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„Die kamen an wie die Mafia“

Prügel-Prozess „Die kamen an wie die Mafia“

Massenschlägerei, jeder-gegen-jeden, Gemetzel, Fight-Club, Krieg – das ist das Bild, das die Zeugen einer Körperverletzung von der Nacht des 8. Mai 2016 zeichneten. Um eine gebrochene Nase ging es am Amtsgericht.

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Vergangenes Jahr im Mai flogen am Biedenkopfer Marktplatz die Fäuste.

Quelle: Christian Röder

Biedenkopf. Angeklagt war ein 40-jähriger Türke wegen Körperverletzung: Der Mann, der in Biedenkopf lebt, soll einem 24-jährigen Landsmann aus Herborn zwei Mal ins Gesicht geschlagen haben. Unter anderem erlitt das Opfer eine Nasen­beinfraktur sowie Prellungen am Kopf. Die Nase musste von einem Schönheitschirurgen gerichtet werden. Der Nebenkläger war für mehrere Monate ­arbeitsunfähig.

Der Angeklagte sagte, er kenne den Geschädigten nicht, habe ihn nie zuvor gesehen. Dass er selbst in jener Nacht auf dem Marktplatz war – „völliger Zufall“. Er „wollte nur von der ­Arbeit nach Hause gehen. Dann habe ich ein paar Bekannte gesehen und kurz gegrüßt“. Urplötzlich seien dann „sieben, acht Autos“ auf den Marktplatz gefahren. „Die kamen an wie die Mafia. Haben den Marktplatz komplett zugestellt. Ich konnte nicht weg“, sagte der Angeklagte. Dann sei einer auf ihn zugekommen.

„Mittlerweile­ waren die aus den Autos ausgestiegen. Es waren bestimmt 30 Leute auf dem Marktplatz. Er hat mich geschubst, da habe ich ihm aus Reflex eine gegeben.“ Er sagte, er habe Angst gehabt: „30 Mann kommen nicht einfach nachts an zum Reden – das kann man auch in der Eisdiele machen.“

Vorgeschichte dreht sich um Ehre

Mehrere Zeugen aus den ­Lagern der beiden Wortführer sprachen davon, dass „jeder Schläge kassiert habe“ und „jeder gegen jeden“ gekämpft habe. Wie genau diese „Massenschlägerei“ abgelaufen ist, blieb allerdings im Dunkeln, denn ein Zeuge muss keine Angaben machen, bei denen er sich selbst belastet. Zudem sei es „zu dunkel gewesen“ und „schon über eineinhalb Jahre her“.

Ein besonderes Augenmerk legten das Gericht und die sieben Zeugen auf die Vorgeschichte. Demnach habe es Streitigkeiten zwischen dem Cousin des Opfers und dem Bruder eines 28-jährigen Biedenkopfers gegeben. Dabei ging es wohl um ein Mädchen. „Mein Cousin wurde in Biedenkopf erniedrigt und angespuckt“, sagte der Nebenkläger, „in unserem Kulturkreis ist Ehre sehr wichtig.“

Er wollte sich mit dem 28-Jährigen hinsetzen und reden, wie er sagte. „Ich gehe doch nicht dahin, um mich zu schlagen“, erklärte der Herborner, der einräumte, dass es ein Fehler gewesen sei, gleich mit mehreren Fahrzeugen – er sprach von fünf – vorzufahren. „Für mich war es aber wichtig, die Sache zu klären und aus der Welt zu schaffen“, sagte der 24-Jährige. „Mit Worten. Aber dass wir so viele waren, war sicher nicht deeskalierend.“ Er habe­ den 28-Jährigen per Handschlag begrüßt. Bis hierhin sei die ­Situation zwar angespannt, aber friedlich gewesen, sagten sowohl der Wortführer der Herborner als auch der der Biedenkopfer Gruppe.

„Wir wollten eigentlich nur reden“

Dann – und hier stimmten die Zeugen aus beiden Lagern auch überein – sei der Angeklagte auf den Herborner und den Biedenkopfer zugekommen. „Er hat gesagt, man kommt nicht mit so vielen Leuten zum Reden“, erklärte der 28-jährige Biedenkopfer. „Dann hat er ihm eine Backpfeife gegeben.“

Ein 26-Jähriger aus Sinn, der das Geschehen aus dem Auto­ des Geschädigten beobachtet hatte, sprach hingegen von mehreren Schlägen. „Wir wollten eigentlich nur reden. Anfangs hat es auch geklappt, doch dann hat mein Freund zwei Schläge kassiert und ist zu Boden gegangen. Danach ist die Situation eskaliert.“

Warum man überhaupt mit so vielen Personen nachts nach Biedenkopf fahre, wollte Richterin Melanie Heinek von einem 22-jährigen Herborner wissen. „Ich wollte zu meinen Freunden stehen“, sagte er. „Und Biedenkopf ist ja anderes Gebiet.“

Eins sei in jener Nacht zum anderen gekommen, erklärten­ zwei Zeugen aus dem Lager des 28-jährigen Biedenkopfers: „Ich weiß nicht, wer den ersten Schlag gesetzt hat, aber danach ist jeder auf jeden losgegangen.“

Anwältin bittet um mildes Urteil

Sowohl der Staatsanwalt als auch der Anwalt der Nebenklage, Gunnar Kirschbaum, ließen keinen Zweifel daran, dass sie dem Angeklagten nicht glaubten, dass er zufällig zu der Gruppe auf dem Marktplatz gestoßen sei. „Das ist komplett gelogen“, sagte Kirschbaum.

Zwischen den beiden Wortführern aus Herborn und aus Biedenkopf sei die ganze Sache keine „Verabredung zur Massenschlägerei“ gewesen, betonte der Rechtsanwalt. Aber dem 40-Jährigen habe letztlich nicht gepasst, dass „hier nur geredet wird“. Deshalb habe er zugeschlagen – zwei Mal. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Nebenklage forderten eine­ Geldstrafe.

Die Verteidigerin sagte, dass eine Streitigkeit zwischen Jugendlichen eskaliert sei, weil sich Cousins, Brüder und Väter der Beteiligten mit eingeschaltet hätten. Nicht zweifelsfrei erwiesen sei, dass die Ohrfeige, die ihr Mandant eingeräumt hatte, auch zu dem Nasenbeinbruch geführt habe. Immerhin sei der junge Mann, auf dem Boden liegend, von anderen Teilnehmern der Schlägerei traktiert worden. Sie forderte eine „milde Strafe“.

Richterin Heinek ließ ebenfalls durchblicken, dass sie dem Angeklagten nicht glaubte, dass er zufällig in die Situation reingeraten sei. Und sie betonte: „Das Geplänkel, das nach den beiden Schlägen losging, ist nicht Teil dieses Verfahrens.“ Sie verurteilte den 40-Jährigen zu 60 Tagessätzen à fünf Euro (300 Euro). Zudem muss er die Verfahrenskosten tragen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Christian Röder

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