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Angeklagte: „Ich war wie in Trance“

Verdurstendes Baby Angeklagte: „Ich war wie in Trance“

Weil zwei Frauen ein „Bauchgefühl“ hatten, ist eine heute Dreijährige noch am Leben. Die Mutter vernachlässigte ihre Tochter und muss sich wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Marburg verantworten.

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Verteidiger Alexander Pfaff berät sich vor der Verhandlung mit seiner Mandantin.Foto: Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Noch ein bis zwei Tage länger ohne Nahrung und Flüssigkeit, und das damals fast zwölf Monate alte Mädchen hätte nicht überlebt. Dies erklärte der medizinische Gutachter Dr. Rolf Meier vor Gericht.

Als Polizei und Jugendamt das Kind am 16. Februar 2012 in Obhut nahmen und ein Krankenwagen es zur Intensivstation der Marburger Universitätsklinik brachte, wog es nur noch 3600 Gramm. Das Mädchen war unterernährt, mit Kot verschmiert, hatte offene Stellen und Hautekzeme und sein Blut war übersäuert - ein Zeichen für Flüssigkeitsmangel.

In der polizeilichen Vernehmung hatte die 24-Jährige ausgesagt, dass sie das Mädchen am 11. Februar das letzte Mal aus dem Kinderbett genommen hat. Die Windel habe sie dem Kleinkind in der Nacht auf den 12. Februar das letzte Mal gewechselt. Versorgt habe sie ihr Baby mit 1,5 bis 2 Flaschen Babymilch pro Tag. Zum Trinken habe sie ihm „eine Vorrichtung gebaut“. Sie sei einfach zu schwach gewesen, es zu füttern.

Angst Kind weggenommen zu bekommen

„Ich wusste mir nicht zu helfen. Ich war wie in Trance, den ganzen Tag schläfrig und müde“, sagte die 24-Jährige. Unter Tränen begründete sie die Vernachlässigung ihres zweiten Kindes damit, dass sie Angst davor hatte, dass ihr die zwei Kinder weggenommen werden. Sie habe gewusst, dass ihre kleine Tochter schlecht dran ist. Doch habe ihr die Kraft gefehlt.

Die heute fünfjährige Tochter habe sich quasi am Kühlschrank selbst versorgt. Geregelte Mahlzeiten gab es nicht. Heute leben beide Kinder bei der Schwiegermutter, mit dem Vater ihrer drei Kinder lebt die 24-Jährige in Scheidung. Der Aufenthaltsort des Mannes, der damals gegenüber seiner Ehefrau aus Eifersucht zu Gewalt neigte, ist unbekannt.

Sie habe ihren Mann mehrfach um Hilfe bei der Kinderversorgung gebeten. Überhaupt habe sie gehofft, dass ihr jemand hilft. „Ich wollte Unterstützung bei den Kindern, bekommen habe ich Hilfe beim Einrichten der Küche“, sagte die Angeklagte. Die Hilfe des Jugendamtes in Form von Familienhilfe hat die 24-Jährige auch nur zum Teil angenommen. Termine hat sie regelmäßig abgesagt.

Am 16. Februar 2012 stand dann das Erstellen eines Ernährungsplans auf dem Programm. Die vom Jugendamt eingesetzte Sozialpädagogin konnte die 24-Jährige mal wieder nicht zu Hause antreffen. Die Rollläden seien runtergelassen worden, auf das Klingeln habe keiner reagiert. Per SMS hatte die Angeklagte den Termin abgesagt, weil sie bei Freunden in Nordrhein-Westfalen sei. Eine Nachbarin bestätigte aber, dass die in Gladenbach Lebende zu Hause ist.

Arzttermine verstreichen lassen

„Ich hatte so einen Druck“, sagte die Familienhelferin, die aufgrund der körperlichen Entwicklung des Kindes, das als Frühchen in der 30. Woche zur Welt kam, die Mutter bei einem vorherigen Treffen gedrängt hatte, das Kind ärztlich untersuchen zu lassen. Das Kleinkind sei körperlich nicht so entwickelt gewesen wie Altersgenossen.

Dass allerdings das Kind unterversorgt sei, daran habe die Familienhelferin nicht gedacht. Auf sie wirkte die 24-Jährige aufgeklärt in Sachen Erziehung. Diesen Eindruck hatte auch die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes.

Damals ließ die Angeklagte mehrere wichtige Kinderarzttermine einfach verstreichen, sodass auch eine Ärztin, die das Kleinkind noch nie gesehen hat, Verdacht schöpfte und das Jugendamt über eine eventuelle Kindeswohlgefährdung informierte. Auch sie sei gesteuert gewesen von einem „Bauchgefühl“.

Jugendamt und Polizei fuhren schließlich zur Wohnung der 24-Jährigen und fanden das Kleinkind in einem lebensbedrohlichen Zustand vor.

Verteidiger Alexander Pfaff erklärte das Verhalten seiner Mandantin damit, dass sie zum Tatzeitpunkt im 5. Monat schwanger war von ihrem getrennt lebenden Ehemann, ohne es zu wissen. Da sie an Blutarmut leitet, habe sie unter starken Erschöpfungszuständen gelitten.

Die Verhandlung wird am Freitag, 27. Juni, um 12.30 Uhr fortgesetzt.

von Silke Pfeifer-Sternke

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