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Außergewöhnliche Sicht auf Windenergie

Turmbesteigung Außergewöhnliche Sicht auf Windenergie

Ohne Gegenwind errichteten Rüdiger und Dirk Meuser auf einem Bottenhorner Grundstück ein Windrad. Jetzt freuen sie sich über windreiches Wetter. Für das OP-Team stellten sie das Windrad für eine Turmbesteigung komplett ab.

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Dirk Meuser genießt den Ausblick aus der Gondel seines Windrad, das er zusammen mit seinem Bruder Rüdiger in Bottenhorn betreibt. Seit dem 23. Juli 2014 ist das Windrad am Netz.

Quelle: Florian Gaertner

Bottenhorn . Eine Investition von einer Million Euro wagt nicht jeder. Doch Dirk und Rüdiger Meuser erkannten die Chance, die sich ihnen mit dem Bau eines Windrades bot und griffen zu. Seit dem 23. Juli 2014 drehen sich die drei Flügel ihrer Enercon im Wind und produzieren Strom: mit einer Leistung von 0,8 Megawatt. 250 Tonnen Kohlendioxid vermeidet das Windrad pro Jahr. In unmittelbarer Nähe wurde der Windpark Hilsberg errichtet, um den es viele Auseinandersetzungen gab - auch gerichtliche. Diese Windkraftanlagen sind wesentlich größer und leistungsfähiger: Ein Windrad hat eine Leistung von 3 Megawatt Strom.

Die Gondel des „MeusAir“-Windrades befindet sich in 77 Metern Höhe. Inklusive der Rotoren erreicht das Windrad eine Höhe von 99,70 Metern. „Wir mussten unter 100 Metern bleiben“, berichtet Dirk Meuser. Die Aufsichtsbehörde hatte Bedenken wegen der Segel- und Motorflugzeuge, die auf dem Flugfeld in Bottenhorn starten und landen. Mit ihrem Projekt sind die Meuser-Brüder dennoch zufrieden. Sie sind bescheiden. Sie freuen sich über eine schwarze Null am Ende des Jahres - dann müssen sie nicht drauflegen. Sie haften als GbR-Inhaber schließlich mit ihrem Privatvermögen. Trotz oder gerade wegen der Aussicht auf die sicheren Einnahmen, sie sind bodenständig geblieben und begeisterte Windrad-Betreiber. Die Turmbesteigung ist für sie ein willkommener Anlass, um für ihr Projekt zu werben.

Ohne Gegenwind errichteten Rüdiger und Dirk Meuser auf einem Bottenhorner Grundstück ein Windrad. Jetzt freuen sie sich über windreiches Wetter. Für das OP-Team stellten sie das Windrad für eine Turmbesteigung komplett ab.

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Die Tür zum Windrad steht offen, auf dem Stahlfußboden liegen die wasserdichten Beutel mit der Kletterausrüstung, die Helme und Handschuhe. Was fehlt, ist die Wendeltreppe. Stattdessen ist an der Innenwand eine Steige angebracht. Die Stufen bis nach oben gezählt hat Dirk Meuser nicht. Er ist schon sechs Mal hochgestiegen. Heute muss er gleich zweimal ran. Er erläutert professionell die Sicherheitvorschriften und zückt ein schwarzes Buch, in dem unterschrieben werden muss, dass man in den sicherheitsrelevanten Fragen unterwiesen worden ist.

„Es kann gar nichts passieren“, verspricht Dirk Meuser. Er hilft beim Anlegen der Sicherheitsausrüstung. Er zieht die Gurte nach. Sie müssen eng am Körper liegen. Der „Schlitten“ wird in die Schiene eingeführt, er stoppt im Fall der Fälle den Absturz. Es folgt die Probe auf Exempel. Ein paar Schritte nach oben, die Hände greifen nacheinander die Steigen, der Schlitten „läuft“ mit. „Immer nur mit den Beinen nach oben drücken“, rät Dirk Meuser.

Windrad könnte ganz Bottenhorn versorgen

Wer nur mir den Armen versuche das Gewicht nach oben zu ziehen, spüre seine Arme irgendwann nicht mehr - ganz zu schweigen von dem Muskelkater am nächsten Tag. Es scheint einfach. Ein Blick nach oben verleitet zur Annahme, dass der Aufstieg nicht so dramatisch wird - es scheint nur so. Die dunkle Luke ist erst die Abtrennung zur mittleren Säule. Es geht weiter nach oben. Nach den ersten 20 Metern rutschen die gefühlt drei Nummern zu großen Handschuhe an den Händen, die Arme werden schwer, die Hände verkrampfen sich, die Beine schmerzen. Das Atmen fällt schwer, der Wunsch, aufzugeben, ist da. Der Blick durch den Schacht nach unten verdrängt allerdings jeden Gedanken ans Runterklettern - zu viele Stufen abwärts. Also weiter hoch. Eigentlich sollte das Windrad 108 Meter Höhe erreichen. Als es während der dreieinhalbjährigen Planungsphase Probleme mit der Aufsichtsbehörde gab, weil das Windrad in der Einflugschneise lag, dachten die Betreiber kurzerhand um. Der Ertrag ist geringer. Der Enthusiasmus für erneuerbare Energien bei Dirk Meuser nicht. Das Windrad könnte Strom für ganz Bottenhorn erzeugen. Und wenn der Wind mal nicht bläst, könnte Energie aus einer Biogas-Anlage das Dorf versorgen. Das ist Spinnerei, aber für Dirk Meuser gar nicht so abwegig. Für jede Kilowattstunde Strom, die ins Netz eingespeist wird, erhält „MeusAir“ 9 Cent.

„Die Kosten für den Endverbraucher liegen bei zirka 27 Cent pro Kilowattstunde. Wenn die Bottenhorner nur 15 Cent pro Kilowattstunde zahlen würden... - gewinnen alle“, sagt Rüdiger Meuser. Allerdings ist das Windrad über Kredite finanziert, sodass zunächst der Abtrag gesichert sein muss, sagen die Brüder.

Der Aufstieg kostet viel Kraft

Den Schritt, das Windrad zu betreiben, haben die Brüder zu keiner Minute bereut. Es könnte allerdings auch mal finanziell eng werden - vor allem bei lang anhaltender Windstille.

Vor der Besteigung des Turms haben sie den Wetterbericht verfolgt. Käme es zu Erschütterungen, dann sei der Aufstieg für Ungeübte zu gefährlich, sagen sie unisono.

Beim Besteigen des mittleren Turmabschnitts ist der Gedanke ans Aufgeben nicht mehr existent; vielmehr rückt die Frage, ob eine Ohnmacht droht und wie sie vermieden werden kann in den Vordergrund. Den Blick auf die Streben fokussiert und eine Stufe nach der anderen erklimmen. Pausen helfen: ausruhen, Kraft schöpfen und weiterklettern. Schließlich ist der mittlere Teil geschafft. Es folgt der dritte und letzte. „Einfach weitergehen, den Rhythmus finden“, ruft Dirk Meuser von oben. Zum Ausruhen rät er: „Einfach loslassen.“ Er streckt Arme und Beine weg, hängt nur noch am Sicherungsseil in der Laufschiene. Er hat das schon öfter gemacht, passiert ist dabei nie etwas. Nachher besteigt er mit dem Fotografen ein weiteres Mal den Turm. Für drei Personen ist in der Gondel kein Platz. In der Mitte des dritten Teils lässt die Kraft plötzlich nach. „Den Sicherungskarabinerhaken einfach mal in die Schiene einhängen und dann die Füße rechts und links abstellen“, rät Dirk Meuser und beruhigt: „Gleich ist es geschafft.“ Meuser ist bereits ganz oben in der Gondel. Nur noch wenige Meter bis dorthin. Mit zittriger Hand löse ich den Sicherungshaken und vor lauter Panik mache ich ihn auf der verkehrten Seite an der Körpersicherung fest. Also noch mal neu. Mutig geht‘s die letzten Stufen hinauf, in der Hoffnung auf einen überwältigenden Ausblick - und darauf, wieder zu Atem zu kommen. Endlich oben! Den Sicherheitskarabiner vorschriftsmäßig an der gelben Markierung eingehakt und dann wird‘s knifflig, zumindest gedanklich. Der Sicherungsschlitten muss aus der Führungsschiene. Es fühlt sich falsch an und unsicher.

Schleusen wie in einem U-Boot

„Der Haken an der Seite hält“, beruhigt Dirk Meuser. Die Arme müssen über einen dicken Betonwulst greifen und den Körper in die Gondel hineinziehen. Die Öffnung gleicht einer Schleuse in einem U-Boot. Die Stufen enden. Dirk Meuser gibt Halt und lächelt gelassen. Geschafft. Endlich oben. Die Gondel bietet wenig Raum, es reicht gerade für die notwendige Technik. Eine Treppe führt hinauf - nach draußen. Dirk Meuser öffnet die Luke und strahlt bei dem Rundum-Ausblick über die Landschaft. Rechts stehen die Hilsberg-Windräder, etwas weiter links sind die Oberdietener Windräder und noch weiter links die Hülshof-Windräder. Eine Energie-Landschaft.

Es weht eine kühle Brise, die Rotorblätter drehen sich - nur leicht. „Sie nehmen die Fahnenstellung ein und drehen sich in den Wind“, sagte Dirk Meuser. Stolz berichtet er davon, dass es sich um einen Hybriden handelt. Das Windrad kommt ohne Getriebe aus. Das sei einzigartig und werde nur von der Firma Enercon produziert. Oben wird die Spannung erzeugt und gleichgerichtet, dann wird sie runter in den Fuß geleitet und umgeleitet, im Trafo schließlich wieder umgerichtet und ins Netz eingespeist mit 20000 Volt. Auf dem „Lomersloh“ steht die technische Einheit.

Vom Windrad bis dorthin wurde eine Leitung verlegt, denn dort wird der Strom in das Mittelspannungsnetz eingespeist - auch der Strom, der beiden vor 16 Jahren dort errichteten 50 Meter hohen Windräder. Über eine Satellitenanlage werden Störungen direkt an die Wartungsfirma weitergeleitet. Am heimischen PC können Meusers alle Daten verfolgen und überprüfen. Bisher lief alles glatt, bis auf eine defekte Platine, die ausgetauscht werden musste.

Dann geht‘s wieder abwärts. Der Sicherheitskarabiner wird eingehakt und rückwärts geht‘s durch die runde Öffnung zurück auf die Sprossenleiter. Die Füße suchen Halt. Der Sicherungsschlitten kommt in die Führungsschiene und Dirk Meuser erläutert, wie sich die Sicherung nicht verhakt und der Schlitten geschmeidig Schritt für Schritt nach unten gleitet. Ich nicke, kein Problem. Doch beim Ausprobieren hakt es gleich mehrfach. Es geht nicht weiter. „Einfach entspannt zurücklehnen, dann klappt‘s“, rät Meuser.

Nach mehreren ungewollten Stopps und nervösem Hoch- und Runterschieben des Sicherungsschlittens, läuft der Abstieg rund und mit jedem Schritt abwärts kommt der Boden näher - zum Glück.

von Silke Pfeifer-Sternke

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