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Am Nürburgring ist erster Tankstopp

Schwalben-Tour Am Nürburgring ist erster Tankstopp

Fünf Tage lang war OP-Mitarbeiter Björn- Uwe Klein (25) mit seinem Vater Alfred Klein (50) auf Mopedtour unterwegs. Ziel der beiden war der Norden Frankreichs.

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Auch eine Schwalbe braucht Benzin.

Quelle: Privatfoto

1 622 Kilometer auf dem Moped in fünf Tagen – ob diese Art zu reisen dem eigenen Urlaubsgeschmack entspricht, muss jeder selbst wissen. Mein Vater und ich haben eine solche Reise gemacht und eine Menge erlebt. Mit unseren Oldtimern, zwei Simson- Schwalben, Baujahr 1980, sind wir vom Bad Laaspher Stadtteil Herbertshausen bis an die französische Kanalküste gefahren. Wie kommt man auf die Idee, mit 33 Jahre alten Zweitaktern – wohlgemerkt keinen Motorrädern, sondern Mopeds – eine solche Tour zu unternehmen? Und das, obwohl die Gefährte maximal 65 Kilometer pro Stunde schnell sind. Zudem darf man mit solchen Mopeds nicht auf die Autobahn. Eine interessante Frage. Die Liebe zu Oldtimern und der Spaß am Fahren spielen hier wohl eine große Rolle. Ebenso das Vertrauen in die alte Technik.

Der Ankunft folgt die Enttäuschung

Aber es gab für uns noch einen weiteren Anlass: Wir wollten ans Grab meines Ururgroßvaters, der im Ersten Weltkrieg 1915 ums Leben kam. Ein Vorhaben, das eher zufällig zustande kam und dem eine dreitägige Mopedtour im vergangenen Jahr vorausging. Unser Ziel war damals Paris, doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung, so dass wir in Verdun umkehrten. Auf der Suche nach dem Grab des Urgroßvaters In einem Vorort von Verdun entdeckten wir einen deutschen Soldatenfriedhof, auf dem wir uns spontan umschauten. Auf einem der steinernen Grabkreuze war der Name Heinrich Schmidt zu lesen. So hieß der Urgroßvater meines Vaters. Der Gedanke, durch einen Zufall womöglich auf dessen letzte Ruhestätte gestoßen zu sein, ließ meinen Vater nicht mehr los. Als wir wieder zu Hause waren, begann er sofort zu recherchieren, wann und wo unser Vorfahre ums Leben kam. Schnell war klar, dass es sich bei dem vor Verdun gefallenen Heinrich Schmidt nicht um seinen Urgroßvater aus Feudingen handeln konnte. Dessen Grab aber befindet sich laut Auskunft des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge ebenfalls im Norden Frankreichs: Und zwar auf einem deutschen Soldatenfriedhof in der kleinen Gemeinde Roye, rund 100 Kilometer nördlich von Paris.

Erste Panne in Haiger

„Da fahren wir nächstes Jahr mal hin“, sagte mein Vater. Und so machten wir‘s. Ein Jahr sollte es noch dauern, bis wir diese Tour starteten. Genug Zeit, um uns über die genaue Lage des Friedhofs zu informieren und unsere Reise sorgfältig zu planen. Freitag, 19. Juli, 6 Uhr, Bad Laasphe-Herbertshausen: Der große Tag ist da! Die Vorfreude ist groß, die Spannung ebenso. Trotzdem starte ich gelassen in den Tag, trinke meinen allmorgendlichen Cappuccino und lese die Zeitung. Darin stoße ich auf einen großen Artikel über Frankreich, in dem es um die Rückkehr der Wölfe geht. Ob wir einem begegnen werden? Eher nicht, denn die Wahrscheinlichkeit, einen Wolf zu Gesicht zu bekommen, ist laut des Artikels sehr gering. Die letzten Vorbereitungen sind getroffen, die Mopeds vollgetankt und mit Gepäck beladen. Es kann losgehen – endlich! Die Mopeds springen auf Anhieb an, die Drehzahl erhöht sich, sobald man den Gasdrehgriff auch nur minimal bewegt – ein schönes Gefühl! Wir fahren los, verlassen Herbertshausen über die Hauptstraße Richtung Dillenburg. Es wird ein heißer Tag: Bereits bei unser Abfahrt um 6.50 Uhr ist es kein bisschen kühl. Optimales Zweirad-Wetter! In Dillenburg biegen wir Richtung Haiger ab. Unser Plan ist es, über Haiger durch den Westerwald nach Koblenz und von dort über den Rhein Richtung Belgien zu fahren. Kaum haben wir Haiger hinter uns gelassen, passiert etwas Unvorhergesehenes: An der Abzweigung nach Flammersbach fährt mein Vater einen Parkplatz an und schaltet den Motor ab. Was ist los? Die Tachonadel bewegt sich nicht mehr. Na prima, denke ich – das fängt ja gut an. Wir sind gerade mal eine knappe Stunde unterwegs. Mein Vater dreht die Tachowelle aus dem Tacho heraus, um sie noch einmal neu einzuführen. Er macht eine Probefahrt und nickt zufrieden.

"Pssst, hey du. Willst du eine Schwalbe kaufen?"

Tachonadel und Kilometerzähler bewegen sich wieder – es kann weitergehen. In Koblenz überqueren wir um etwa 9 Uhr den Rhein – was mir das Gefühl gibt, schon eine bedeutende Etappe auf dem Weg nach Frankreich geschafft zu haben. Weiter geht’s Richtung Mayen. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch verschlafene Dörfer und ich frage mich, ob dies wohl der Landkreis „Liebernich“ aus der Fernsehserie „Mord mit Aussicht“ ist. Im Eifel-Städtchen Mayen machen wir Halt, um uns vor einem Café mit Kaffee und süßem Gebäck zu stärken. Kaum sitzen wir dort, hält die Polizei an und fragt, ob hier vorhin ein Typ mit schwarzer Mütze vorbeigekommen sei. Alle zucken die Schultern, niemand will ihn gesehen haben. Wir sind eindeutig in Liebernich! Wenige Minuten später spricht uns ein Mann an, will wissen, ob wir die Besitzer der Schwalben sind, die eine Straße weiter stehen. Wir bestätigen dies. Der Mann stellt sich vor, sein Name ist Mathias, und erklärt, dass er Teile einer Einser Schwalbe in einer Scheune herumliegen hat. Die will er loswerden und bietet sie daher zum Verkauf an. Unsere Schwalben sind zwar nicht vom Einser-, sondern vom Zweier-Typ – interessant ist das Angebot aber dennoch. Mathias hinterlässt uns seine Kontaktdaten. Wir setzen die Fahrt durch die Eifel fort. In der Nähe des Nürburgrings tanken wir zum ersten Mal und helfen einem jungen Paar aus England beim Schieben ihres Wagens. Den beiden ist auf den letzten Metern vor dem Erreichen der Tankstelle der Sprit ausgegangen. Am Nachmittag passieren wir die deutsch-belgische Grenze.

Navi ist für Feiglinge - Orientierung mit Karte

Das Erste, was mir in Belgien auffällt, sind die Ortsnamen „Schlierbach” und „Wiesenbach”, als sei hier das zweite Hinterland. In einem Restaurant unweit der Grenze kommen wir in den Genuss von Flammkuchen. Unsere weitere Fahrt führt durch die Ardennen. Eine wahre Buckelpiste! Das Fahren auf den schlaglochzerfurchten Straßen ist kein Vergnügen. Mit dem Moped muss ich hier nicht noch einmal durch! Wir fahren unter anderem durch die südbelgischen Städte La-Roche-en-Ardenne, Rochefort und Beauraing, ehe wir gegen 20 Uhr die belgisch-französische Grenze erreichen. Kaum sind wir über die Grenze gefahren, ändert sich die Landschaft grundlegend. Das Land öffnet sich, der Blick reicht plötzlich viel weiter als im hügeligen Südbelgien. Der erste Ort, den wir auf der französischen Seite durchfahren, heißt Givet. Eine malerisch gelegene Kleinstadt an der Maas. Wir folgen der Maas und kommen schließlich nach Fumay, wo wir – erschöpft und zufrieden – gegen 21.30 Uhr ein schönes Hotel finden. Duschen, Abendessen im Freien, Bilanz des Tages ziehen: Rund 500 Kilometer haben wir geschafft. Und dieses Pensum macht sich auch am Gesäß bemerkbar. Man fühlt sich wie ein Cowboy, der den ganzen Tag im Sattel gesessen hat. Die Reise verlief bisher ohne Probleme. Nicht einmal haben wir uns verfahren, und das, obwohl uns ausschließlich eine Karte zur Orientierung dient – ein Navi haben wir nicht dabei. Einziger Zwischenfall: Die Tachowelle, die mein Vater noch einmal neu eindrehen musste. Hoffentlich läuft es weiterhin so glatt!

Lesen Sie hier weitere Serienteile:

http://www.op-marburg.de/Lokales/Hinterland/Franzosen-sind-vom-Moped-begeistert

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