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Amortisation: Aus 80 werden 13 Jahre

Energetische Sanierung von Bürgerhäusern Amortisation: Aus 80 werden 13 Jahre

Viel Geld gaben die 
Gemeinden Lohra und Dautphetal für die energetische Sanierung von Bürgerhäusern aus. Dank staatlicher Zuschüsse
 holen sie die Investitionen in übersichtlichen Zeit­räumen wieder herein.

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Staatliche Zuschüsse bewirken eine erhebliche Verkürzung der Zeit, in der sich die Investitionen „rechnen“.

Quelle: Nikola Ohlen

Lohra. Die im Jahr 2007 beginnende Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise löste in Deutschland Konjunkturprogramme aus, die wiederum zu vermehrten Investitionen der Städte und Gemeinden in ihre Bausubs­tanz führten. Bund und Länder feuerten die energetische Sanierung von Gebäuden an, was ­einigen Gemeinden besonders gelegen kam, andere ergriffen die sich bietende Fördergeld-Gelegenheit beim Schopf.

Doch haben sich die Investitionen gelohnt, „rechnen“ sie sich für die Gemeinden zumindest auf lange Sicht? Die OP fragte bei zwei Kommunen nach, die die Konjunkturpakete seit dem Jahr 2009 nutzten: in Lohra und in Dautphelal. Lohra hatte zu diesem Zeitpunkt ungefähr halb so viele Einwohner, aber dafür fast genauso viele Schulden, wie die Gemeinde Dautphetal über Rücklagen verfügte.

In Lohra war die Situation somit selbst bei geförderten Investitionen von Zurückhaltung geprägt. So beschloss die Gemeindevertretung, energetische Verbesserungen nur am größten und am häufigsten genutzten Gemeinschaftsgebäude ausführen zu lassen, dem im Jahr 1966 errichteten Bürgerhaus im Hauptort Lohra.

Zudem entschlossen sich die Gemeindevertreter zu punktuellen, aber dafür ökonomisch schnell rentierenden Umbauten. Vergeben wurden schließlich Aufträge für den Austausch der Fensterverglasung, die Dämmung des Daches und die Umrüstung von Heizkörpern.

Zuzüglich der Planungskosten investierte die Gemeinde Lohra im Jahr 2010 rund 160.000 Euro in die energetische Verbesserung ihres Bürgerhauses im Kernort. Das führte in den vier Folgejahren zu einer durchschnittlichen Verminderung der Verbrauchswerte für Heizen­ergie von rund 4294 Kilowattstunden (kw/h).

Bei einem derzeitigen Preis von 5,5 Cent, den die Gemeinden für die kw/h Gas zahlen, macht das pro Jahr ­eine Minderausgabe in Höhe von rund 2100 Euro. Vorausgesetzt Nutzung, Temperaturen und Energiepreise bleiben annähernd gleich, wäre die Investition in rund 76 Jahren wieder hereingeholt. Berücksichtigt man die Förderung aus dem damaligen Bundesprogramm, reduziert sich der 
Eigenanteil Lohras auf rund 26.700 Euro. Somit dauert es keine 13 Jahre, bis die Investition für die Gemeinde ausgeglichen ist.

Der damals für das gemeindliche Bauamt tätige Architekt Gerhard Zinke-Heusinger von Waldegge habe sehr gute Arbeit geleistet, bescheinigt ihm Bürgermeister Georg Gaul. Der Architekt hatte zum Beispiel darauf gedrängt, nur die Verglasung der großen Scheiben auszutauschen, statt komplett neue Fenster ins Bürgerhaus einbauen zu lassen.

Dautphetaler Häuser kosten 1,2 Millionen Euro

In der Gemeinde Dautphetal stellte sich die Situation gänzlich anders dar. Dort entschieden die Parlamentarier schon vor der Finanzkrise, die vier größten Bürgerhäuser zu sanieren. Begonnen wurde mit dem Haus in Dautphe, die Förderung aus dem Konjunkturprogramm II kam dann für die Häuser in Buchenau und Friedensdorf 
gerade Recht.

Anders als in Lohra sollten die beiden Mitte der 1970er-Jahre erbauten Häuser der Gemeinde Dautphetal umfassend saniert und auf einen energetisch aktuellen Stand gebracht werden. Bei den Bürgerhäusern in Buchenau und Friedensdorf handelt es sich um wesentlich größere Komplexe als in Lohra: Beide Häuser beherbergen auch ein Schwimmbad, Buchenau zudem eine angegliederte Kindertagesstätte und einen integrierten Hort, während das Friedensdorfer Haus neben der Kindertagesstätte auch über eine Gaststätte verfügt.

So kamen für die energetische Sanierung in den Jahren 2010 und 2011 schnell große Summen zusammen. In Buchenau, wo die Fassade gedämmt und die Fenster ausgetauscht wurden, investierte die Gemeinde rund 541.000 Euro – für das Bürgerhaus 321.000 Euro und für das frei stehende Hallenbad 220.000 Euro – sowie noch 360.000 Euro in die Kindertagesstätte. Zudem wurde eine Pellets-Heizkesselanlage installiert.

Für Friedensdorf fielen für die Sanierung der Fassade, der Fenster und des Daches insgesamt 344.000 Euro an, die sich folgendermaßen aufteilen: 232.000 für das Bürgerhaus, 80.000 für das Hallenbad im Keller des Gebäudes und 32.000 für die Kindertagesstätte. Große Summen, dennoch sagt Hermann Henkel: „Insgesamt hat es sich rentiert.“

Zwar ließe sich laut dem Leiter des Fachbereichs II der Gemeinde kein direkter vorher-/nachher-Vergleich ziehen, doch er könne sagen, dass in dem kompakten Friedensdorfer Gebäude nun rund 11 Prozent weniger an Energiekosten anfielen, während es in dem wesentlich größeren Buchenauer Komplex, wo zum Beispiel das Badgebäude auch noch freistehend ist, nun rund 40 Prozent weniger an Ausgaben für Energiekosten sind. Schwierig mache einen Vergleich zum Beispiel, dass es in den Häusern nach der Sanierung auch zu einer Änderung der Nutzung kam, oder weil der Schwimmbadverein in Buchenau auch einiges in die Erneuerung der Technik investierte.

Gemeinde gibt 12.980 Euro weniger fürs Heizen aus

In Zahlen drücken sich die Verbräuche der letzten vollen Jahre vor der Sanierung so aus:

In Friedensdorf wurden für Bürgerhaus, Restaurant, Kegel­bahn, Schwimmbad und Kindergarten durchschnittlich 323.000 Kilowattstunden (kw/h) verbraucht, in den Jahren 2012 bis 2014 durchschnittlich 288.000 kw/h – macht einen Unterschied von 35.000 kw/h. Bei derzeit 5,5 Cent (pro kw/h für Gas) ergibt dies eine jährliche Minderausgabe von 1925 Euro.

In Buchenau wurden in den gleichen Zeiträumen für Bürgerhaus, Kegelbahnen, Feuerwehrgerätehaus, Schwimmhalle, Kindergarten und Kinderkrippe statt durchschnittlich 576.000 nur 375.000 kw/h verbraucht. Differenz: 201.000 kw/h à 5,5 Cent macht 11.055 Euro jährlich.

Rechnet es sich? Voraussetzungen für diese Rechnung wären ein gleichbleibendes 
Nutzerverhalten 
mit ebensolchem Energieverbrauch, ähnliche Außentemperaturen sowie stabile Energiepreise. Fest steht, dass die Gemeinde 
Dautphetal für die energetische Sanierung des Buchenauer 
Komplexes insgesamt rund 901.000 Euro aufwandte. Bei jährlichen Minder-
ausgaben für Energie in Höhe von 11.000 Euro amortisierte sich die Investition in fast 82 Jahren.

Doch die Gemeinde erhielt Zuschüsse aus den Förderprogrammen von Bund und Land. Für Buchenau beziffert Henkel den verbleibenden gemeindlichen Eigenanteil nach Abzug der Landesförderung auf 16,6 Prozent, was rund 150.000 Euro entspricht und die Amortisationsdauer auf etwa 13,5 Jahre senkt.

In das Friedensdorfer Gebäude investierte die Gemeinde rund 344.000 Euro, erhielt aber aus dem Bundesprogramm Zuschüsse, die den Gemeindeanteil auf 12,5 Prozent, rund 43.000 Euro, senkten. Die Ausgaben wären somit in etwas mehr als 22 Jahren wieder hereingeholt.

von Gianfranco Fain

 

 

Eine Rechnung ist noch offen

Das sieht doch gut aus, wenn Investitionen in ein Gebäude in einer überschaubaren Zeit von 13 bis 22 Jahren wieder hereinkommen. Denn in 80 Jahren kann auch an einem Gebäude viel passieren, manche müssen in einer solchen Zeitspanne runderneuert werden, andere fallen gar der Abrissbirne zum Opfer. Geschönt wird die Rechnung jedoch dadurch, dass die wesentlich kürzere Amortisationszeit nur durch Zuschüsse von Bund und Land zustande kommt, die Arbeiten sich also eher rechnen. Freuen können sich in den hier aufgeführten Fällen die Bürger der beiden Gemeinden. Die Gebäude bedurften einiger Verbesserungen. Diese haben die Verantwortlichen mit öffentlichem Geld auf den Stand der Zeit herbeigeführt. Über den Fördergeld-Segen dürfen sich vor allem die Bürger der nutznießenden Gemeinden freuen, gelangte so ein Teil ihrer gezahlten Steuern auf direktem Wege wieder in ihre Orte. Doch während es über den Sinn der damaligen Konjunkturprogramme keinen Zweifel gibt, so ist dies im Falle der energetischen Sanierung beziehungsweise Dämmung von Gebäuden noch nicht ausdiskutiert und auch nicht zu Ende gerechnet.

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Nicht nur wegen der Kosten umstritten

Die energetische Sanierung von Gebäuden ist umstritten, und das nicht erst seit das Forschungsinstitut Prognos im Auftrag der staatlichen Förderbank KfW ermittelte, dass die Aktionen zur Verminderung des Verbrauchs an Heizenergie mehr Geld verschlingen, als durch sie eingespart wird.

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