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Anklage: Stieftochter jahrelang missbraucht

Aus dem Landgericht Anklage: Stieftochter jahrelang missbraucht

Hat ein 56-Jähriger seine Stieftochter erstmals als 13-Jährige und dann 
jahrelang sexuell missbraucht, wie es ihm die Staatsanwältin vorwirft?

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Der 56-jährige Angeklagte aus der Gemeinde Dautphetal bestreitet vor dem Landgericht die Vergewaltigungsvorwürfe.

Quelle: Pixabay

Marburg. Von 1996 bis zum Jahr 2000 soll der 56-Jährige sich mindestens 42 Mal an seiner Stieftochter vergangenen haben. Jedes Mal sei dem Angeklagten bewusst gewesen, dass das mutmaßliche Opfer den Geschlechtsverkehr nicht wollte, sagte Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier gestern zu Prozessbeginn. Gefügig gemacht habe der gebürtige Biedenkopfer das Mädchen mit Drohungen und Gewalt.

Die Kindheit der heute 34-Jährigen, die nicht mehr im Hinterland lebt, war eine tragische – das wurde aus den Aussagen des Angeklagten, ihres Ehemannes und der Mutter deutlich: Wegen deren Drogenabhängigkeit verbrachte das junge Mädchen Jahre im Kinderheim.

Dann lernte ihre Mutter den Angeklagten kennen. „Ich habe einen Mann gesucht, mit dem ich meine Tochter aus dem Heim holen und clean werden konnte“, sagte die Mutter als Zeugin. „Ich wollte meiner Tochter die Familie bieten, die sie sich immer gewünscht hat.“ Der Angeklagte sagte zu dieser Zeit und der Drogenproblematik seiner Ex-Frau: „Wir haben gemeinsam gesagt, wir schaffen das.“

Angeklagter findet Vorwürfe „schockierend“

Doch eines Tages – laut Anklage der 3. November 1996 – soll der Dautphetaler seine 13-jährige Stieftochter das erste Mal vergewaltigt haben. Laut Brinkmeier musste sich das Mädchen im Abstellraum auf einen Stuhl setzen und die Hose ausziehen. Anschließend sei es zum „vaginalen Geschlechtsverkehr bis zum Orgasmus“ gekommen.

Laut Anklage folgten Dutzende Male – „regelmäßig, mindestens einmal pro Monat“ – im Bett, im Keller, im Abstellraum … Einmal, 1998, habe der Angeklagte seine Stieftochter auch im Sommerurlaub vergewaltigt. Oft habe sich die Stieftochter „heftig gewehrt“, so die Anklage. Mit körperlicher Gewalt sei sie dann gezwungen worden; oft habe er sie auch mit seinem Körpergewicht „fixiert“, legte sich auf das Mädchen. Und: Laut Anklage lebte sie in der Angst, der Stiefvater würde die Mutter verlassen, wenn sie nicht machen würde, was er sagte. Auch habe sie sich davor gefürchtet, dass ihre Mutter rückfällig wird.

Der Angeklagte bestreitet, dass es überhaupt jemals zum Geschlechtsverkehr mit dem Kind kam. Die Vorwürfe seien „schockierend. Ich habe mich so um sie und ihre Mutter gekümmert. Ich weiß, dass sie in ihrer Kindheit viel durchgemacht hat, aber diese Vorwürfe …“ Angesprochen darauf, dass er dennoch sehr ruhig wirke, sagte der Angeklagte: „Ich bin innerlich aufgewühlt. Es entspricht aber nicht meinem Naturell, auszubrechen.“ Auch seine Kinder – aus der Ehe mit der Mutter des mutmaßlichen Opfers stammen ein Sohn und eine Tochter – habe er nie geschlagen.

Ex-Frau: „Ich dachte, er ist schwul“

Weiter erzählte der Angeklagte von dem eigentlich guten Verhältnis zu dem mutmaßlichen Opfer. Er schilderte seinen Tagesablauf, die schwere Zeit mit der Drogenabhängigkeit seiner Ex-Frau und ein intaktes Sexualleben.

Risse bekam dieses Bild durch die Schilderungen der Ex-Frau. Zwar habe er sich immer toll um seine Stieftochter gekümmert, doch im Bett sei es nicht gut gelaufen. „Er hat mich nicht angefasst“, sagte sie. „Ich dachte deshalb oft, er ist schwul. Ich bin aber nicht auf den Gedanken gekommen, dass er pädophil ist.“ Und: „Ich habe immer versucht, mir ein Bild von ihm zu machen, doch es haben immer Puzzleteile gefehlt.“ Als ihre Tochter vor vier Jahren die Vorwürfe erhob, hätte „auf einmal alles gepasst“.

Das mutmaßliche Opfer war beim Prozessauftakt nicht anwesend. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf machte sich aber durch die Videoaufnahme der richterlichen Vernehmung ein Bild der heute 34-Jährigen. Darin erinnerte sich die Stieftochter des Angeklagten an die mutmaßliche erste Vergewaltigung. „Ich dachte, ich sterbe“, sagte sie. „Es tat einfach unheimlich weh, als er in mich eindrang.“

Danach habe sie sich ihrer Mutter offenbaren wollen. „Es hat in mir geschrien. Doch meine Mutter hat mich nicht gesehen. Sie war in ihrer Drogenwelt.“ Und sie habe Angst gehabt. „Angst um meine Mutter, dass sie wieder Drogen nimmt und dass ich wieder ins Heim muss.“ Danach habe sie sich ihrem Schicksal gefügt. „Ich hatte dann immer den Gedanken, es so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Es war normal für mich. Ich war’s gewohnt. Ich habe für die Zeit abgeschaltet.“

Tagebuch des Mädchens dient als Beweismittel

Weitere Einblicke in das Seelenleben der jungen Frau sind vielleicht über ihr Tagebuch möglich, welches dem Gericht als Beweismittel vorliegt. Unter dem Datum 12. November 1996 heißt es da: „Er packte in meinen Pullover, zog die Hose runter und drückte mich an die Wand.“ Unter dem 16. Oktober 1997 ist vermerkt: „Der Wichser. Ich habe ihm schon so oft geholfen (,gefickt‘).“

Heutzutage gehe es seiner Frau nicht gut, berichtet der Ehemann des mutmaßlichen Opfers. Sie sei sehr oft in der Klinik und habe Suizidgedanken. Sie sei zudem in einer Therapie, habe aber nie eine Trauma-Behandlung gemacht. Der Mann erzählte: „Es geht ihr wirklich nicht gut. Sie schneidet sich die Arme auf. Ist seit dem 1. Mai wieder in der Klinik. Sie hat sich aber fest vorgenommen, im Laufe des Prozesses auszusagen.“

Neben den wiederholten Vergewaltigungen ist der 56-Jährige auch angeklagt, im Jahr 2012 an der Tochter seiner neuen Lebensgefährtin einmal „sexuelle Handlungen“ vorgenommen zu haben. Laut Anklageschrift soll er dem auf seinem Schoß sitzenden Kind an Brust und Scheide gefasst haben.

Der Prozess wird am Donnerstag um 9 Uhr in Saal 104 des Landgerichts fortgesetzt.

von Christian Röder

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