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Beim Malen zählen nur ihre Gedanken

Neue Serie: Beim Malen zählen nur ihre Gedanken

Malen bedeutet für Stefanie Happel, Gefühle zu verarbeiten und im Einklang mit sich selbst zu sein. Die Kunst hat ihren Alltag wesentlich bereichert.

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Schon in ihrer frühen Kindheit hat Stefanie Happel gern gemalt. „Diese Ader habe ich von meinen Eltern”, sagt die 40-Jährige. Doch nicht immer hatte die Malerei in ihrem Leben den Platz, den sie heute hat. Die gebürtige Göttingerin lebt mit ihrem Mann Frank und ihren Söhnen Maximilian (18) und Sebastian (15) in Altenvers. Handarbeiten, Yoga, Radfahren und Schwimmen zählt sie zu ihren weiteren Hobbys. Etwa vier Jahre ist es her, dass die gelernte Physiklaborantin ihre berufliche Tätigkeit aufgab. Nicht der Malerei wegen, sondern, um mehr Zeit für ihren älteren Sohn zu haben. Maximilian ist seit der Geburt schwerstbehindert und pflegebedürftig.

Wie sie den Spagat zwischen Arbeit und Pflege vor ihrem Berufsausstieg bewältigt hat, das weiß Stefanie Happel heute selbst nicht. Aber sie weiß, dass sie so nicht weitermachen konnte. Sie litt immer stärker unter dem Druck, funktionieren zu müssen und spürte schließlich, dass sie an ihren Grenzen angelangt war. In der Kunst fand sie einen Weg, auszubrechen. Ruhe zu finden, im Einklang mit sich selbst zu sein. Zu agieren, statt nur zu reagieren. Den Anstoß gab ihr eine Freundin: „Sie hat gesagt: Bring doch mal auf Leinwand, was du denkst und fühlst.” Stefanie Happel ist sich sicher, dass Kunst den Alltag erleichtert - „dadurch, dass man etwas an die Bilder abgeben kann“. Sie selbst gibt Emotionen an ihre Bilder ab: mal Einsamkeit und Trauer, mal Fröhlichkeit und Hoffnung. Ebenso Nachdenklichkeit und Sehnsucht, aber auch Gefühlslagen, die nicht mit einem Wort zu benennen sind. Nicht allein das eigene Empfinden zählt für sie.

„Es ist mir wichtig, dass meine Bilder Empfindungen beim Betrachter hervorrufen.”

Vor etwa vier Jahren nahm die Hobbykünstlerin zum ersten Mal an einer Ausstellung teil: bei der Neueröffnung der „Schatzkammer”, einer denkmalgeschützten Hofanlage in Münchhausen. Das historische Ambiente sei stimmig zu ihren Bildern gewesen, sagt Stefanie Happel. Zweimal beteiligte sie sich auch an der Gemeinde-Ausstellung in Lohra, von August 2011 bis Mai 2012, zudem an der Dauerausstellung im Blumenhaus Sprenger.

„Die Erfahrung, dass meine Bilder auch gekauft werden, war ein Wahnsinnschritt für mich“, schwärmt sie. „Es war pure Begeisterung, zu erleben, dass meine Bilder den Leuten gefallen.” Die jetzige Schaffensphase sei ihre bislang intensivste. Beim Malen, erklärt sie, „zählen nur meine Gedanken“. Ihr Telefon oder Handy habe sie dann in der Regel ausgeschaltet. Ihren persönlichen Stil habe sie schnell gefunden, sagt Happel. Vielen ihrer Bilder ist eine gewisse Leichtigkeit zu eigen, die jeweils durch etwas Fließendes ausgestrahlt wird, beispielsweise durch Gräser im Wind (so auch der Name des betreffenden Bildes) oder durch wehendes Haar wie in dem Werk „Steinfrau”. Selbst in den von Melancholie bestimmten Gemälden ist jene Leichtigkeit zu erkennen - etwa in einem Bild, das eine trauernde Person zeigt. Eine Hand, die die Wange der Trauernden berührt, scheint mit dem Haar der Person zu verschmelzen. Das Ineinandergreifen verschiedener Elemente überlässt Happel nicht dem Zufall, sondern arbeitet diesen Effekt stets präzise heraus. So wirken ihre Bilder trotz der fließenden Übergänge von Element zu Element nicht verschwommen.

Dass ihr bereits Freunde bescheinigt haben: „Steffi, deinen Stil würde ich jetzt schon unter vielen heraus erkennen“, freut sie. Am liebsten benutzt sie Acrylfarben. Diese verarbeitet sie mit einer speziellen Schwammtechnik. Auch auf Pastellkreide, Kohle oder Bleistift greift sie gern zurück, nicht aber auf Aquarellfarben. Zwar habe sie sich anfangs auch an Aquarellfarben „herangewagt“, aber schnell festgestellt, dass dies nicht ihr Stil sei. „Ich bin ein strukturierter Mensch“, sagt sie. Das Verschwommene der Aquarellmalerei passe nicht zu ihr.

Einigen ihrer Acryl-Bilder verhilft Happel zur Dreidimensionalität, indem sie Fleece-Streifen aufträgt. Auf diese Weise werden Werke über die farbliche Ebene hinaus durch Tasten erlebbar - auch für Maximilian Happel, der nahezu blind ist.

Manchmal malt Maximilian mit Neonfarben unter Schwarzlicht. Dies bereite ihm großen Spaß, sagt seine Mutter, die sich stets freut, wenn sie ihre Leidenschaft mit anderen teilen kann. Dazu wird möglicherweise bald auch ein eigenes Atelier beitragen, das ihr Mann Frank zurzeit auf dem Dachboden ihres Hauses errichtet.

Gern zitiert sie ihren Leitspruch: „Ruhig bleiben, Ideen begrüßen, die mir begegnen, sie weiterziehen lassen oder auf Leinwand festhalten, mit der Idee und mir selbst in Einklang kommen, nur noch einen Herzschlag hören, ruhig werden mit jedem Pinselstrich.”

von Björn-Uwe Klein

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