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Wellnesstherme zieht besser als Spaßbad

Vergleich Wellnesstherme zieht besser als Spaßbad

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends entstanden in Bad Endbach und Gladenbach zwei Bäder mit unterschiedlichen Konzeptionen und einer gewollten Gemeinsamkeit: Die Freizeitanlagen sind Zuschussbetriebe.

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Weniger Freude am Spaßbad in Gladenbach: Während die Besucherzahlen abnehmen, nimmt die Zuschusshöhe zu.

Quelle: Thorsten Richter

Bad Endbach/Gladenbach. Eine ungewöhnliche Situation entwickelte sich zum Jahrtausendwechsel im Hinterland. Zwei benachbarte Gemeinden beabsichtigten den Bau von öffentlichen Bädern, die in rund 10 Kilometern Entfernung um die Gunst der Gäste buhlen würden. 
 Dementsprechend gab es auch Kritik und Bedenken gegen die Projekte, selbst Stimmen wurden laut, die ein gemeinsames Projekt befürworteten.

Doch dazu kam es nicht, weil die Voraussetzungen ebenso unterschiedlich waren, wie die Konzeptionen, nach denen die Bäder betrieben werden sollten. 
 Ursprünglich war auch nur ein neuer Badetempel im Gespräch, als Ersatz für das arg in die Jahre gekommene Bewegungsbad im Kurort Bad Endbach. Doch dann schlug das Schicksal zu und ließ das Gladenbacher Nautilust am 2. Januar 2005 zum Raub der Flammen werden.

Praktisch über Nacht verlor die Stadt eine ihrer Attraktionen, dennoch fiel den politisch Verantwortlichen die Entscheidung zum Wiederaufbau nicht leicht. Zwar war der Wunsch nach einem adäquaten Ersatz groß, andererseits war auch Erleichterung vorhanden, dass eine große Belastung für die Stadtkasse nicht mehr vorhanden war.

Nautilust II kostete Stadt rund 4,7 Millionen Euro

Und dann war da noch die Kostenfrage für ein neues Bad zu klären. Die hatte einen entscheidenden Haken. Die geschätzten Kosten übertrafen bei weitem die Summe, die die Versicherung als Neuwert erstattete, aber wenn kein Ersatz entstehen würde, bekäme die Stadt nur einen wesentlich geringeren Ausgleich für den Zeitwert.

Schließlich fiel die Entscheidung für eine Wiedererrichtung des Nautilust und am 15. Mai 2007 erfolgte der Erste Spatenstich. Die Anlage kostete rund 13,45 Millionen Euro, 6,75 Millionen Euro kamen von der Brandversicherung, 1,95 Millionen Euro betrug die Summe der Zuschüsse. Seit dem ersten Badetag am 2. Mai 2009 muss die hoch verschuldete Stadt im Durchschnitt jedes Jahr ein Defizit in Höhe von 726.000 Euro mit steigender Tendenz ausgleichen. Lohnt sich das?

Auf dem 
richtigen Weg

„Auf jeden Fall“, meint Bürgermeister Peter Kremer. Das Nautilust sei ein „ganz wichtiger Standortfaktor“ für die Stadt, um Gäste nach Gladenbach zu holen. Davon profitieren zum Beispiel auch die Gastronomie und die Geschäfte. Ferner sei das Bad wichtig für die Schulen und nicht zuletzt auch für den Stand der Stadt als Mittelzentrum.

Standpunkt

Das große Geld wird mit den neuen Bädern nicht zu verdienen sein. Das war den Verantwortlichen in Bad Endbach und auch in Gladenbach klar, als die Bauentscheidung anstand. Es überwog der Gedanke, die Attraktivität der Kommunen zu erhalten oder gar zu steigern. Ein jährliches Defizit wurde dazu in Kauf genommen. Wer aufs bessere Pferd gesetzt hat, wird anhand der Zahlen deutlich.

Doch es wäre zu einfach, den Bad Endbacher Aufwärtstrend nur auf die Exklusivität der Therme zu begründen, während die Gladenbacher mit anderen Spaßbädern konkurrieren müssen. In Bad Endbach wurde in den Erfolg investiert: Externer Sachverstand brachte neue Ideen ein, motivierte Partner runden das Angebot ab und eine gute Werbung trägt ihren Teil zum Erfolg bei.

Dass Investitionen die Attrakti­vität erhalten, hat man nun auch in Gladenbach erkannt und will reagieren. 
In Bad Endbach ist man jedoch wieder weiter. Die Vision eines Hotelbaus ist immer noch vorhanden. Zwar fehlt es noch an einem Investor, doch entsprechende Erfahrung ist schon vor Ort: Der neue Thermenleiter wandelte schon eine ehemalige Kurklinik in ein Wellnesshotel um und führte es zum Erfolg. Das könnte noch ein Glücksfall für die Gemeinde werden.

von Gianfranco Fain

Dennoch bereitet den Verantwortlichen die abnehmenden Besucherzahlen bei steigenden Kosten Kopfzerbrechen. Vor allem das Freibad erreiche nicht mehr die Besucherzahlen von früher, erklärt Rolf Baumann, der kommissarische Leiter der für den Badebetrieb verantwortlichen städtischen Gesellschaft Stadtmarketing-Energie-Bäder (SEB). Das hätte seiner Meinung nach auch nicht gebaut werden dürfen. Ohne das wetterabhängige Freibad hätte man jährlich bis zu 100.000 Euro weniger an Kosten zu stemmen, erklärt Baumann.

Dennoch sagt der SEB-Geschäftsführer: „Es könnte besser sein, doch im Moment bin ich noch zufrieden.“ Schließlich konkurriere das neue Spaßbad mit Anlagen, die es zu Zeiten des Nautilust I nicht gab: die Therme in Bad Endbach und das Aquamar in Marburg.

Um mit diesen mitzuhalten, soll das Nautilust aufgewertet werden. Vor allem das für den Betreiber kostenintensive Bezahlsystem möchte Baumann zu einem auch für die Kunden komfortableren Chipsystem ändern. Künftig sollen die Gäste ein Armband mit Sensor erhalten, der die Verweildauer, die Sauna-Nutzung und den Verzehr in der Gastronomie erfasst und speichert, deren Kosten beim Verlassen des Bades abgerechnet werden. Das steigert die Attraktivität, ist Baumann überzeugt. Eine Aufwertung soll auch die Saunalandschaft erhalten. Die schon beim Bau vorgesehene Erweiterungsmöglichkeit um zwei Saunen soll genutzt werden.

Baumanns Vorstellungen finden die Unterstützung des Bürgermeisters. Ob die Vorhaben jedoch schon in diesem Jahr umgesetzt werden, ist noch ungewiss. Die Entscheidung darüber fällen die städtischen Gremien und die Verschuldung ­Gladenbachs dürfte dabei auch eine Rolle spielen.

Finanziell ist die Lage in der Nachbarkommune ähnlich. Auch in Bad Endbach ist das Geld in der Kasse knapp und die Therme ein Zuschussbetrieb. Rund 763.000 Euro zahlt die Gemeinde bisher im Durchschnitt jedes Jahr zu, seitdem die Lahn-Dill-Bergland-Therme am 3. Oktober 2009 eröffnet wurde. Dennoch sagt Bürgermeister Markus Schäfer, er sei mit der Höhe des tendenziell abnehmenden Defizites „durchaus zufrieden“.

Endbacher Erfolg 
erreicht Kapazitätsgrenze

Schäfer, zu dessen Amtsantritt das Projekt schon Fahrt aufgenommen hatte, gerät nahezu ins Schwärmen, wenn er sagt, dass die handelnden Personen einen guten Umgang pflegten, es eine sehr große Zustimmung innerhalb der Gemeindevertretung gab und der Bau nicht hätte besser gemacht werden können. „Es wurde damals alles richtig gemacht.“

Der im Juni 2008 begonnene Bau kostete rund 11,8 Millionen Euro, 4,5 Millionen davon deckten diverse Zuschüsse. Zwar sei die Therme etwas kleiner ausgefallen als in der ursprünglichen Planung, dafür gelte sie aber hessenweit als Vorbild, spiele mit ihrer Fünf-Sterne-Premium-Saunalandschaft bundesweit in derselben Liga wie Häuser in Frankfurt, Wiesbaden oder Darmstadt.

Vor allem bei der Konzeption habe man den richtigen Riecher gehabt. „Für Gesundheit und Wohlbefinden kommt die Kundschaft von weiter her, als wir es erhofft hatten“, sagt Schäfer. Mit tollen Ideen und gutem Service sei es gelungen, die Besucherzahlen stetig zu steigern, nun sei man aber „an der Grenze des Machbaren angelangt“.

Thermengäste auch 
aus Gießen und Kassel

„Wir haben zum Teil die Kapazitätsgrenze erreicht“, präzisiert der neue Thermenleiter Albert Döbele. Das treffe vor allem an Feiertagen und Wochenenden zu, wenn bis zu 800 Besucher kommen. Die ständige Angebotserneuerung an Thermenaufgüssen oder auch baulichen Veränderungen wie die Umwandlung des Silenzium-Raumes in eine Salzgrotte ziehen die Gäste selbst aus Städten wie Gießen oder Kassel an. Das Ambiente, die Ruhe und Sauberkeit sowie der Einsatz der Partner in Wellness, Physiotherapie und Gastronomie wissen die Nutzer zu schätzen, weiß Döbele.

Auf den Lorbeeren will sich der neue Thermenleiter aber nicht ausruhen. „Wir werden uns weiterhin anpassen müssen, um der Nachfrage zu begegnen“, lautet sein Credo. Zwar seien die Wachstumsziele fast alle erreicht, dennoch gibt es sie noch. Zum Beispiel jenes, die Verweildauer der Gäste in der Therme zu verlängern. Zurzeit nutzt die Mehrheit der Kunden den Zwei-Stunden-Tarif für die Therme, für die Saunalandschaft ist es das Vier-Stunden-Ticket.

Doch das Erreichen dieses Zieles hängt auch von der zur Verfügung stehenden Infrastruktur, zum Beispiel der Bettenkapazität, ab. Wie es in dieser Hinsicht weitergeht, ist ein Themenkomplex, dem sich die neugebildete Tourismuskommission widmen soll. Die werde den richtigen Weg finden, damit die Gemeinde weiter vorangehen kann, ist der scheidende Bürgermeister Markus Schäfer zuversichtlich. Denn: „Hier ist etwas entstanden, was andere nicht haben.“

von Gianfranco Fain

(für 2016 ist die Planzahl wiedergegeben)
 
(für 2016 ist die Planzahl wiedergegeben, 2011 war das erste volle Freibadjahr)
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