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Angeklagter schweigt, Opfer berichtet von Tat

Prozess um Mordversuch Angeklagter schweigt, Opfer berichtet von Tat

Der Staatsanwalt ging in seinem Anklagevortrag von einer Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit aus, sprach aber auch von einer Störung, die die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus erfordere.

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Der 57-jährige Angeklagte betrat gestern zum Prozessbeginn den Saal des Landgerichts. Er soll Ende Februar in Buchenau seine ­beiden Schwestern misshandelt, gefangen gehalten und versucht haben, sie zu töten.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. 15 Zuhörer verfolgten am Montag im Landgericht den Auftakt der Verhandlung gegen einen 57-Jährigen. Ihm wirft Staatsanwalt Nicolai Benjamin Wolf vor, am 22. und 23. Februar seine beiden Schwestern in deren Haus in Buchenau im Zustand der Schuldunfähigkeit körperlich misshandelt und sie gefangen gehalten zu haben. Um seine Tat zu vertuschen, habe er die Frauen töten wollen, was durch Ersticken und auch durch die Einnahme von Giftmitteln erfolgen sollte.

Der Angeklagte sei aufgrund einer „schizoaffektiven Störung“ nicht in der Lage gewesen, das Unrecht seiner Tat zu erkennen. Die Erkrankung mache eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus erforderlich, schloss Wolf seinen Vortrag.

Zuvor beschrieb er, was sich Ende Februar in Buchenau abgespielt haben soll. Am Abend des 22. Februars habe der Angeklagte seine 63-jährige Schwester mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen und auch weiter auf sie eingeschlagen, als die Frau schon am Boden lag. Als die jüngere Schwester eingriff, ging auch die 50-Jährige nach Schlägen zu Boden. Anschließend seien die Frauen mit einem Elektrokabel am Hals gefesselt worden.
Er habe den Frauen erklärt, sie töten zu müssen, um seine Tat zu vertuschen, da er sonst ins Gefängnis oder die Psychiatrie müsse. Der Tod der beiden sollte ihm die Flucht ermöglichen.

Er trat weiter auf die am Boden liegenden Frauen ein, holte ungefähr 20 Tabletten, die die Frauen schlucken mussten, die aber offensichtlich zum größten Teil nur Baldrian enthielten und Übelkeit hervorriefen. Später habe er die Frauen mit Decken bedeckt, wohl wissend, dass eine an Asthma leidet. In der Folge bedeckte er ihre Münder mit Klebeband. Auch habe er ein 20 Zentimeter langes Messer aus der Küche geholt und damit die Frauen an Hals, Bauch und Handgelenken bedroht.

Arbeitskollegin und Nachbarin leiten Rettung ein

Die Befreiung der beiden Frauen leiteten am nächsten Tag eine Arbeitskollegin und eine Nachbarin ein (die OP berichtete). Die Opfer trugen unter anderem mehrere Prellungen, Strangulationsmerkmale und eine Mittelgesichtsfraktur davon, litten unter Schluckbeschwerden und Herzrhythmusstörungen.

Der Angeklagte erklärte, sich nicht zur Sache zu äußern, trug aber seinen Lebenslauf vor. Darin beschrieb er, von seiner Familie getrennt im Süden Deutschlands zu leben, wegen Ängsten und Depressionen mehrfach auch freiwillig in psychiatrischen Kliniken gewesen zu sein. Im Oktober 2014 habe er seine Medikamente abgesetzt, woraufhin die Konflikte wieder zunahmen.

Seine heute 64-jährige Schwester berichtet dagegen ausführlich über das, was sich in ihrem Haus zutrug, wobei sich ihr Bericht im Wesentlichen mit den Vorwürfen des Staatsanwalts deckte. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Dr. Frank Oehm ob er sie töten oder nur Angst machen wollte, sagte die Buchenauerein: „Ich denke, er wollte uns töten, konnte es aber nicht. Seine Krankheit hat wohl nicht alle Hemmungen fallen lassen.“

Prozess wird Dienstag fortgesetzt

Der Angeklagte habe beide Frauen bewacht und die ganze Nacht Krimis und Horrorfilme geschaut. „Ich habe nur gehofft, dass er sich keine Anregungen holt, wie er uns töten kann“, erzählte die 64-Jährige. Als eine Arbeitskollegin und eine Nachbarin durch ihr couragiertes Eingreifen die Befreiung einleiteten stellte die 64-Jährige  einen regelrechten Sinneswandel fest. Er habe ihr sogar angeboten ihr beim Umziehen zu helfen.

Am Dienstag werden unter anderem zwei Polizisten und die jüngere Schwester als Zeugen gehört. Ob die 51-Jährige Angaben zur Tat macht, ist allerdings noch offen. Der Richter warb bei der 64-Jährigen dahingehend auf die jüngere Schwester einzuwirken, weil eine schwere Entscheidung über die Zukunft des Bruders zu treffen sei und dazu so viele Hinweise wie möglich hilfreich seien.

  • Die Verhandlung wird am Dienstag (23.8.) ab 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts Marburg fortgesetzt.

von Gianfranco Fain

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