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Aus edlen Stoffen entstehen Tanzkleider

Schneideraltelier Aus edlen Stoffen entstehen Tanzkleider

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere haben Adrian und Johanna-Elisabeth Klisan den Tanzsport an den Nagel gehängt. Beide bleiben ihrer Leidenschaft aber treu: Sie betreibt ein Atelier für Tanzkleider, er ist Tanztrainer.

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Johanna-Elisabeth Klisan macht die Nähmaschine, an der exklusive Tanzkleider genäht werden, startklar.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Wetzlar . Am denkmalgeschützten gelben Eckhaus mit einladender Pforte in der Wetzlarer Innenstadt deutet nichts darauf hin, dass hinter einer der Türen einzigartige Kleider entstehen. Johanna-Elisabeth Klisan entwirft jedes selbst. Die Skizzen zeichnet sie auf Papier vor, dann werden die Stoffe ausgesucht.

Tanzkleider bestehen aus bis zu zehn Lagen Stoff

Tanzkleider werden hauptsächlich aus Tüll und Organza (transparentes und schillerndes Gewebe) gefertigt. Meistens bestehen sie aus 7 bis 10 Lagen. Es muss deshalb ein leichtes Material sein, das sich in der Bewegung entfaltet. Wichtig ist, dass der Stoff farbecht ist: „Sonst blutet er aus“, beschreibt Klisan das Verblassen der Farben. Farbenfrohe Akzente setzt sie mit bis zu 7000 Szwarovsky-Steinen. Das geschliffene Kristallglas wird von Tirol aus in die ganze Welt exportiert und ist mit den Attributen jung und dynamisch, zeitlos und elegant, exklusiv und avantgardistisch verknüpft. Für Klisan sind die funkelnden Kristalle wesentlich für das Gesamtkonzept ihrer Kollektion. „Das Kleid muss schön sein“, sagt sie. Für sie sehen Tänzerinnen aus wie Prinzessinnen.

Das Tanzen hat ihr den Berufsweg vorgezeichnet. Mit sieben Jahren fing sie mit dem Tanzsport an, das Nähen hat sie der Mutter abgeschaut. Weil Klisan im Tanzen immer besser wurde, fing sie an, selbst Tanzkleider zu schneidern. Um darin noch besser zu werden, entschied sie sich für ein Praktikum bei einem Tanzschneider. Nach dem Fachabitur mit Schwerpunkt Textiltechnik stand ihr Berufsziel fest: Maßschneiderin.

Heute fertigt sie überwiegend Kollektionskleider für Standard- oder für Latein-Tänzerinnen. Was nicht passt, wird passend gemacht. „Eine Größe runter oder eine Größe rauf geht immer“, sagt sie. Viele Kundinnen hätten keine Vorstellung davon, wie ihr Kleid aussehen soll. Unter den Kollektionskleidern finden sie meist ein passendes.

„Andere wollen den Entstehungsprozess ihres Kleides miterleben“, sagt Klisan. Dazu­ findet ein Besprechungstermin statt, dann eine erste und schließlich eine zweite Anprobe, nach der dann das Kleid perfekt sitzt. Auch das Turnierkleid von Dr. Carola Seifart, die mit ihrem Mann Ulf am Samstag, 5. November, für die TSG Marburg an der Tanzgala in Gladenbach ihr erstes A-Standard-Turnier tanzt, stammt aus Klisans Atelier. Seifart habe sich sofort in das schwarze mit Perlen besetzte Tanzkleid verliebt. „Man muss auf sein Bauchgefühl hören“, sagt sie.

Ob das Kleid zu der Tänzerin passt, komme auf den Typ an. Manche Frauen seien sportlich, andere elegant. Farbe, Schnitt und Stilrichtung werden auf den Typ abgestimmt. Schließlich habe der Wertungsrichter nur ein paar Sekunden Zeit, sich auf das Tanzpaar zu konzentrieren.

„Das Kleid dient als Wiedererkennungswert“, weiß Klisan.

Tanzsport-Paar vermisst den Turniersport nicht

Zu beachten ist außerdem, in welcher Klasse das Paar tanzt. Ganz wichtig: das Budget. Ein Tanzkleid kostet zwischen 1500 Euro und 2300 Euro. Dafür sind alle Kleider Einzelstücke. Ein nach einem Tanzturnier verschwitztes Kleid darf nicht in die Waschmaschine. Es muss mit der Hand gewaschen werden. Sollte bei der Funktionskleidung, die im Sport einiges aushalten muss, mal eine Naht ausreißen, bessert sie Klisan aus. Die Kleider könnten zwar ewig halten, aber irgendwann zeigen auch sie Gebrauchsspuren.

Deshalb rät die Expertin zu einem sorgfältigen Umgang mit den exklusiven Kleidern. Allerdings sei es unwahrscheinlich, dass eine Tänzerin ein Kleid über mehrere Jahre bei Turnieren trägt. Auch die Tanzkleidung unterliegt einem Modetrend.

Damit kennt sich Klisan aus. Schließlich hat sie viele Jahre­ mit ihrem Mann Adrian zusammen den Turniertanzsport betrieben. 2013 wurde das Paar mit ihrer Kür „Frühstück bei ­Tiffany“ Vize-Weltmeister, Vize-Europameister und Vize-Deutsche Meister in der Kür Standardtänzen.

Bei ihrer letzten Deutschen Meisterschaft Standardtänze­ 2013 belegte das Paar den 3. Platz. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere hängten Klisans die Tanzschuhe an den Nagel.

„Es war ein schöner Abschluss“, sagt Klisan. Ein halbes Jahr gab sich das Paar Zeit, um zu spüren, ob es nach mehr als zwei Jahrzehnten den Tanzsport vermisst. Bisher noch nicht. Aber beide sind dem Tanzsport treu geblieben. Der 36-jährige Adrian Klisan arbeitet als Tanztrainer, unter anderem auch bei der TSG Marburg, und unterstützt Nachwuchstalente. Die 32-jährige Johanna-Elisabeth Klisan kümmert sich von Dienstag bis Samstag um die Arbeit in ihrem Atelier.

Nach ihrer Lehre sprang ­Johanna-Elisabeth Klisan ins kalte Wasser und machte sich 2004 selbstständig. Sie wechselte mit ihrem Atelier insgesamt fünf Mal den Standort und fand vor fünf Jahren schließlich den idealen mit 70 Quadratmetern Fläche in dem gelben Eckhaus in der Engelsgasse.

von Silke Pfeifer-Sternke

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