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Angeklagter „erarbeitet“ sich Bewährung

Gerichtsprozess Angeklagter „erarbeitet“ sich Bewährung

Mehr als 2.700 Dateien kinderpornografischen Inhalts soll ein 31-Jähriger erworben und teilweise weiterverbreitet haben. Sein Geständnis und sein aktives Mitwirken bei der Aufklärung bewahrten ihn vor dem Gefängnis.

Marburg. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Nadine Bernshausen verurteilte den Hinterländer am Dienstag im Marburger Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Der Mann muss zudem 900 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen, eine bereits begonnene psychotherapeutische Behandlung fortsetzen und darf innerhalb der Bewährungszeit keinen privaten Zugang zum Internet besitzen.

Der Angeklagte räumte vollumfänglich ein, sich zwischen Sommer 2008 und Frühjahr 2010 mehr als 2.700 Dateien, die den sexuellen Missbrauch von Jungen zeigen, angeeignet und zum Teil auch weiterverbreitet zu haben. Teilweise habe er die Fotografien und Videos von einer russischen Internetseite geladen, teilweise von anderen Personen, zu denen er über einschlägige Internetportale Kontakt aufgenommen habe, bekommen. Diesen habe er im Gegenzug ebenfalls Dateien per E-Mail geschickt.

Mit dem Erwerb und Tausch dieser Dateien habe er in einer schweren Lebenskrise begonnen, sagte er im Gerichtssaal: „Ich habe getrunken und mir das Zeug runtergeladen.“ Freude habe er daran nicht gehabt, „ich habe es einfach gemacht“. Inzwischen sehe er ein, dass er „Schlimmes gemacht“ habe, betonte er. Ihn belaste, dass er durch sein Handeln womöglich den Missbrauch von Kindern befördert habe, sagte er weiter. „Ich kann es aber nicht mehr rückgängig machen.“ Als die Polizei im Mai 2008 schließlich vor seiner Tür stand und seine insgesamt vier Computer beschlagnahmte, sei dies für ihn eine Erlösung gewesen, erklärte der Hinterländer am Dienstag unter Tränen. Einen neuen PC habe er sich seitdem bewusst nicht mehr angeschafft.

Die Ermittlungsbehörden seien über eine andere Person, die kinderpornografische Dateien mit dem 31-Jährigen getauscht habe, auf den Hinterländer aufmerksam geworden, erläuterte Staatsanwalt Georg Ungefug gegenüber der OP. Nachdem die Computer sichergestellt wurden, habe der Beschuldigte aktiv an der Aufklärung mitgewirkt, sagte der Vertreter der Staatsanwaltschaft in der Verhandlung. So habe der Mann sofort Zugangsdaten zu seinen E-Mail-Accounts herausgerückt. Dadurch seien unter anderem die E-Mail-Adressen anderer mutmaßlich Pädophiler festgestellt worden. Infolgedessen seien weitere Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, teilte Ungefug mit.

In seinem Plädoyer hielt der Staatsanwalt dem Angeklagten zudem sein frühes und umfassendes Geständnis und seine Einsicht zugute. Auch, dass der laut eines Gutachtens unter einer psychosexuellen Persönlichkeitsstörung leidende Angeklagte sich bereits freiwillig in Therapie begeben habe, spräche für ihn. Ungefug erachtete daher eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten für tat- und schuldangemessen. „Mit seinem Wirken hat sich der Angeklagte zudem eine Bewährung erarbeitet“, befand er.

Der Verteidiger des 31-Jährigen, Rechtsanwalt Ulrich Baumann, schloss sich dem Antrag der Staatsanwaltschaft an. Die Anzahl der Dateien sei sehr hoch, jedoch sei das Herunterladen für seinen Mandaten wie eine Sucht gewesen, bat er zu bedenken. Das Gericht teilte die Einschätzungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. „Dem Angeklagten kann eine günstige Sozialprognose bescheinigt werden“, sagte Richterin Bernshausen. Da alle erklärten, auf Rechtsmittel zu verzichten, ist das Urteil rechtskräftig.

von Stefan Weisbrod

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