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Angeklagter gibt Erklärung ab

Landgericht Angeklagter gibt Erklärung ab

In dem Prozess um den Missbrauch einer Zwölfjährigen bestreitet der Angeklagte, den Teenager zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben.

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Vor dem Landgericht in Marburg wurde der Prozess um den Missbrauch einer Zwölfjährigen gestern verhandelt. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. Archivfoto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das zur Tatzeit zwölfjährige Mädchen schilderte einer sie vernehmenden Richterin das Erlebte deutlich und mit meist präzisen Angaben. Sie gab in der Videoaufzeichnung an, dass der angeklagte Hinterländer sie mehrmals und über Monate hinweg in seiner Wohnung missbraucht hat, während die Mutter außer Haus war. Dabei umschrieb sie auch Situationen, fand anfangs keine konkrete Bezeichnungen - wie schon bei dem Vernehmungsvideo durch die Polizei, das am 1. Verhandlungstag gezeigt wurde.

Immer wieder suchte das Mädchen nach Worten, um Ereignisse zu beschreiben oder zu umschreiben, da sie anscheinend nicht verstand, was warum genau geschehen war. Mehrfach hinterfragte sie emotional aufgewühlt die Ereignisse mit Aussagen wie „ich verstehe einfach nicht, warum er das getan hat“. Er habe sie dazu gebracht sich auszuziehen, sie habe aus Angst ihren Widerstand aufgegeben. Der Mann berührte das Mädchen am ganzen Körper, zwang sie, ihn oral oder mit der Hand zu befriedigen. Später soll es zu Geschlechts- und Analverkehr gekommen sein. Dies habe ihr sehr große Schmerzen bereitet, sagte das Mädchen mehrmals. Sie habe sich geschämt, empfand es als ekelhaft und abstoßend. Auf ihre Frage warum er dies von ihr verlange, habe er geantwortet, dass sie alt genug sei und froh sein solle, dass er ihr „das alles“ beibringe.

Er schlug ihr vor, ihr „erstes Mal“ auf Video festzuhalten, da es ein wichtiges Ereignis sei. Bereits von der ersten Tat hatte er Fotos und Filmaufnahmen erstellt und gedroht, diese ins Internet zu stellen, sollte das Mädchen nicht alles tun, was er verlangte.

Diese „Vereinbarung“ sprach das Kind häufig und mit ängstlichem Unterton an. Sie sei verzweifelt gewesen, hatte Angst vor ihm und zeitweise Selbstmordgedanken gehegt. Schließlich lief sie von Zuhause weg, vertraute sich kurze Zeit später der Mutter an und erzählte von den Übergriffen ihres Lebensgefährten. Diese zeigte sich schockiert, jedoch trauten sich anfangs weder Mutter noch Tochter, Anzeige zu erstatten. Beide hätten immer gehofft, dass es wieder aufhören würde, so das Kind. Erst einige Wochen später ging die Mutter zu Polizei. Seitdem sitzt der Mann in Untersuchungshaft.

Während der gestrigen Verhandlung sagten mehrere Zeugen und Experten aus. Das psychologische Gutachten des Angeklagten bescheinigte ihm eine narzisstisch akzentuierte Persönlichkeit, jedoch keine Störung. Der behandelnde Psychologe empfahl eine psychotherapeutische Aufarbeitung der Ereignisse, einen Hang zu schweren Straftaten konnte er beim Angeklagten jedoch nicht erkennen. Die behandelnde Ärztin, die das Mädchen fünf Monate nach den Taten untersucht hatte, konnte keine genauen Angaben machen, weil die angebliche Tat so lange zurückgelegen hatte. Sie fand während der gynäkologischen Untersuchung keine Auffälligkeiten, konnte sexuelle Handlungen weder ausschließen noch beweisen.

Der Angeklagte verlangte ein aussagepsychologisches Gutachten, um die von ihm angezweifelte Glaubwürdigkeit des Kindes zu belegen. Dies lehnte das Gericht ab. Der Mann gab schließlich eine umfassende Erklärung ab. Er gab die ihm vorgeworfenen Taten teilweise zu, beschrieb detailliert Zeitpunkte, Abläufe, Handlungen sowie das Verhalten des Mädchens.

Es sei mehrmals zu Berührungen beider Geschlechtsteile gekommen, jedoch nie zu Geschlechtsverkehr. Gezwungen habe er das Mädchen nicht, viel eher habe er es aufgefordert zu experimentieren, worauf sie eingegangen sein soll. Er hatte vor, mit der Zwölfjährigen zu schlafen, dies habe jedoch aufgrund mangelnder Erregung seinerseits nicht funktioniert, gab er an. Daher kam es zu beiderseitigem Oralverkehr.

„Mehr ist da nicht gewesen. Es tut mir leid“, sagte er. Seine Angaben erweckten den Eindruck, als betrachte er das Mädchen nicht als Kind, sondern als Erwachsene. Gegenüber der Mutter äußerte er deutlich, dass er ein sexuelles Verhältnis mit der Tochter habe. Seine Taten konnte er nicht erklären, habe sich keine Gedanken dazu gemacht. Trotz seiner umfassenden Ausführungen stand für ihn kein sexuelles Interesse im Vordergrund.

Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt.

von Ina Tannert

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