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Vortragsreihe will Tabu brechen

Depressionen Vortragsreihe will Tabu brechen

Mit dem Vortrag des 
Marburger Professors Tilo Kircher begann eine 
 vierteilige Veranstaltungsreihe zum Thema 
„Depression – die unterschätzte Volkskrankheit“.

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Die dunkle Jahreszeit schlägt vielen Menschen aufs Gemüt. Der sogenannte Winterblues ist allerdings keine psychische Erkrankung wie Depressionen im eigentlichen Sinne, der sich eine Vortragsreihe in Bad Endbach widmet.

Quelle: Julian Stratenschulte

Bad Endbach. „Depression,­ Burnout & Co.“ – so lautete­ das Thema des Referats des ­Direktors der Marburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Im Kursaal des Kur- und Bürgerhauses Bad Endbach begrüßte Bürgermeister Markus Schäfer rund 200 Gäste. Er sei selbst Depressionspatient und habe die Veranstaltungsreihe auf Anraten­ von Rolf Bernshausen, Mitglied der Gemeindevertretung, nach Bad Endbach geholt, sagte das Gemeindeoberhaupt. „Wir müssen darüber reden und die Krankheit enttabuisieren“, sagte Schäfer.

Zu den Symptomen von Depressionen zählten ein allgemeines Krankheitsgefühl, Kraftlosigkeit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und eine Abneigung gegen anhaltende geistige Tätigkeit (Neurasthenie), die heute im deutschsprachigen Raum als „Burnout“ bezeichnet wird, leitete Professor Kircher (Foto: Ruprecht) seinen Vortrag ein.

Im Jahr 1868 sei der Begriff Neurasthenie­ erstmals geprägt worden. ­Ursache dieses Krankheitsbilds sei die Entwicklung der modernen ­Zivilisation, die sich von ­allen vorherigen Kulturen durch Dampfkraft, regelmäßig erscheinenden Zeitungen, Wissenschaft und die veränderte­ Rolle der Frau unterscheidet, sagte der Mediziner.

Der Anstieg der Belastungen komme durch die Abnahme dauerhafter sozialer Beziehungen, erhöhter geographischer Mobilität, veränderten Rollenerwartungen, Orientierungslosigkeit und Werteverlust sowie scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten zustande, erklärte Kircher.

Kircher: doppelt so viele Selbstmorde wie Verkehrstote

„Burnout“ bezeichne einen Erschöpfungszustand, der durch das Aufbrauchen der körperlichen und psychischen Reserven eine Depression auslösen kann. Anzeichen einer Depression seien Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Reizbarkeit, sozialer Rückzug, Erschöpfung und Energieverlust. Kurzfristig könnten diese Symptome jeden treffen, problematisch sei, wenn sie zum Dauerzustand würden, sagte Kircher. Dazu zählen auch die Suchterkrankungen.

In jedem Fall brauche die betroffene Person Hilfe. Rund fünf Prozent der Bevölkerung leiden laut des Referenten unter depressiven Erkrankungen, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Die Erkrankung betreffe ­alle Altersgruppen, und 80 bis 90 Prozent der Erkrankten hätten suizidale Gedanken, fasste Kircher die Statistik zusammen.

Rund 5000 Verkehrstoten stehen jährlich knapp 10.000 Menschen in Deutschland gegenüber, die durch Selbstmord sterben. Der vermeintliche Anstieg der Erkrankung in den letzten Jahren sei auch durch eine bessere Akzeptanz und Erkenntnis der Erkrankung sowie bessere Diagnosemöglichkeiten zu erklären, sagte der Professor.

Universitätsklinik sucht Teilnehmer für Studie

Genetische Veranlagung und Umwelteinflüsse seien jeweils zur Hälfte für die Krankheit verantwortlich. Bei rechtzeitiger medikamentöser Behandlung mit Antidepressiva und ergänzender Psychotherapie sei die Erkrankung gut zu behandeln, beschloss Kircher seinen Vortrag. Danach im Anschluss konnten sich die Gäste mit persönlichen Fragen an den Referenten wenden.

Kircher warb für eine Studie an der Universitätsklinik Marburg zum Thema „Neurobiologie psychischer Erkrankungen“. Für die Studie sucht er Angehörige von Patienten, die an einer Depression, einer Schizophrenie, einer bipolaren oder schizoaffektiven Erkrankung leiden oder litten. Nähere Informationen dazu erhalten Interessierte im Internet unter www.FOR2107.de oder unter der Telefonnummer 06421/5867048.

Landrätin Kirsten Fründt sagte als Schirmherrin des Marburger Bündnisses gegen Depression, es gelte, die Menschen für diese Krankheit zu sensibilisieren. Statistisch gesehen zählten psychische Erkrankungen rund um Depression und Suchtkrankheiten zu den zweithäufigsten Erkrankungen von Arbeitnehmern und verursachen unbehandelt einen volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von 55 Milliarden Euro in unserem Land.

Koordinator der vierteiligen Veranstaltungsreihe ist Jörg Tischler vom veranstaltenden Marburger Bündnis gegen ­Depression.

von Anita Ruprecht

Termine

31. Januar 2018: „Altersdepression/Altersdemenz und Kinder psychisch kranker Eltern“, Referentinnen: Dr. Karin Ademmer und Professorin Hanna Christiansen.

16. Mai: „Depression und Krebs und Depression und Sucht“, Referenten Annekatrein Menges-Beutel und Dr. Ulrich Schu.
20. Juni: „Depression – neue Möglichkeiten, neue Wege, Behandlung in der Zukunft“, Referent Professor Michael Franz.

  • Alle Vorträge finden im Kursaal des Kur- und Bürgerhauses in Bad Endbach statt, Beginn ist jeweils um 19 Uhr.
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