Geschichtsverein ist ein Rentnerverein“, gab Meyer unumwunden zu. Nur wenige Mitglieder seien jünger als 60. „Wir wären sehr froh, wenn wir junge geschichtsinteressierte Menschen für den Verein interessieren könnten“, sagte Meyer.

Voll des Lobes für die Schüler war auch Minister Schäfer. Die Arbeiten der Jugendlichen seien für ihn auch ein Spiegel seiner eigenen Familiengeschichte. Denn seine Mutter sei 1946 aus Schlesien vertrieben worden, sagte Schäfer. An das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen zu erinnern, sei in der Vergangenheit in Deutschland ein Stück weit versäumt worden und deshalb heute mehr als notwendig, sagte Schäfer.

Sich mit der Geschichte zu beschäftigen sei wichtig, um Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit zu ziehen. Deshalb sei es gut, dass im Rahmen des Wettbewerbs Schüler aus erster Hand geschildert bekommen, was in der Vergangenheit geschehen ist.

von Susan Abbe

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