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Am Ende siegt immer eine Wahrheit

Expertenvortrag Am Ende siegt immer eine Wahrheit

Der ehemalige Direktor des Marburger Arbeitsgerichts Hans Gottlob Rühle beleuchtete auf Einladung des Wirtschaftsforums das Thema „Wahrheit vor Gericht“.

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Über die „Wahrheit vor Gericht“ sprach der ehemalige Arbeitsrichter Hans Gottlob Rühle auf Einladung des Lohraer Wirtschaftsforums in den Räumen der Firma Lather im Ortsteil Damm.

Quelle: Ingrid Lang

Damm. In einem Prozess müsse der Zeuge die Wahrheit sagen, betonte Hans Gottlob Rühle. Die Wahrheit aber liege in der Tiefe und habe etwas mit Tat­sachen zu tun und nicht mit Wertungen.

Tatsachen seien lästig, Menschen wollen aber Geschichten, die einen Sinn ergeben. Rühle verdeutlichte das Behalten der Wahrheit an einem Beispiel: 1. „König stirbt, Königin stirbt auch“ und 2. „Der König stirbt und danach stirbt die Königin aus Schmach und Gram“. Sicher sei, dass sich der letzte Satz besser einpräge, dem stimmten die Mitglieder des Wirtschaftsforums zu.

Seit der Aufzeichnung der Wahrheit gehen viele Menschen davon aus, dass es die Wahrheit gebe. Rühle berichtete aber, dass es neben der objektiven Wahrheit auch die subjektive, die göttliche und die prozessuale Wahrheit gebe, die im Vordergrund des Vortrages stand.

Subjektive Wahrheit

Die subjektive Wahrheit zu sagen, bedeute, dass ein Zeuge besonders glaubwürdig sei, wenn er konstant, sicher und bestimmt in allen Vernehmungen das gleiche aussage; das sei jedoch falsch. Gleich bleiben müsse dabei nur der Kern des Geschehens, und der müsse ganz eng gefasst werden. Dies bedeute, der Zeuge bemühe sich, die subjektive Wahrheit zu sagen.

Göttliche Wahrheit

Selbst in der Wahrnehmung können Fehler auftreten, genauso wie in der Erinnerung, so Rühle. Bei Moses sei es um die göttliche Wahrheit gegangen, wo es unter anderem lautet: „Du wirst sterben, wenn du nicht gehorchst“; ebenso heiße es im Psalmwort: „Deine Wahrheit, Herr, reicht, so weit die Wolken reichen“.

Prozessuale Wahrheit

Im Gericht bei einem Prozess gehe es aber um die prozessuale Wahrheit, und die müsse nicht um jeden Preis erforscht werden; es gehe vielmehr um Konfliktlösung. Die Wahrheit, die in einem Prozess ermittelt werde, muss nicht der wirklichen Wahrheit entsprechen. Die prozessuale Wahrheit ist die einzige und in einem Prozess die entscheidende. Die prozessuale Wahrheit komme der wirklichen Wahrheit sehr nahe. Die Wahrheitsfindung im Gericht sei dagegen beschränkt.

So bestimme zum Beispiel in einem Prozess, wo es um das Baurecht gehe, der Bauherr, was im Verborgenen bleibe und was nicht. Er sei es, der das Beweismittel anbiete. Dabei sei eine spezielle Wahrheit möglich, die aber mit der wirklichen Wahrheit nichts zu tun habe. Wichtig sei auch, dass jeder Angeklagte den Schriftsatz seines Anwaltes lese und wisse, um was es gehe. Denn oft käme die Frage: Darf ich auch mal was sagen?

Wichtig seien die Verjährungsfristen, die in einer bestimmten Zeit beachtet werden müssen. Geschehe dies nicht, interessiert die wirkliche Wahrheit nicht mehr. Zu den Beweismitteln zählen der Augenschein an der Unfallstelle, Urkunde, Sachverständiger, Parteienvernehmung und der Zeugenbeweis.

Es gebe aber auch unzulässige Beweismittel wie zum Beispiel eine gefundene Pistole, die aus einem Mülleimer geholt wurde. Dabei habe aber der Eigentümer der Tonne nicht der Entnahme der Pistole zugestimmt und daher ist es ein unzulässiges Beweismittel.

Falsch: 50 Prozent Aussagen

Rühle bezeichnete sich selbst als Schwätzer in einem Prozess. Das schönste Kompliment habe ihm ein Mann gemacht, der ihm sagte: „Wissen Sie, ich habe den Prozess zwar verloren, aber Sie haben sich richtig Mühe gegeben.“

Bei jedem Prozess liege die Beweiskraftregel bei der Staatsanwaltschaft. Mindestens fünfzig Prozent der Zeugenaussagen seien falsch. Das Vertrauen der Richter in die Zeugenaussagen könne schon erschreckend sein. In den meisten Fällen sei man jedoch der Wahrheit sehr nahe gekommen.

Ziel sei aber die Konfliktlösung und nicht die Wahrheitsfindung. Am Ende eines Prozesses, egal wer gewinnt, siegt immer die Wahrheit, fragt sich aber welche und wessen Wahrheit. Damit beendete Rühle seinen Vortrag, der mit vielen Beispielen aus dem Gericht gespickt war und mit kräftigem Beifall bedacht wurde.

von Ingrid Lang

 
Zur Person
Hans Gottlob Rühle hat in Tübingen und Marburg Rechtswissenschaften studiert und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesarbeitsgericht in Kassel tätig. Seit 1982 war er als Richter am Arbeitsgericht in Marburg tätig und von 1986 bis zur Auflösung des Arbeitsgerichts am 31. Dezember 2011 war er dessen Direktor. Danach wirkte er bis Ende 2014 als Richter und als stellvertretender Direktor am Arbeitsgericht Gießen, das aus der Fusion der drei mittelhessischen Arbeitsgerichte entstanden ist.
 
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