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Anwalt rettet Angeklagten vor Jugendknast

Aus dem Jugendschöffengericht Anwalt rettet Angeklagten vor Jugendknast

Weil ihm sein Verteidiger ins Gewissen redete, bewahrte er einen Wiederholungstäter vor einer 
Jugendstrafe. Der Angeklagte hatte einem Mann eine Kopfnuss verpasst und erhielt „ein letztes Mal“ eine Arbeitsauflage.

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Ein 21-Jähriger ist letztmalig zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt: 250 Stunden als Buße für eine Kopfnuss.

Quelle: Tim Reckmann / pixelio.de

Marburg. Im März des vergangenen Jahres griff der heute 
21-jährige Beschuldigte in einem Lokal einen Gast an. Der Grund: Der Geschädigte hatte die Freundin des Angeklagten angesprochen und am Arm berührt. Für seinen Ausbruch verurteilte ihn das Gericht wegen Körperverletzung zu 250 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Nachdem er sein Gegenüber rüde angepöbelt und weggeschickt hatte, konnte der eifersüchtige Hinterländer den Zwischenfall nicht auf sich beruhen lassen. Einige Zeit später wandte er sich erneut an den anderen Gast und schickte den überraschten Mann mit einem massiven Kopfstoß zu Boden. Weitere Gäste trennten die beiden Männer. Durch den Stoß brach ein Schneidezahn des Opfers ab, musste im Nachhinein entfernt und ersetzt werden.

Die Szene stellte der Angeklagte während der Verhandlung am Mittwoch vor dem Jugendschöffengericht ganz anders dar. Eigentlich wollte er sich bei dem anderen Mann für seine rüden Worte nur entschuldigen, teilte 
der 21-Jährige mit. Daraufhin hätten sich jedoch gleich mehrere angetrunkene Gäste um ihn herum aufgebaut, angefangen ihn zu schlagen und grundlos auf ihn loszugehen, seien dabei sogar über die Theke der Gaststätte gesprungen.

Gericht glaubt Schilderung des Angeklagten nicht

„Ich habe mich nur verteidigt“, betonte der Beschuldigte 
noch zu Anfang der Verhandlung. Sein Mandant schien äußerlich sicherlich nicht, als wolle er „einen ausgeben“, von der Situation habe er sich jedoch bedroht gefühlt, erklärte auch Verteidiger Sascha Marks.

Während des folgenden Handgemenges habe der Geschädigte wohl aus Versehen einen Schlag abbekommen. „Ich wollte keinen Streit“, beteuerte der Angeklagte. Dies nahm ihm der Vorsitzende Richter Cai Adrian 
Boesken nicht ab. „Was Sie hier erzählen, ist unstimmig, das glaube ich Ihnen nicht“, stellte der Richter klar. Nicht nur der angebliche spontane Aufruhr der ihm fremden Gäste sei unglaubwürdig, nach seiner Fassung der Geschichte habe sich der Täter im Recht gesehen, hätte für eine angebliche Entschuldigung keinen Grund gehabt.

Die Vorwürfe bestätigten zwei Zeugen. Der Schläger sei bewusst und wütend auf ihn zugegangen, hätte sofort zugestoßen, teilte der Geschädigte mit. „So schnell konnte ich nicht mal reagieren“. Die Kopfnuss wurde unter anderem von einem Mitarbeiter des Lokals beobachtet. Andere Gäste hätten sich ihm nicht in den Weg gestellt, „er wurde von niemandem aufgehalten oder angegriffen“, betonte der Zeuge auch nach mehrfacher Nachfrage.

Anwalt und Angeklagter erkennen Vorwurf an

Nach den glaubhaften Aussagen redete der Verteidiger seinem Mandanten noch einmal ins Gewissen. Dessen fragwürdiges Aussageverhalten sei von der Sorge um ein sauberes Führungszeugnis und seine berufliche Zukunft geprägt gewesen, erklärte Marks schließlich. Mit der Zustimmung des Angeklagten sehe nun auch die Verteidigung den Anklagevorwurf als bestätigt an.

Vor dem Hintergrund bestehe die Möglichkeit, dass die noch nicht gehörten Entlastungszeugen den tatsächlichen Sachverhalt ebenfalls verzerrt darstellen könnten, so der Anwalt und verzichtete lieber auf weitere Anhörungen. Aufgrund eines nach wie vor unsteten, nachlässigen Lebenswandels befürwortete Verteidigung und Jugendgerichtshilfe eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht. Zudem musste sich der Angeklagte in der Vergangenheit bereits 
wegen Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung verantworten, saß bereits zwei Mal im Jugendarrest.

Erst im Jahr vor der Tat gab es eine Verurteilung wegen einer ähnlichen Auseinandersetzung. „Das war dieselbe Nummer – betrunken, losziehen und einem anderen einen Kopfstoß geben“, verwies Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier auf Parallelen zum aktuellen Fall. „Gerade noch so“, sprach sich auch die Staatsanwältin für eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht aus und forderte eine Arbeitsauflage von 250 Stunden als „allerletzte Chance“ für den Täter.

Dies sah das Gericht ebenso. Neben der mittlerweile verstrichenen Zeit habe ihn nur das schnelle Eingreifen seines Anwalts vor einer drohenden 
Jugendstrafe gerettet und „das Ruder noch mal herumgerissen“, stellte Boesken klar. Nun sei „das Maß an Gnade, Geduld und Rücksichtnahme der Justiz aber endgültig voll“, mahnte der Richter.

von Ina Tannert

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