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"Amis" versorgen Marburger per Bahn

Serie "Eisenbahn im Hinterland" "Amis" versorgen Marburger per Bahn

Vor 69 Jahren endete ein wichtiges Kapitel der Gladenbacher Eisenbahngeschichte.

Gladenbach. Seine wichtigste Bedeutung erreichte der Gladenbacher Bahnhof in den Jahren 1944/45. Denn als die Machthaber versuchten, die schon unvermeidbare Niederlage abzuwenden, wurden nicht nur immer neue sogenannte Wunderwaffen entwickelt, sondern auch ganze Logistikketten hinter der Front neu organisiert, um so den Bombenangriffen auszuweichen.

In Gladenbach wurden deshalb die Lokbehandlungsanlagen um den Lokschuppen herum mitsamt selbigem erheblich erweitert. Man wollte ein Ausweichbahnbetriebswerk errichten, um so die Dampfloks von der nur zehn Kilometer entfernten Main-Weser-Bahn mit neuen Betriebsstoffen versorgen zu können, da die Bahnbetriebswerke entlang dieser Strecke immer heftigeren Angriffen ausgesetzt waren.

Bis zum Ende des Krieges im Hinterland, Ende März 1945, konnten jedoch nicht alle Pläne umgesetzt werden. So wurde zwar der Lokschuppen vergrößert und ein großer Wasserturm errichtet, jedoch blieben die Werkstatt-, Unterkunfts-, Büro- und Sanitärräume für das Personal unvollendet. Ebenso wurde von den ganzen neu geplanten Unterhaltsgleisen nur ein einziges als Verlängerung eines ohnehin bestehenden Gleises fertiggestellt.

Die neue Großbekohlungsanlage wurde nie gebaut und der heute noch hinter dem Lokschuppen sichtbare große Geländeeinschnitt fiel ebenfalls kleiner aus als geplant. Mit dem Aushub verbreiterte man das Planum für den Bahnhof so, dass es möglich war, ein viertes Gleis über die gesamte Länge des Bahnhofs anzulegen.

Die in den letzten Kriegstagen in erster Linien den Bahnanlagen geltenden Luftangriffe forderten auch in den umliegenden Orten mehrere Todesopfer. Jedoch sollte es sich in den ersten Wochen nach dem Kriegsende im Hinterland als Glücksfall erweisen, dass die Bahn­infrastruktur der Aar-Salzböde-Bahn als eine der ganz wenigen Ausnahmen weit und breit intakt war. Bei anderen Strecken waren meist wichtige Bahnbetriebs- und Brückenbauwerke entweder von den US-Amerikanern zerbombt oder von der Wehrmacht auf dem Rückzug gesprengt worden.

Marburg war auf der Schiene nur über die Aar-Salzböde-Bahn mit Herborn verbunden und von dort aus war auch noch die Westerwaldquerbahn über Westerburg nach Montabaur intakt. Da man in Gladenbach auch noch intakte Dampfloks und Güterwagen vorfand, wurde auf US-Befehl ein Güterzug gebildet, der unbeladen nach Westerburg fuhr. Spät abends kam er mit den notwendigsten Hilfs- und vor allem Nahrungsmitteln wieder in Gladenbach an, wo das Personal übernachtete und der Zug bis zum nächsten Morgen abgestellt blieb, um am nächsten Tag seine Fahrt nach Marburg fortzusetzen.

Im Wartesaal waren wertvolle Möbel gelagert

Nachdem er dort entladen wurde, fuhr er am selben Tag über Gladenbach zurück nach Westerburg und der Umlauf begann erneut. Der Umstand, dass im 1./2.-Klasse-Wartesaal des Gladenbacher Bahnhof ein hoher Reichsbahnbeamter aus Frankfurt seine wertvollsten Möbel einlagerte, führte dazu, dass die US-Armee diesen Raum als Büro nutzte, um so den Einsatz der Versorgungszüge zu koordinieren. Mitte April war zunächst die Verbindung von Marburg nach Kassel und kurz darauf auch jene nach Gießen und Hanau wieder hergestellt.

Erst ab dem 29. Mai 1945 war die Dillstrecke soweit befahrbar, dass auf die Versorgungszüge über Gladenbach verzichtet werden konnte. Erst jetzt war wieder an so etwas wie Personenzüge zu denken. Allerdings hatten die Personenwagen durch die Kriegseinwirkungen keine Fensterscheiben mehr. Deshalb mussten die Fensteröffnungen provisorisch mit Brettern vernagelt werden.

OP-Leser Willi Dittmann begann im April 1944 auf dem Gladenbacher Bahnhof seine Eisenbahnerlaufbahn und erlebte die Schrecken der damalige Zeit mit. Ohne seine Hilfe wären die ganz wenigen überlieferten Fragmente, wie das bereits 1947 erschienene und von US-Soldaten verfasste Werk „The Saga oft the 708th Railway Grand Devision“, welches auf die heimische Region nur zu einem kleinen Teil eingeht, ungeordnet geblieben.

Wer einschneidende oder nicht alltägliche Geschehnisse aus der Hinterländer Eisenbahngeschichte berichten kann wird gebeten, sich mit der Redaktion in Gladenbach oder mit dem Autor unter hinterlandbahnen@gmx.de Kontakt aufzunehmen.

von Stefan Runzheimer

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