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42 Vergewaltigungen: Zehn Jahre Haft

Landgericht 42 Vergewaltigungen: Zehn Jahre Haft

Auf zehn Jahre Haft lautet die Strafe des Marburger Landgerichts für einen 56-Jährigen, der seine Stieftochter jahrelang vergewaltigte. In Sicherheitsverwahrung kommt er nicht.

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Wird das Urteil des Marburger Landgerichts rechtskräftig, muss ein 56-Jähriger wegen sexuellen Missbrauchs seiner Stieftochter ins Gefängnis.

Quelle: Fredrik von Erichsen / dpa

Marburg. Das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf sprach am Dienstagnachmittag den Mann in allen 43 Anklagepunkten schuldig. Mindestens 42 Mal vergewaltigte er demnach die Tochter seiner Ex-Frau in den Jahren von 1996 bis 2000. Beim ersten Missbrauch war sie 13 Jahre alt.

Auch eines weiteren „wesentlich harmloseren Vorfalls“, so der Vorsitzende, befand das Gericht den Mann für schuldig: Im Jahr 2012 hat er der Tochter einer weiteren Ex-Frau an die Brust und in den Schritt gefasst. Auch diese war damals 13 Jahre alt.

Die Beweisaufnahme für das „Schwergewicht“, also die dutzendfache, jahrelange Vergewaltigung, sei nicht einfach gewesen, so Wolf. Das rühre schon daher, dass die Taten bis zu 21 Jahre zurückliegen. Allerdings sei das heute 34-jährige Opfer laut Richter Wolf „absolut glaubhaft“ gewesen. Bis ins Jahr 2014 habe sie ein regelrechtes Doppelleben geführt und die Vergewaltigungen, die sie von ihrem 13. bis zum 17. Lebensjahr erleiden musste, verdrängt. Dann seien sie herausgebrochen, so der Vorsitzende.

Das Opfer, das am zweiten Verhandlungstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit fast vier Stunden lang aussagte, habe einen „sehr eindrucksvollen und überzeugenden“ Eindruck hinterlassen, verkündete Wolf in seiner Urteilsbegründung. Auch die Sachverständige, die am dritten Verhandlungstag ein sogenanntes aussagepsychologisches Gutachten der Frau vorstellte, kam zu dieser Überzeugung. Ein weiteres wichtiges Beweisstück für diesen laut Wolf „Fall wie aus dem Lehrbuch“ war für das Gericht das Tagebuch des Vergewaltigungsopfers. „Sie hat darin wenige, aber deutliche Bemerkungen zu dem gemacht, was ihr widerfahren ist.“

Die Frau leide unter „ungeheuren Folgen“, so Wolf. Seit 2014 befinde sie sich „fast durchgehend“ in psychiatrischer Behandlung. Der Vorsitzende Richter ging auch auf die Kritik des Angeklagten und des Verteidigers am dritten Verhandlungstag ein. Der Angeklagte kritisierte eine Gutachterin und das Gericht. „Wir zweifeln hingegen nicht an den Erkenntnissen der Sachverständigen“, hielt Wolf fest. Der Erstellung eines weiteren, vom Verteidiger geforderten Gutachtens, erteilte er eine Absage. Die Schlussvorträge von Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier und Verteidiger Carsten Dalkowski fanden gestern Nachmittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Aus Wolfs Urteilsbegründung wurde aber deutlich, dass die Staatsanwaltschaft zwölf Jahre Haft forderte.

Wolf stellte auch klar, dass es sich bei dem Mann aus der Gemeinde Dautphetal nicht um einen Pädophilen oder einen Gewalttäter handelt. Der Mann, der die Taten bis zuletzt abstritt, sei sozial integriert, engagiere sich vielfältig und führe ein bürgerliches Leben. „Er will wahrscheinlich selbst nicht wahrhaben, dass er noch eine andere Seite hat“, so der Richter, der von einem „Bruch in der Persönlichkeit“ des Angeklagten sprach.

Bruch der Persönlichkeit soll behandelt werden

„Er kann sich darüber hinaus sehr gut kontrollieren und beherrschen“, attestiert Wolf ihm. Deswegen sprach sich das Gericht auch gegen die Unterbringung des Mannes in der Sicherheitsverwahrung, der „Ultima Ratio“, aus. „Es wird eine wesentliche Aufgabe im Vollzug sein, seinen Bruch in der Persönlichkeit zu behandeln“, so Wolf. Zwar liege ein gewisser Hang zu solchen Taten nahe, erinnerte Wolf an ein weiteres Gutachten des dritten Verhandlungstages, um diesen zu behandeln, brauche es aber keine Sicherheitsverwahrung.

Auch ein Haftbefehl wurde nicht erlassen. Diesen forderte die Anwältin der Nebenklage. „Wir sehen keine Fluchtgefahr. „Er wird nicht weglaufen“, sagte Wolf in Richtung des Angeklagten. Der nahm das noch nicht rechtskräftige Urteil auf, wie er einen Großteil des Prozesses verfolgt hatte - mit stoischer Mine und einem kurzen, kaum wahrnehmbaren Kopfnicken.

von Christian Röder

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