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Bürger sehen ihre Belange verkauft

Krummacker Bürger sehen ihre Belange verkauft

Mehr als 60 Bürger 
aus Wallau und Niederlaasphe wollten wissen, was für den „Krummacker“ geplant ist. Am ­Ende des Abends war 
ein gemeinsamer Weg kaum in Sicht.

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Der Wall aus überschüssiger Erde ist vielen Niederlaasphern ein Dorn im Auge.

Quelle: Hartmut Bünger

Wallau. Diplom-Geografin Anja Klein vom Planungsbüro Koch erläuterte zunächst die wesentlichen Punkte der anstehenden Änderungen. Sodann liefen die Themen munter durcheinander.

Die Bürger aus Wallau und Niederlaasphe befürchten, dass frühere Versprechen im Zuge­ der Bebauungsplanänderung still und heimlich einkassiert werden sollten ( wir berichteten). „Man hat fast den Eindruck, der Investor hat die Änderungen vorgegeben“, sagte Karl Otto Hainbach, „inwieweit hat man bei der ganzen Änderung an die Bürger gedacht?“ Ein Gedanke, der mehrfach auftauchte: dass die Stadt „im vorlaufenden Gehorsam“ gegenüber der Industrie handelt, nicht im Sinne der Bürger.

Biedenkopf sei nun einmal nicht nur Wohn- und Schlafstadt, sondern auch Industriestandort, sagte Bürgermeister Joachim Thiemig (SPD), doch „die Belange der Nachbarschaft sind uns sehr wichtig“. Deshalb habe man ein Gutachten in Auftrag gegeben, um zu prüfen, welche Auswirkungen die Nachbararbeit hätte. Es werde „nur das zugelassen, was nach den rechtlichen Vorschriften zulässig ist“, betonte Thiemig. Und die besagen: Nachts darf in einem allgemeinen Wohngebiet maximal eine Lautstärke von 40 db (A) ankommen. Das sei durch Lärmkontingente, die für das Gewerbegebiet festgelegt werden sollen, weiterhin gegeben, sagte der Rathauschef.

Thiemig: Firmen wollen auch keine Konflikte

Und wenn dort Ruhe herrsche, könne prinzipiell in den Gebieten, in denen jetzt schon nachts gearbeitet werden darf, mehr Lärm entstehen. „Theoretisch könnten wir die Nachtarbeit weiter ausschließen, das würde ihre Situation aber nicht ändern“, sagte Thiemig, „es ist unerheblich, in welchen Bereichen der Lärm entsteht.“

Das sahen die anwesenden Bürger anders. Wer ihnen garantiere, dass in den Unternehmen im Sommer nicht doch die Fenster aufgemacht werden, wollten sie wissen. Und wer die Vorgaben überprüfe. Und überhaupt: Natürlich sei es für sie besser, weil leiser, wenn in der Randlage des Gewerbegebiets nachts nicht gearbeitet wird.

„Ich kann nur aus Erfahrung sprechen, dass das Regierungspräsidium Gießen sehr dahinter her ist“, hielt Andreas Pfeiffer vom gleichnamigen Ingenieurbüro dagegen. Überhaupt solle man Firmen nicht gleich unterstellen, dass sie Vorgaben nicht einhalten. Dem schloss sich Thiemig an: „Die Firmen wollen doch auch keine Konflikte, das sind nur Zeit und Kosten.“

Abtragung des Walls ist Kostenfrage

Ein weiteres, intensiv besprochenes Thema: das Erscheinungsbild des Geländes. „Wir gucken vor ein Riesenbollwerk“, kritisierte ein Bürger aus Niederlaasphe den Wall und schloss Kritik an der geplanten Gebäudehöhe an. Nach der Terrassierung des Geländes würden die Hallen sehr viel höher werden als ursprünglich gedacht. Thiemig widersprach: In absoluten Werten gesehen habe sich der höchste Punkt der Gebäude im oberen Bereich des „Krummackers“ nicht geändert. Die Berechnung stimme nicht, sagte­ der Niederlaaspher, das sehe man sofort. Teilweise sei der Boden erheblich erhöht worden. Sein Vorschlag: das Gelände im oberen Teil noch einmal ordentlich auskoffern.

Das regte auch Otto Wunderlich an: „Das wird eine ganz andere subjektive Wahrnehmung bringen.“ Nach längerer Diskussion versprach Joachim Thiemig zumindest, einmal ausrechnen zu lassen, was ein weiterer Geländeabtrag kosten und bringen würde. „Alles auf das untere Niveau zu bringen, ist jedoch nicht bezahlbar“, stellte er klar. Die Kritik am Wall, von den Niederlaasphern meist „Limes“ genannt, nahm er ebenfalls auf. Wenn er als Sichtschutz nichts bringe und auch nicht erwünscht sei, dann müsse man eben noch einmal darüber sprechen, ihn doch zu entfernen.

Diskussion bleibt sachlich

Die Kritik, die Terrassierung stehe auf rechtlich fragwürdigen Beinen, wies der Biedenkopfer Bürgermeister zurück. Das Regierungspräsidium Gießen habe diese Tiefbauplanung genehmigt.

Am Ende einer weitgehend sachlichen Diskussion benannten einige Bürger summarisch die Themen, die ihnen besonders auf den Nägeln brennen. Die Gebäudehöhe samt der Höhe des oberen Plateaus gehört ebenso dazu wie der Wall in Richtung Niederlaasphe, der Abstand des Gewerbegebiets nach Niederlaasphe und nicht zuletzt die Nachtarbeit. Biedenkopfs Bürgermeister ermunterte, solche Punkte in den Einsprüchen vorzubringen. „Ich fände es gut, wenn wir das im Abwägungsverfahren hinbekommen“, sagte er. Allerdings müssten die Überlegungen auch realistisch sein.

  • Bis zum Freitag, 29. September, können Bürger Bedenken vorbringen. Die Unterlagen sind im Internet unter www.biedenkopf.de abrufbar.
Vier Kernpunkte der Kritik

Derzeit gilt für den „Krummacker“ ein Bebauungsplan aus dem Jahr 2002. Anja Klein vom Planungsbüro Koch (Aßlar) hat in der Fritz-Henkel-Halle die wichtigsten Punkte vorgestellt, die nun geändert werden sollen.

Straßenführung: Bislang sollte das Gewerbegebiet über eine ringförmige Straße erschlossen werden, nun ist eine Stichstraße geplant. Anlass ist die Anfrage eines Interessenten, der eine große, zusammenhängende Fläche erwerben will. Die Stichstraße bietet laut Klein den Vorteil, dass die Fahrbahnfläche und damit auch die versiegelte Fläche kleiner wird.

Höhe der Gebäude: Um die alte Situation, ein von Norden nach Süden abfallendes Gelände, mit der inzwischen modellierten und terrassierten Fläche vergleichen zu können, hat das Planungsbüro die alten Werte­ auf Zahlen umgerechnet, die sich an der Höhe des Meeresspiegels (NN) orientieren. Auf der Fläche, die direkt ­unterhalb der Verbindung zwischen Wallau und Niederlaasphe liegt, steigt die relative Höhe der Gebäude demnach zwar leicht von 10 auf 10,4 Meter an, die Dachhöhe liegt aber laut Klein weiter bei 334,5 Metern: „Im oberen Bereich des Gewerbegebiets hat sich bei der maximal erreichbaren Gebäudehöhe nahezu nichts getan.“ Anders im unteren Teil: Hier dürfen die Gebäude weiterhin zwölf Meter hoch sein. Da das Gelände hier jedoch aufgeschüttet wurde, steigt die Höhe von 326 auf 332,5 Meter über NN. „Das Ganze dürfte sich, von Norden her gesehen, gar nicht bemerkbar machen“, andere Gebäude liegen aus dieser Richtung davor.

Der grüne Wall im Westen, der im Zuge der Terrassierung durch Erdablagerungen entstanden ist: Ursprünglich war er nur als Übergangslösung gedacht. Dann kam laut Klein die Idee auf, ihn als Sichtschutz beizubehalten: „Die Festsetzung im Bebauungsplan ist allerdings nur eine Möglichkeit.“.

Emissionen: Bislang erlaubte der Bebauungsplan keine Nachtarbeit. Interessenten für Gewerbeflächen wünschen sich das jedoch anders. Ein Gutachter hat laut Klein deshalb überprüft, unter welchen Bedingungen Nachtarbeit hier zulässig wäre, ohne die Wohnbebauung zu beeinträchtigen. Das Ergebnis: Der Gutachter hat für das Gewerbegebiet Emissionskontingente festgelegt. Wenn die Firmen sich daran halten, lassen sich die Richtwerte der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) einhalten. Sie sieht für allgemeine Wohngebiete nachts zwischen 22 und 6 Uhr maximal 40 db (A) vor.

von Hartmut Bünger

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