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"Der Wald ist der schönste Baumarkt"

Bushcrafter im Hinterland "Der Wald ist der schönste Baumarkt"

Der 46-jährige Volker Schmidt aus Wallau findet in den Wäldern des Hinterlandes Erholung und Abenteuer. Den rund 2 600 Abonnenten seines YouTube-Kanals zeigt er, wo sein „Zuhause“ ist.

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Volker Schmidt hält sich am liebsten in der Natur auf.

Quelle: Nadine Weigel

Wallau. Volker Schmidt kraxelt einen Hang im Wald unweit des Hainbachs hinauf. Der Boden unter dem Laub aus dem Vorjahr ist matschig und bietet selbst schweren Wanderstiefeln wenig Halt. Schmidt zieht sich an kräftigen Ästen hoch. Auf seinem Rücken trägt er einen Rucksack, etwa 12 Kilo schwer.

Am Gürtel hat er auf der einen Seite eine Wasserflasche, auf der anderen eine Tasche für seine Videokamera befestigt. „Wasser ist das Wichtigste, gerade im Sommer“, sagt Schmidt, er ist etwas aus der Puste. „Es ist in unseren Wäldern nicht lebensgefährlich, dafür ist die Gegend zu dicht besiedelt.“ Wenn man jedoch irgendwo einen Hang hinabstürzt, sich ein Bein bricht und kein Wasser dabei hat, gerät man schnell in Gefahr, erklärt der 46-Jährige. Vor vier Jahren zog es Schmidt aus Essen ins Hinterland, wo er in seiner Jugend regelmäßig seine Großeltern besucht hat.

Seit Ende Juli 2013 betreibt Schmidt den YouTube-Kanal „Abenteuer Hinterland – mehr als Bushcraft“. Mit dem Modewort Bushcraft kann Schmidt eigentlich nicht viel anfangen. „Das heißt  übersetzt so viel wie Waldhandwerk und schränkt sehr ein“, sagt Schmidt. In seinen Videos nimmt er die Zuschauer mit auf Tour durch die Hinterländer Wälder – mal zu Fuß, oft mit dem Mountainbike. Rund 2 600 Abonnenten verfolgen seinen Kanal. Er will den Menschen die Natur näher bringen und zwischen den Zeilen die eine oder andere „Message“ vermitteln, wie er sagt. „Ich möchte zeigen, dass da noch etwas anderes ist als Geld und ein dickes Auto. Lebensqualität bedeutet etwas ganz anderes, das haben wir nur verlernt.“

Der 46-jährige Volker Schmidt aus Wallau findet in den Wäldern des Hinterlandes Erholung und Abenteuer. Den rund 2 600 Abonnenten seines YouTube-Kanals zeigt er, wo sein „Zuhause“ ist.

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Am Hang macht der Bushcrafter nach einigen Metern Halt und zeigt den Eingang zu einem etwa zehn Meter tiefen Stollen, den Bergleute in den Fels geschlagen haben. „Es gibt im Hinterland viele Stollen, manche sind etwas gefährlich, dieser hier ist sicher“, sagt Schmidt, geht in die Hocke und krabbelt mit der Taschenlampe voraus. Im Stollen ist es dunkel und kühl, von der Decke tropft es. Die künstlichen Höhlen haben das ganze Jahr über eine Temperatur von etwa acht Grad, sagt Schmidt. „Im Sommer kann man hier seine Lebensmittel kühl lagern, und im Winter könnte man in der Höhle überleben, bei diesen Temperaturen erfriert man nicht.“

Die Stollen seien nur „ein kleiner Stein im Mosaik der Abenteuer“, die man in den Hinterländer Wäldern erleben kann.  Schmidts jüngstes Projekt ist ein Waldgarten auf einem eigenen Waldgrundstück, in dem er im Sommer ab und an übernachtet. Dort hat er auch eine Lagerfeuerstelle errichtet. Darüber berichtet er in einem Tagebuch auf seinem Kanal. „Da habe ich jetzt etwas Mais gepflanzt und eine Bienenwiese angelegt. Man muss etwas gegen das Bienensterben tun, finde ich.“

Volker Schmidt ist gerne gut vorbereitet, wenn er auf Tour geht. Zu den wichtigsten Ausrüstungsgegenständen zählen: Kochtopf und Essgeschirr, ein Werkzeug- sowie ein Taschenmesser, eine Stirnlampe, ein Erste-Hilfe-Set, eine Signalpfeife, ein Seil sowie Zubehör zum Feuermachen. Foto: Nadine Weigel

Volker Schmidt ist gerne gut vorbereitet, wenn er auf Tour geht. Zu den wichtigsten Ausrüstungsgegenständen zählen: Kochtopf und Essgeschirr, ein Werkzeug- sowie ein Taschenmesser, eine Stirnlampe, ein Erste-Hilfe-Set, eine Signalpfeife, ein Seil sowie Zubehör zum Feuermachen.

Quelle: Nadine Weigel

Schmidt beschreibt sich als Einzelgänger – auf Tour geht er immer alleine, aber gut vorbereitet. „Auch wenn ich zu Hause merke, dass ich 80 Prozent der Ausrüstung nicht gebraucht hätte, bin ich beruhigter, wenn ich sie dabei habe.“ Dann packt er seinen Rucksack aus und breitet seine Ausrüstung auf einer dünnen grünen Isomatte aus. Wenn Schmidt darauf im Wald übernachtet,  legt er eine sogenannte ­Elefantenhaut, eine dicke Plane, unter. „Aber am liebsten schlafe ich in meiner Hängematte, da muss ich nicht so auf den Untergrund achten“, sagt Schmidt.

In einem Säckchen hat er Paracord in verschiedenen Längen dabei. Die Fallschirmleine ist sehr reißfest und vielseitig einsetzbar. „Man kann sie als Schnürriemen-Ersatz oder auch zum Feuerbohren verwenden“, sagt Schmidt. Dafür baut er einen Bogen mit der Paracord und bohrt mit einer Spindel in ein Stück Fichtenholz, bis es glüht. Daran lässt sich mit Zunder ein Feuer entfachen. „Das findet man ja alles hier. Der Wald ist der schönste Baumarkt“, sagt Schmidt. Auch ein Bestimmungsbuch für essbare und giftige Pflanzen nimmt der 46-Jährige gerne mit auf Tour.

Wer die Natur beim Bushcraften erleben will, der braucht dafür nicht viel mehr als eine alte Hose, erklärt Schmidt. Ein Taschenmesser dabei zu haben, kann nicht schaden. Die integrierte Pinzette eignet sich zum Beispiel, um Zecken zu entfernen (mehr zur Ausrüstung in der Grafik). „Es gibt hier so traumhafte Gegenden und verlassene Ecken. Ich gehe am liebsten die alten, vergessenen Wege.“ Langweilig werde ihm dabei nicht, er könne jeden Tag im Wald sein. „In den vier Jahren, seit ich hier wohne, habe ich meine Heimatstadt Essen nicht eine Sekunde vermisst.“ Wo es ihm besonders gut gefällt, hängt er die Hängematte auf und liest. Oder baut etwa einen sogenannten Shelter, einen Unterschlupf. „Und irgendwann macht es klack, und dann bin ich da. Dann ist die Hektik weg, und ich bin zu Hause angekommen.“

von Philipp Lauer

Kochen im Wald

„Im Wald offenes Feuer zu machen, ist verboten, das sagt einem ja auch der Menschenverstand“, sagt Volker Schmidt. In seinem Waldgarten kocht Schmidt gerne auf einem sogenannten Hobo-Ofen. Das Gestell aus Edelstahlplatten ist schnell zusammengesteckt und wird mit Totholz befeuert. Durch den entstehenden Kamineffekt sind Hobo-Öfen sehr effizient. „Das ist natürlich schon Luxus.“ Ein Spirituskocher tut es aber auch. Auf feuerfestem Untergrund füllt Schmidt etwas Spiritus in den Kocher und packt Feuerstein und Messer aus. Mit einer geübten Bewegung schlägt er Funken in den Kocher, der sofort zündet. Nach wenigen Minuten ist das Fertiggericht in der Pfanne warm. Schmidt nimmt nichts Frisches mit, weil das mehr Brennstoff verbrauchen würde und insbesondere frisches Fleisch schnell verdirbt. „Das ist für mich Lebensqualität, wenn ich alleine im Wald sitze und mir etwas koche. Und in der Natur schmeckt mir alles gleich zehn Mal besser“, sagt Schmidt. Den Spiritus löscht er mit dem Deckel ab und wartet, bis der Kocher abgekühlt ist. „Erst dann kann man ihn wieder zuschrauben, sonst bekommt man Probleme mit der Dichtung.“

Auf einem Spiritusbrenner bereitet sich Volker Schmidt eine Mahlzeit zu. Foto: Nadine Weigel

Auf einem Spiritusbrenner bereitet sich Volker Schmidt eine Mahlzeit zu.

Quelle: Nadine Weigel
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