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Angeklagter kritisiert das Gericht

Aus dem Landgericht Marburg Angeklagter kritisiert das Gericht

Im Prozess gegen einen 56-jährigen Dautphetaler, der die Tochter seiner 
Ex-Frau jahrelang vergewaltigt haben soll, hat der Angeklagte erstmals seit dem Prozessauftakt das Wort ergriffen.

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Vor dem Landgericht Marburg werden für heute die Plädoyers im Missbrauchsprozess gegen einen 56-Jährigen erwartet.

Quelle: Inga Kje / dpa

Marburg. Die Verhandlung geht am dritten Tag vor dem Marburger Landgericht in ihre dritte Stunde. Gerade hat Diplompsychologin Sabine Nowara ihr Gutachten über die Persönlichkeit des Angeklagten beendet, da bricht es aus dem 56-Jähri­gen heraus. Er wolle etwas sagen, gibt der Mann dem Vorsitzenden Richter Dr. Thomas Wolf zu verstehen. Bislang hat er den dritten Prozesstag maßgeblich damit verbracht, zuzuhören und Bonbons zu essen.

Der Angeklagte, der die ihm zur Last gelegten Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfe bereits beim Prozessauftakt bestritten hat ( wir berichteten), macht nun weiterhin seine Sicht der Dinge klar. Und er sagt: „Ich finde den ganzen Prozess bislang ungerecht. Jeder hier denkt: ,Was ist das für ein Schwein‘ und ,Was hat der Schlimmes gemacht‘.“ Und der Dautphetaler kritisiert, dass ein Großteil der Gerichtsteilnehmerinnen – eine Schöffin, zwei Hilfsrichterinnen, die Anwältin der Nebenklage und die beiden Sachverständige – Frauen seien.

Der 56-Jährige sagt auch: „Ich würde niemals einem Kind oder einem Heranwachsenden etwas antun.“ Er habe sich immer sozial engagiert – oft auch mit Kindern – und nie sei etwas geschehen. Nie habe er ein Kind angefasst, nie eines vergewaltigt. Während seines etwa zehnminütigen Beitrags bricht dem Mann einmal kurz die Stimme – als er von seiner leiblichen Tochter erzählt.

Die Sachverständige Nowara kritisiert der Angeklagte ebenfalls: „Das Gespräch bei Ihnen hat dreieinhalb Stunden gedauert.“ Es sei schier unmöglich, ein ganzes Leben in dieser Zeit auszubreiten. „Wenn er für schuldig befunden wird und er die ihm zur Last gelegten Taten begangen hat, sind ähnliche Straftaten mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten“, hat die Sachverständige im Vorfeld des Redebeitrags des Angeklagten gesagt.

Gutachterin sieht keine „pädosexuelle Störung“

Nowaras Gutachten soll dem Gericht Aufschluss darüber geben, ob möglicherweise eine Sicherheitsverwahrung für den 56-Jährigen infrage kommt, der seine Stieftochter jahrelang sexuell missbraucht haben und ein weiteres Kind angegrapscht haben soll. Nowara macht auch deutlich, dass bei dem Mann keine Persönlichkeitsstörung vorliege und sein Leben bislang in geregelten Bahnen verlaufen sei.

Auf eine Auffälligkeit weist sie jedoch hin: „Bei seinen Beziehungen ist eine Affinität zu Frauen, die ihm unterlegen sind, deutlich“, sagt sie. So war seine Ex-Frau, deren Tochter er missbraucht haben soll, drogenabhängig. Eine „pädosexuelle Störung“ diagnostiziert sie jedoch nicht, „höchstens eine Affinität bezüglich junger Mädchen“.

Am dritten Prozesstag hört das Gericht auch das sogenannte aussagepsychologische Gutachten. Diplompsychologin Sonja Parr macht darin deutlich, dass die Schilderungen des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers – sowohl bei der richterlichen und polizeilichen Vernehmung als auch in nicht öffentlicher Verhandlung vor dem Landgericht – in weiten Teilen glaubhaft seien. Zwar gebe es teilweise Widersprüche in bestimmten Details, „das ist aber auf den normalen Erinnerungsverlust zurückzuführen und ist kein Hinweis auf Untüchtigkeit der Zeugenaussage“, sagt die Expertin über die Aussagen des heute 34-jährigen mutmaßlichen Missbrauchsopfers.

„Insgesamt sind ihre Schilderungen stimmig und sehr detailliert“, erklärt Parr. Besonders erwähnt sie, dass die 34-Jährige auch komplexe Reaktionsketten schildere. „Die Aussage ist insgesamt sehr vielfältig und es gibt keine signifikanten Widersprüche.“ Parr habe auch keine Hinweise darauf gefunden, dass die Tatvorwürfe durch sogenannte „Fremd- oder Autosuggestion“ entstanden seien 
oder dass sie auf „Scheinerinnerungen“ basieren. Für den Laien heißt das: Die Aussagen des mutmaßlichen Opfers sind glaubhaft. Auch eine absichtliche Falschaussage, um ihren ehemaligen Stiefvater zu belasten, schließt Parr aus: „Dazu fehlt das Motiv.“

  • Diesen Dienstag will das Gericht die Plädoyers von Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier und Verteidiger Carsten Dalkowski unter Ausschluss der Öffentlichkeit hören. Anschließend – das hat Dalkowski bereits angekündigt – werde er noch Anträge stellen. Ob am gleichen Tag das Urteil verkündet wird, ist bislang noch nicht bekannt.

von Christian Röder

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Aus dem Landgericht
Vor dem Landgericht Marburg muss sich seit Dienstag ein 56-Jähriger verantworten, der seine Stieftochter jahrelang vergewaltigt haben soll. Beim Prozessauftakt war auch das Fernsehen dabei. Foto: Christian Röder

Der zweite Tag im Prozess gegen einen Dautphetaler, der seine Stieftochter jahrelang sexuell 
missbraucht haben soll, lief weitestgehend 
unter Ausschluss der 
Öffentlichkeit ab.

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