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Angeklagter schweigt vor Gericht

Landgericht Angeklagter schweigt vor Gericht

Gestern musste sich ein Offenbacher vor dem Marburger Landgericht verantworten. Ihm werden 14 Handlungen sexuellen Missbrauchs vorgeworfen.

Vor dem Marburger Landgericht muss sich ein 36-Jähriger verantworten, der von 1999 bis 2003 zwei Kinder missbraucht haben soll.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Bei den Missbrauchsopfern soll es sich um zwei Kinder handeln, die noch nicht 14 Jahre alt sind. Die Taten soll der Angeklagte gewaltsam und unter Ausnutzung einer Zwangslage ausgeübt haben. Der heute 36-Jährige bestreitet laut seinem Anwalt die Vorwürfe und äußerte sich nicht vor Gericht.

Die Geschädigten sind Schwestern und schilderten gestern ihr jahrelanges Martyrium. Seit Ende der 1990er Jahre lebte der Angeklagte als Untermieter gemeinsam mit der Mutter, dem Stiefvater sowie den 5 Töchtern unter einem Dach. Laut Anklage soll er von 1999 bis 2003 eine der Schwestern, die als Nebenklägerin auftritt, mehrfach sexuell missbraucht haben.

Erste Annäherungsversuche fanden statt, als die Geschädigte elf Jahre alt war. Angefangen habe es mit Spielen und Massagen, später habe der Angeklagte das Mädchen dazu gezwungen, ihm verschiedene Gegenstände sowie ihre Finger anal einzuführen.

„Ich habe es damals nicht verstanden, aber es aus Angst gemacht“, sagte die Geschädigte. Jahrelang vollzog er mit ihr wiederholt Analverkehr. Dabei habe sie große Schmerzen gehabt und auch geblutet. Anfangs habe sie sich noch dagegen gewehrt, woraufhin er ihr gedroht habe und auch gewalttätig geworden sei. Im Alter von zwölf Jahren habe sie den Angeklagten regelmäßig oral befriedigen müssen.

„Ich habe mich nicht getraut mich zu wehren und irgendwann einfach aufgegeben“, sagte die junge Frau vor Gericht.

Zum Geschlechtsverkehr sei es nie gekommen. Der Angeklagte soll allerdings öfter mit verschiedenen Gegenständen, den Fingern und teilweise der ganzen Hand in ihre Vagina eingedrungen sein.

„Ich habe mich geschämt und hatte Schmerzen. Ich wollte am liebsten tot sein“, sagte die Zeugin unter Tränen. Nachdem der Angeklagte ihr schließlich vorgeschlagen habe, mit einem weiteren Mann Sex zu haben, vertraute sich das Opfer ihrer Mutter an. Diese habe ihr jedoch nicht geglaubt und sie als Schlampe tituliert.

Der Beschuldigte habe dem Opfer mehrere Liebesbriefe geschrieben. Der sexuelle Missbrauch habe aufgehört, nachdem die Geschädigte mit 15 Jahren von zu Hause auszog und den Kontakt zum Angeklagten abbrach.

Im Verlauf des Verfahrens traten immer mehr katastrophale familiäre Missstände zutage. Die Kindheit verbrachten die Mädchen gemeinsam mit den drei weiteren Schwestern unter völlig verwahrlosten Verhältnissen. Nach der Scheidung der Eltern im Kleinkindalter, wuchsen sie vernachlässigt und oft auf sich allein gestellt auf.

„Jeder war sich selbst überlassen“, sagte eine der Schwestern. Da die Eltern mehrfach keine Miete zahlten und die Wohnungen verwahrlosen ließen, zog die Familie immer wieder um. Sie lebte meist in beengten Verhältnissen. Zeitweise musste die Hauptgeschädigte mit dem Angeklagten das gleiche Zimmer teilen. Liebe oder Fürsorge hätten sie von den Eltern nie erfahren, sagten beide Schwestern aus.

Die Familie hielt, trotz Tierhalteverbot, mehrere Hunde sowie bis zu 20 Katzen. Da auch die Tiere vernachlässigt wurden und nicht nach draußen durften, verunreinigten sie die Wohnung. Überall habe sich Tierkot und Urin befunden. Die Geschwister mussten zeitweise Hunde- und Katzenfutter essen, sagte die Geschädigte.

Das Jugendamt entzog der Mutter mehrmals das Sorgerecht und stellte eine Betreuerin und Haushaltshilfe für die Familie. Wenn diese allerdings in die Wohnung kam, wurde etwas aufgeräumt und Kinder sowie Tiere versteckt. Die Situation besserte sich kaum.

Nachdem die erste Geschädigte aus der Wohnung ausgezogen war, versuchte der Angeklagte die jüngere Schwester zu missbrauchen. Sie wehrte sich und kurz darauf zog auch der Angeklagte aus.

Die heute 25-jährige Hauptgeschädigte habe den Missbrauch jahrelang verdrängt. Erst später, nachdem sie immer wieder Angst- und Panikattacken bekam, seien die Erinnerung wieder lebendig geworden. Sie befindet sich seit 2009 in psychologischer Betreuung und in einer Traumatherapie. Der behandelnde Arzt bestätigte ihr eine posttraumatische Belastungsstörung, wobei er die katastrophale Kindheit sowie den jahrelangen Missbrauch als eindeutige Auslöser ansieht.

Die Verhandlung vor dem Marburger Landgericht wird Ende Februar fortgesetzt.

von Ina Tannert

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