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„Eine permanente Puzzlearbeit“

Casting für Musical „Die Hatzfeldt“ „Eine permanente Puzzlearbeit“

Aus dem großen Saal des Biedenkopfer Rathauses schallt wütendes Geschrei. Wo sonst die politischen Repräsentanten der Stadt debattieren, wird nun ­gespielt, gesungen und getanzt.

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Komponist Paul Graham Brown bespricht mit dem jungen Bewerber Tim Struck die Interpretation der Rolle.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Biedenkopf. Die Schimpferei im ehrwürdigen Haus belohnt Birgit Simmler mit lobenden Worten. Denn alles ist natürlich nur ein Teil der Inszenierung: Das Kreativteam der Schlossfestspiele ist im Rathaus auf der Suche nach Talenten für das diesjährige Musical „Die Hatzfeldt“.

Die Warteliste derer, die sich zum Vorsingen angemeldet haben, ist lang. Bereits um kurz vor 10 Uhr sitzen die ersten Talente auf den Stühlen vor dem Saal. Die Stimmung wirkt ausgelassen, die große Anspannung der Teilnehmer vor dem entscheidenden Augenblick ist dennoch spürbar.

Eigentlich, erklärt Komponist Paul Graham Brown, müsse niemand nervös sein, denn: „Einige freundliche Leute erwarten hier im Saal die Teilnehmer“, sagt der Brite mit Blick auf die Jury und lächelt. An seiner Seite sitzen neben Autorin und Regisseurin Birgit Simmler auch Mareike Schäfer (Chorleiterin) und Marlen Schäfer (Choreografie-Assistentin).

Komponist Paul Graham Brown bespricht mit dem jungen Bewerber Tim Struck die Interpretation der Rolle.

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Die Experten sind auf der Suche nach dem Besonderen, den Begabungen, dem Potenzial, 
das in den Teilnehmern schlummert. Trotz allem besteht ein hoher Anspruch an die Qualität: „Wir wollen das Stück natürlich bestmöglich besetzen“, sagt Brown. Gesucht werden Menschen für das Spielensemble, für den Chor, für kleinere und größere Solistenrollen. Die professionellen Hauptdarsteller sichten die Macher erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Mehr als sieben Stunden – am Samstag und am Sonntag – folgt Teilnehmer auf Teilnehmer. Das ist insbesondere für die Jury 
eine anstrengende Zeit: „Wir versuchen jede Person, die hereinkommt, direkt in das Gesamtbild einzuordnen. Das ist eine permanente Puzzlearbeit“, betont Paul Graham Brown.

Dann geht es los. Szenen eines Casting-Tages: Als einer der ersten wird Tim Struck von der Jury aufgerufen. Der Zwölfjährige hatte bereits beim vorigen Musical „Der Postraub“ eine der Kinderrollen verkörpert. Damals wurde nur gesprochen, diesmal soll und muss auch gesungen werden.

Mama sagt: 
„Du machst das schon“

Das bereitet dem jungen Biedenkopfer einiges Kopfzerbrechen; speziell vorbereitet hat er nichts. Also improvisieren er und Brown zunächst am Flügel, singen einige bekannte Zeilen aus dem Postraub. Danach spielt Tim mit Birgit Simmler ­eine kurze Szene aus dem aktuellen Stück. Die Experten sind zufrieden: „Super, super, super“, sagt Simmler. Auch Tims Mutter ist sichtlich stolz – hatte sie ihren Sohn doch durch die massive Holztüre hindurch singen gehört. „Jetzt warten wir gespannt darauf, ob wir angerufen werden und Tim mitmachen kann“, sagt sie.

Der Wartebereich vor dem Saal füllt sich. Als eine der nächsten ist Laura Lipensky an der Reihe. Eigentlich ist die 14-Jährige 
gut vorbereitet: „Ich nehme Gesangsunterricht und tanze 
schon seit vielen Jahren – erst Ballett, später Hip-Hop“, sagt die Stadtallendorferin. Für das Vorsingen hat Laura zwei Lieder ausgesucht: einen modernen Popsong und einen Musicalhit. Außerdem hat sie sich mit der Postraub-Musik auseinandergesetzt.

Was sie jedoch genau im Saal erwarten wird, weiß sie nicht. Deshalb ist sie aufgeregt, reibt sich nervös die Hände. Die Mutter beruhigt: „Du machst das schon; du machst dir zu viele Gedanken!“ In diesem Moment dringt erneut Geschrei aus dem Saal. Das sorgt für entspannende Erheiterung im Foyer. Dann ist Laura an der Reihe. Sie singt, sie spielt – und lacht auch: Immerhin signalisieren die Juroren, dass ihnen der Auftritt gefallen hat. Laura fällt ein Stein vom Herzen. Sie sagt: „Es war cool!“

Um eine der Erwachsenen­rollen bewirbt sich Kristina Müller aus Herzhausen. Singen, sagt sie, sei einfach ein bedeutender Bestandteil ihres Lebens. Bisher aber habe sie für sich allein, nur im privaten Raum gesungen. Nun wagt sie den Schritt in die Öffentlichkeit: „Ich probiere es einfach. Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Simmler: „Werden 
das Stück gut besetzen“

Sie singt eine klassische Arie, danach einen Rocksong. Es folgt auf Wunsch eine kurze wortlose Schauspiel-Improvisation. Geschafft. „Das hat richtig Spaß gemacht“, sagt Kristina Müller. 
Wie so viele andere vor und nach ihr geht sie mit einem guten Gefühl und guten Gedanken nach Hause.

Viel Zeit nehmen sich die Juroren für die zahlreichen Kinder, die sich um eine Rolle bewerben. Der Ablauf ist immer der selbe: erst Gesang, dann Schauspiel. Während das Casting für Lea Burk aus Biedenkopf eine Premiere ist, nimmt Enya Mevius aus Dautphe bereits zum wiederholten Male teil – im vergangenen Jahr spielte sie eines der Posträuber-Kinder.

Von den Nachwuchstalenten sind die Juroren sichtlich angetan: „Die Kinder sind wichtig, sie tragen den ersten Teil des Stückes“, erklärt Paul Graham Brown. Viel Text, viel Gesang, viel Verantwortung. Birgit Simmler sagt zufrieden: „Alle, die da waren, sind gut und doch so unterschiedlich!“ Dementsprechend schwierig wird die Auswahl werden.

Das gilt letztlich für alle Teilnehmer, auch für die Erwachsenen. Eines ist aber sicher: „Mit denen, die wir haben, werden wir das Stück gut besetzen können“, betont Birgit Simmler. Paul Graham Brown lächelt: „Ich freue mich auf die Herausforderung!“

von Benedikt Bernshausen

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