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Auch was hinten rauskommt, zählt

Tarek Al-Wazir im Landkreis Auch was hinten rauskommt, zählt

Eigentlich sollte es um Ackerland und Agrar­subventionen gehen, aber dann übernahm der ­Pellet-Pionier Hans-Georg Hof die Wahlkampf-Show.

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Tarek Al-Wazir (Grüne) und Erwin Koch (Bauernverbandspräsident) begutachten die Ernte. „Selten, dass man in der Politik so schnell den Ertrag seiner Arbeit bekommt“, freute sich der Grünen-Politiker.

Quelle: Thomas Strothjohann

Rüschenbach. Mähdrescher­fahren ist nicht so schwer. Das Modell, mit dem Tarek Al-Wazir am Mittwoch in Rüchenbach Weizen drosch, hat eine Rückfahrkamera und lässt sich – so der Grünen-Politiker – für seine Größe leicht steuern. Aber Respekt flößte ihm das Landwirtschafts-Monstrum trotzdem ein. Auch wenn die Scheiben groß sind, ist kaum zu erkennen, was vor dem Koloss im Feld liegt. Um ein Haar wäre die schöne Wahlkampfaktion blutig zu Ende gegangen: „In einer der Spurrillen habe ich einen Hasen gesehen“, erzählt Al-Wazir. Und man merkt ihm an, dass er sich lieber gar nicht ausmalen will, wie der Ertrag seiner Ernte ausgesehen hätte, wenn er ihn übersehen hätte.

Landwirte, die jedes Jahr ihre Felder mähen, bringen solche Hindernisse nicht mehr aus der Ruhe. Für Hans-Georg Hof grenzt das Mähdrescherfahren schon an Meditation. Er ist Geschäftsführer und Gründer der Sonderanlagenbau GmbH in Lohra. Er entwickelt, verkauft und wartet hochkomplexe Anlagen für die Pharmaindustrie und betreibt die Landwirtschaft tatsächlich als Hobby.

Eines Tages saß Hof nach der Arbeit in der Firma im Mähdrescher, legte seine Bahnen ins Feld und grübelte über die Heizkosten-Abrechnung. Während er durch den Rückspiegel die Spreu in die Luft wirbeln sah, kam ihm eine Idee: Warum heizen wir nicht mit dem Stroh, dass nach der Getreideernte liegenbleibt?

„Die Ideen für acht der zwölf Patente meiner Firma sind mir auf dem Acker gekommen.“ (Hans-Georg Hof, Ingenieur und Hobbylandwirt)

„Ich kann mir die Heizkosten für mein Unternehmen leisten, aber ich denke auch an meine Kinder und Enkelkinder“, sagt Hof. Der Pioniertrieb packte ihn, und wenn dieses Jahr die Heizperiode beginnt, werden die 5700 Quadratmeter Nutzfläche in seiner Firma mit einer modernen Strohpellet-Heizung erwärmt werden.

Tarek Al-Wazir kommt aus Offenbach, er ist medienpolitischer Sprecher und Fraktionsvorsitzender der Grünen im hessischen Landtag. Mit Landwirtschaft hat er in seiner Funktion nicht viel zu tun. Warum fährt er hierzulande mit einem Mähdrescher herum? Eingeladen wurde Al-Wazir von Erwin Koch, dem Vorsitzenden des Kreisbauernverbands Marburg-Kirchhain-Biedenkopf e.V. (KBV). Koch wollte mit ihm über die Ausgleichsmaßnahmen für den Bau der B 3A sprechen. Und darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, mittelmäßig fruchtbares Ackerland in ein Biotop zu verwandeln.

Erwin Koch hat da eine klare Meinung: „Wir brauchen jeden Quadratmeter fruchtbaren Ackerbodens!“, sagt Koch. Nur weil es gerade modern sei, Umweltzerstörung durch die Aufgabe von Ackerland auszugleichen, könne man den Familien der Landwirte nicht die Lebensgrundlage nehmen. Die Diskussion hängt auch eng mit den Mechanismen der Agrarsubvention zusammen, erklärt der ehemalige Ortsvorsteher von Rüchenbach Werner Aichele: „Land, das für Ausgleichsmaßnahmen genutzt wird, bringt mehr Punkte als ein mittelmäßiger Acker.“  Das Thema Agrarsubventionen ist kontrovers, aber welche Meinung Tarek Al-Wazir dazu hat, wissen wir auch nach der Mähdrescheraktion noch nicht.

Koch und El-Wazir bewunderten kurz den Ertrag ihrer Ernte, stellten fest, dass sie eigentlich zu feucht war, um sie ruhigen Gewissens einzulagern. Danach ging es weiter nach Lohra, wo nicht mehr darüber gesprochen wurde, was der Mähdrescher geerntet hatte, sondern darüber, was hinten herausgeflogen war.

„Solarstrom von Freiflächen kostet 10 Cent pro kWh und ist billiger als Atomstrom.“ (Tarek Al-Wazir, Grüne)

Der Mähdrescher erntet das Getreide und schleudert Stroh zurück aufs Feld. Hans Georg Hof hat in Rüchenbach zwei Lagerhallen für Strohballen und eine Pelletpresse aufgebaut. In der Presse wird das Stroh zunächst zerkleinert und dann zu circa drei Zentimeter langen, einen halben Zentimeter dicken Stangen gepresst.

Al-Wazir ist angetan, aber richtig begeistert ist er erst, als Hof erzählt, wie er den Strom für seine Pelletpresse erzeugt: „Auf den Lagerhallen haben wir eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von bis zu 183 Kilowattstunden installiert – die Presse braucht 120.“ Selbst wenn die Sonne ein wenig verhangen sei, könne die Presse noch mit Solarstrom betrieben werden. Der Strom wird in den Pellets gespeichert – wenn man so will, sagt Al-Wazir „sind die Pellets Batterien, in denen erneuerbare Energie gespeichert wurde.“

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf bietet sich laut Hof die Pelletproduktion besonders an. Es gebe zwar viel Stroh, aber nur relativ wenig Vieh, dem man es verfüttern könnte. Profitabel ist sein Projekt im ersten Jahr noch nicht, aber „ich wollte beweisen, dass es funktioniert“, sagt Hof. Rechnen werde sich das Verfahren später, wenn er die Pelletproduktion ausbaue und mehr Menschen aus der Region mit den komprimierten Strohstäbchen heizten.

von Thomas Strothjohann

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