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Beinborn gibt die Oberaufsicht ab

Ruhestand Beinborn gibt die Oberaufsicht ab

Heute ist der letzte Arbeitstag von Hans-Ulrich Beinborn. Am Mittwoch gibt der gebürtige Holzhäuser seine Uniform ab und am Freitag wird der Leiter des Polizeiposten in Gladenbach nach zweijähriger Verlängerung in den Ruhestand verabschiedet. Sein Fazit: „Es hat einfach Spaß gemacht!“

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Hans-Ulrich Beinborn blickt auf sein Revier. Der Leiter des Gladenbacher Polizeipostens beendet nach 42 Jahren heute seinen Dienst.

Quelle: Gianfranco Fain

Gladenbach. Heute darf Hans-Ulrich Beinborn noch einmal ganz Polizist sein, doch diesmal wird der Feierabend des Polizei-Hauptkommissar anders sein als sonst in den vergangenen 42 Jahren: Es ist der letzte Feierabend, der letzte Arbeitstag des 62-Jährigen in seinem Wunschberuf. Er wollte schon immer Polizist werden, sagt der gebürtige Holzhäuser, und dass es für ihn mehr als ein Job, gar eine Berufung ist, davon zeugt, dass er zweimal beantragte, seine Dienstzeit zu verlängern.

Das wurde von der Direktion begrüßt, was Beinborn sehr entgegenkam, „weil‘s so einen Spaß macht“. Damit meint er den Dienst als Schutzmann und auch die gute Zusammenarbeit mit seinen Kollegen, zum Schluss dem vierköpfigen Team der Polizeistation Gladenbach, deren Leiter er seit 13 Jahren ist.

Zuvor beschritt der Sohn einer achtköpfigen Familie den Weg fast aller hessischen Polizisten in der damaligen Zeit: „Erst mal was Ordentliches lernen“, für Beinborn war dies eine Lehre als Großhandelskaufmann, danach mit 20 Jahren die Grundausbildung bei der Bereitschaftspolizei in Hanau, die Polizeischule in Wiesbaden und dann der erste Einsatz im Einzeldienst. „Das war 1974 in Bad Vilbel“, berichtet Beinborn.

Dort begann die Zeit, in der er „alles miterlebt“ hat: vom schweren Autounfall bis zum Banküberfall, vom Suizid bis zum Mord. Erlebnisse, die haften bleiben, die über lange Zeit aufgearbeitet werden: Wie zum Beispiel zu Beginn seiner Dienstzeit in Bad Vilbel, als er mit einem Kollegen bei einer Wohnungsöffnung dabei war. Die Frau war mit den Kindern schon im Urlaub und sorgte sich um den Ehemann, der nachkommen sollte. Blutüberströmt haben die Polizisten ihn aufgefunden. Oder der erste tödliche Unfall, bei dem auch noch ein kleines Mädchen ums Leben kam. „Die Verzweiflung der Eltern und Verwandten war schon sehr ergreifend. Das vergisst man nicht, zumal damals die psychologische Betreuung nach schweren Einsätzen längst nicht so gut war wie heute “, berichtet Beinborn.

Das trifft auch auf die Einsätze zu, bei denen man sich später überlegt, „das hätte auch anders ausgehen können“. So zum Beispiel, bei einer Verfolgungsfahrt mit Abdrängen des Fahrzeugs, oder als ein aufmerksamer Nachbar einen Banküberfall in Dautphe verhinderte.

Vom Balkon aus einen Gesuchten festgenommen

Die Verdächtigen bemerkten, dass sie beobachtet wurden, und traten die Flucht an. Gemeinsam mit zwei Kollegen, einer aus Cölbe war zufällig in der Nähe, brachte Beinborn den gestohlenen VW Käfer zum Halten, die Täter ließen sich festnehmen, auf dem Rücksitz lag ein geladener 9-Millimeter Trommelrevolver.

Dennoch gab es auch viele heitere Momente bei der Arbeit. Einmal, so erzählt Beinborn schmunzelnd, habe er vom Balkon aus einen Gesuchten entdeckt. Ein Pfiff, ein Wink: Komm mal hier rein. Der Mann ließ sich ohne Widerstand festnehmen - vor den Augen von Kollegen aus dem Rhein-Main-Gebiet. „Die konnten das kaum fassen“, sagt Beinborn.

Doch in den 40 Jahren habe sich auch vieles verändert resümiert er: Der Widerstand bei Polizeieinsätzen nehme zu und heute vergeht kein Tag ohne das eine Anzeige im Zusammenhang mit dem Internet, ob nun Beleidigung oder Betrug, aufzunehmen ist.

Und dennoch: „Der Dienst wird mir ein bisschen fehlen, es war eine schöne Zeit“, sagt Beinborn fast schon wehmütig. Früher waren 40 Dienstjahre für ihn „kaum vorstellbar“, nun sind 42 Jahre „ratzfatz rum“. Ab dem 1. April ist er Ruheständler, bis dahin feiert er Überstunden und Urlaub ab.

Genug Zeit, um sich umzustellen. Jetzt rückt die Familie - „ohne deren Unterstützung wäre das gar nicht gegangen“ - mehr in den Vordergrund und die Hobbys. Erst mal wird verstärkt trainiert, weil es im Sommer an die sechste Alpenüberquerung mit dem Mountainbike geht. Dann wartet auf den 62-Jährigen noch der Gemüsegarten und die Holzarbeit im Wald. Darin, rund um Holzhausen, wird der ehemalige Biedenkopfer Diensthunde-Führer, auch ausgedehnte Spaziergänge mit seinem Drahthaar-Foxterrier unternehmen.

von Gianfranco Fain

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