Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Angeklagter bestreitet geplante Tötung

Prozessauftakt Tötungsdelikt Angeklagter bestreitet geplante Tötung

Heute begann vor der 6. Strafkammer des Marburger Landgerichts der Prozess gegen einen 25-jährigen Hinterländer, dem vorgeworfen wird, am 16. Februar seine damalige Freundin in deren Elternhaus in Bottenhorn niedergestochen zu haben.

Voriger Artikel
Schulen spielen eine Schlüsselrolle
Nächster Artikel
Biedenkopfer Gericht bannt Feuergefahr

Auf dem Tisch vor den Nebenklägern legten Angehörige des Opfers Bilder und eine Rose nieder. Vor dem Marburger Landgericht muss sich ein 25-Jähriger wegen des Todes seiner 18-jährigen Freundin verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Rund 50 Zuhörer sitzen im Saal 101 des Landgerichts, darunter die Eltern, viele Freunde und Bekannte des Opfers. Die 18-Jährige starb am 27. April an multiplem Organversagen als Folge der vielen Messerstiche in Brust und Bauch. Mord wirft der Staatsanwalt dem Metallbauer vor und zudem eine Trunkenheitsfahrt zum Tatzeitpunkt. Er habe seine Tat angekündigt und die Bottenhornerin im Badezimmer ihres Elternhauses niedergestochen.

Der 25-jährige Angeklagte beendet nach dem Verlesen der Anklage sein Schweigen und sagte zu den Verwandten des Opfers: „Es tut mir leid.“ Dann schildert er das Geschehen. Seine Sicht der Dinge ruft bei vielen der Zuhörer Kopfschütteln und Widerspruch der Verwandten des Opfers hervor. Dessen Mutter verlässt weinend den Saal. Am Ende der Schilderungen herrscht Schweigen im Saal und der Vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul verfügt eine zehnminütige Pause „zum Luftholen“.

Zuvor hatte der als depressiv geltende Mann die Tathintergründe mit einer starken emotionalen Belastung und Suizidabsicht erklärt. Er habe nicht geplant die 18-Jährige zu töten, sondern viel eher sich selbst „vor ihren Augen“ das Leben zu nehmen. In einer mehrstündigen Einlassung beschrieb der Angeklagte in ruhigem Tonfall Beginn und Verlauf der wechselhaften Beziehung zum Opfer. Aus seiner Sicht begann die Partnerschaft zu der damals 16-Jährigen harmonisch und liebevoll, beide zogen im vergangenen Jahr zusammen und verlobten sich. Mit der Zeit verschlechterte sich das Verhältnis zu ihrer Familie. „Ich hatte wieder Suizidgedanken“, erklärte der 25-Jährige. Seit mehreren Jahren konsumiert er große Mengen Alkohol und Betäubungsmittel. Die therapierenden Ärzte stellten bei ihm eine mittelgradige Depression sowie alkoholbedingte Verhaltensstörungen fest.

Auch Stunden vor der Tat am Nachmittag des 16. Februars habe er große Mengen getrunken, rief mehrfach bei seiner Ex-Freundin sowie deren Mutter an, erzählte der Beschuldigte vor Gericht. Aus seiner Sicht machten beide ihm Vorwürfe, er fühlte sich beleidigt und ungerecht behandelt.

Das Fass zum Überlaufen brachte für ihn die Nachricht über den neuen Freund der 18-Jährigen, der „tausendmal besser“ als er wäre. So soll es die junge Frau geschildert haben. „Es war mir alles zu viel“, so der Beschuldigte. Er trank weiter, habe schließlich das Messer in der Küche gefunden und fasste den Entschluss sich in ihrem Beisein das Leben zu nehmen. „Ich wollte, dass sie das sieht.“
Im Auto entschied er sich kurzerhand um, fuhr ziellos durch die Gegend und rief wiederholt bei der Ex-Freundin an, die ihn angeblich als „versoffenen Versager“ betitelte. Um sie zur Rede zu stellen, entschied er „da mal hin zu fahren und auf den Putz zu hauen“. Das Messer ­steckte er ein. Nachdem Mutter und Tochter ihm die Tür öffneten, zog er die versteckte Waffe.

Flucht des Opfers endet im Badezimmer

Die Mutter der Getöteten beschrieb die Situation als extrem angespannt, den Mann als „ganz ruhig und eiskalt“. Dass er sich selbst etwas antun wolle, habe er nicht formuliert. Mit den Worten „es tut mir Leid, aber ich kann nicht anders“ soll er das Messer gezogen und auf ihre Tochter zugegangen sein.

„Ich hatte solche Angst, dann hörte ich nur noch Schreie“, berichtete die Zeugin unter Tränen. Beide Frauen flohen, die 18-Jährige rannte in ein angrenzendes Zimmer, schloss sich schließlich im Badezimmer ein. Mit aller Kraft trat der Angreifer ein Loch in die Glastür und ging auf die Schülerin los. Seiner Aussage nach kam es zu einem handfesten Streit, bei dem sich beide „hin und her“ schubsten, er zu Boden fiel. „Da habe ich das Messer gepackt und um mich gestochen.“

An den eigentlichen Tatverlauf könne er sich nicht mehr erinnern, wurde erst wieder klar, als die junge Frau schwer verletzt auf dem Boden lag und seinen Namen rief. Laut Anklage soll er dem Opfer mindestens 20 Stich- und Schnittverletzungen zugefügt haben, die zu schweren inneren Verletzungen führten. „Überall war Blut“, so der Angeklagte. Fluchtartig verließ er die Wohnung und fuhr zu seinen Eltern, wo er kurz darauf von der Polizei verhaftet wurde und seitdem in Untersuchungshaft sitzt.

Dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt als schuldunfähig galt, schließt das vorläufige Blutalkohol-Gutachten aus. Entsprechend der Rückrechnung der Ermittler lag der Promillewert des Täters bei 2,17 bis 2,73. Eine Volltrunkenheit sei laut Gutachten „nicht in Betracht zu ziehen“. Dass er die Bluttat geplant und angekündigt habe – einer der Hauptanklagepunkte in dem Mordprozess – bestreitet der Mann. Laut Aussage mehrerer Angehöriger des Opfers soll der aggressive Ex-Freund mehrfach gedroht haben ihr etwas anzutun, sollte sie eine neue Beziehung eingehen.

Zeugen berichten von Tötungsdrohungen

Der Antrag der Verteidigung auf ein Beweisverbot hinsichtlich des entsprechenden Telefonats, welches die Zeugen mitgehört hatten, lehnte die Strafkammer ab. Demnach soll der Mann mehrfach gedroht haben, die 18-Jährige zu überfahren und zu töten, sollte er sie und ihren neuen Partner je antreffen, teilten zwei Angehörige des Opfers mit.

Bereits im vergangenen Jahr soll er Andeutungen gemacht haben. „Wenn er sie nicht bekommen könnte, bekommt sie keiner“, teilte die Mutter des Opfers mit. Schon während der Beziehung habe der aufbrausende Partner die Tochter stets für seine Probleme verantwortlich gemacht, sich selbst eher als Opfer dargestellt und gedroht sich umzubringen, sollte sie
ihn je verlassen, erklärte die Mutter.

  • Weitere Zeugen sollen an diesem Freitag ab 9 Uhr in Saal 101 des Landgerichts gehört werden.

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr