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Bei „Scheus“ werden die letzten Biere gezapft

170-jährige Familientradition Bei „Scheus“ werden die letzten Biere gezapft

Ab Mittwoch gibt es in Buchenau nur noch eine große Gaststätte. Mit „Scheus“ verlieren auch die vier Muth-Grenzganggesellschaften ihre Stammkneipe.

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Erika und Klaus Muth, wie sie vermutlich jeder Buchenauer kennt: Ihr Platz war bei „Scheus“ hinter der Theke.

Quelle: Gianfranco Fain

Buchenau. Es wird eng für die Buchenauer Grenzganggesellschaften. Es ist noch gar nicht lange her, da verfügte das 1900-Seelen-Dorf Buchenau noch über vier richtige Dorfkneipen mit entsprechenden Versammlungsmöglichkeiten. Innerhalb recht kurzer Zeit schlossen zwei durchaus große Gaststätten für immer ihre Türen, diesen Dienstag lässt das Ehepaar Muth auch bei „Scheus“ das Bierfass auslaufen.

„Es ist ein ganz schwerer Entschluss, den wir seit 2007, auch mit unseren drei Kindern diskutiert haben“, berichtet der 72-jährige Klaus Muth. Doch nun steht fest: Am 30. Juni endet die 170 Jahre währende Familientradition in der fünften Generation. Geändertes Freizeitverhalten, keine Nachfolger und das Alter – das ist die Gemengelage, aus der heraus sich die Muths entschlossen, die Schankwirtschaft aufzugeben.

Sogar Hansi Hinterseer war zu Gast

Und nun ist sie da, „die Angst vor der großen Ruhe“, wie es Erika Muth ausdrückt. Ihr falle es besonders schwer, verrät ihr Ehemann, schließlich habe die heute 68-Jährige schon 1966, als beide erst verlobt waren, in der Gastwirtschaft geholfen. Seitdem hat sie in der Buchenauer Traditionskneipe vieles miterlebt und viele Menschen kennengelernt. Das Spektrum reicht von Hansi Hinterseer und anderen Stars der Volksmusikszene über die Kneipen- und Pensionsgäste bis hin zu solchen, die ohne zu bezahlen in der Nacht das Haus verließen.

Es überwiegen aber bei weitem die positiven Erfahrungen, betont Erika Muth und nennt als Beispiel die Feiern der Schützen, der Fußballer oder auch die vielen Schulungen, die in ihrem Hause stattfanden, unter anderem von der Firma Roth. Dort lernte Klaus Muth das Disponieren als Speditionskaufmann, arbeitete später bei Buderus, wo er die aus Hatzfeld stammende Erika kennenlernte.

Tradition endet nicht abrupt

Beide halfen, wie später auch die eigenen Kinder, in der Gastwirtschaft aus, übernahmen im Jahr 1983 von Klaus Muths Eltern die Gastwirtschaft in Eigenregie und betrieben sie viele Jahre lang auch als Nebenerwerb. Deshalb geht von Hundert auf Null gar nicht. Erika Muth, die die ganzen Jahre über auch die Küche nur mit einer Helferin bewältigte, wird mit ihrem Ehemann einen Teil des Hauses als Pension-Garni mit fünf Gästezimmern – vorwiegend für Radwanderer – weiterbetreiben.

Gesangverein darf weiter üben

Vorerst erhalten bleibt dem Gesangverein ein Saal zum Üben. Und auch anderen Vereinen oder Gesellschaften bietet sich bei noch vorhandener Schankerlaubnis der Gemeinde die Möglichkeit, einen der beiden Säle für Versammlungen oder Feiern zu mieten. Schließlich will Familie Muth die Tradition nicht abrupt beenden, wurden doch in ihrem Haus die Mohren der vergangenen vier Grenzgänge gewählt und vier Grenzganggesellschaften, die alle den Namen Muth tragen.

Den Abschied von ihrer Berufung feiern Erika und Klaus Muth diesen Dienstag ab 16 Uhr mit Freunden, ehemaligen Arbeitskollegen und Gästen mit einem Abschiedsempfang, der um 16 Uhr beginnt. Bei „Scheus“, wie die Gaststätte zum Bahnhof auch weit über die Grenzen des Grenzgangdorfes Buchenau hinaus bekannt ist.

von Gianfranco Fain

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