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Als der Gockel vom Kirchturm flog

Ausstellung Als der Gockel vom Kirchturm flog

Einen Ausflug in die Geschichte der großen Religionsgemeinschaften in Gladenbach bietet eine neue Ausstellung des Heimat- und Geschichtsvereins Amt Blankenstein.

Gladenbach. „Zu sehen sind Exponate aus unserem Fundus“, freut sich Marion Nord. Die Vorsitzende des Heimatvereins berichtet auch von ganz neuen Ausstellungsstücken, die noch nicht lange im Besitz des Vereins sind, wie Gebet- und Gesangbücher sowie alte Bibeln mit Inschriften, in denen man sogar wichtige Lebensereignisse wie Geburt, Taufe, Heirat und Tod eintragen konnte.

Auch Dokumente über Kriegstrauungen und Büchlein für den Soldat im Schützengraben sind zu sehen.

Den Protestanten, den Katholiken und der früheren jüdischen Gemeinde Gladenbach sind Vitrinen gewidmet. Im evangelischen Teil gibt es zudem eine Vitrine mit Ausstellungstücken zu den Themen Heirat und Konfirmation. Zu sehen sind etwa schön gestaltete Urkunden.

Korndörfer war 50 Jahre lang Pfarrer in Gladenbach

Zwei sind unterschrieben von Heinrich Korndörfer, er war von 1860 bis 1910 Pfarrer der Pfarrei I in Gladenbach. Sein Grab existiert noch auf dem Kernstadtfriedhof. Von ihm und von anderen früheren Pfarrern sind Fotografien ausgestellt. Bilder gibt es auch von der evangelischen Martinskirche, darunter eine Innenaufnahme aus der Zeit, als es dort noch einen Mittelgang gab und die Fenster bleiverglast waren.

Gleich ins Auge fällt ein alter Wetterhahn, er zierte einst die Martinskirche und flog unfreiwillig davon. Ein kleiner Orkan hatte ihn vom Dach geweht, er landete auf dem benachbarten Hotel Spies.

1949 wurde der Wetterhahn auf dem Kirchturm erneuert. Im Buch von Karl Huth „Gladenbach, eine Stadt im Wandel der Jahrhunderte“ ist dazu nachzulesen, dass die Dachdeckergesellen den neuen Hahn von Haus zu Haus trugen und um Gaben für einen Schmaus warben. Für das Trinkgeld kaufte man sich Speck, Wurst, Schnaps und Bier.

Auch von der kleinen katholischen Kapelle in der Gießener Straße sind Fotos zu sehen. In den 1990er-Jahren wurde über die Renovierung dieser Kapelle diskutiert, die 1885 von italienischen Arbeitern in dieser evangelischen Gegend erbaut wurde. Sie waren damals am Bau der Bahnstrecke zwischen Niederwalgern und Hartenrod beteiligt und errichteten die Kapelle in ihrer Freizeit.

Vor mehr als 45 Jahren verkaufte die katholische Kirchengemeinde das Gebäude und das Grundstück, auf dem sie steht. Weil sie nun auf einem Privatgrundstück stand, aber auch aus anderen Gründen, war es lange Zeit Wunsch des früheren katholischen Dekans, Heribert Zerfas, die Kapelle Stein für Stein umzusetzen. Für Taufen, Hochzeiten und ähnliche Anlässe hätte man sie gut nutzen können. Dieser Plan war allerdings bereits in den 1990er-Jahren vom Tisch. Alleine die Renovierung der Kapelle wäre sehr teuer geworden.

Die Geschichte der Kapelle ist eng verbunden mit der Entwicklung der katholischen Kirchengemeinde in Gladenbach. „Einige wenige katholische Gläubige gab es auch nach der Reformation immer mal wieder in Gladenbach“, schreibt der verstorbene Gladenbacher Historiker und frühere Rektor der Freiherr-vom-Stein-Schule, Jürgen Runzheimer, im Heimatbuch „Gladenbach und Schloß Blankenstein“, das im Hitzeroth Verlag in Marburg erschienen ist.

Zu einer dauerhaften Ansiedlung sei es erst im 19. Jahrhundert gekommen, berichtet er. So gab es 1830 zehn Katholiken am Fuße des Blankenstein. Acht Familien schlossen sich nach seinen Worten der katholischen Gemeinde in Biedenkopf an. 1894 begann der Bau des Kapellchens in der Gießener Straße, das ein Jahr später feierlich eingeweiht wurde. „Durch den Zuzug von Heimatvertriebenen wuchs die Zahl der Katholiken nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt Gladenbach und den umliegenden Orten stark an, schreibt Runzheimer. Die in neugotischem Stil errichtete Kapelle war bald zu klein, um all die Katholiken aufzunehmen. „Das Bedürfnis nach einer eigenen Kirche wurde von Jahr zu Jahr fühlbarer“, schreibt der verstorbene Gladenbacher Heimatforscher Otto Acker in seinem Buch „Gladenbach - eine Stadt im Wandel der Jahrhunderte“. Er berichtet, dass im Oktober 1955 mit dem Bau einer neuen katholischen Kirche auf der Burgwiese in Gladenbach begonnen wurde. Im Herbst 1965 war Richtfest.

Zu spät für die Eltern von Karin Brück, geborene Nassauer. Die 1956 geborene Tochter sollte alsbald getauft werden. „Ich war das letzte Kind, das in der kleinen Kapelle getauft wurde“, berichtet Karin Brück stolz. Die Schatzmeisterin des Heimatvereins erklärt, dass die neue Kirche „Maria Königin“ damals noch nicht fertig war. Sie wurde erst im Dezember eingeweiht.

Wegen dieser besonderen Beziehung zu der kleinen Kapelle kümmerte sich Karin Brück auch um die Vergrößerung einer sehr schönen Innenaufnahme des Gebäudes, die nun in der Ausstellung zu bewundern ist.

Als dritte Vorstandskollegin im Bunde half in dieser Woche auch Barbara Runzheimer beim Bestücken der Vitrinen.

Sie berichtet über die Exponate aus dem jüdischen Leben in Gladenbach. „Ehemalige Mitbürger haben sie dem Verein geschenkt“, sagt sie.

Ausgestellt sind unter anderem ein Menora - ein siebenarmiger Leuchter, Mazzen-Deckchen und Teller für das Pessachmahl sowie eine Kippa, eine jüdische Kopfbedeckung. Von der Synagoge, die in der „Jirregass“, der heutigen Burgstraße, stand, ist ein Bild ausgestellt. Die Synagoge ist allerdings im Hintergrund nur schemenhaft zu sehen. Wo sie früher stand, wurde in den 1970er-Jahren ein Gedenkstein gesetzt.

Die Ausstellung des Heimat- und Museumsvereins ist bis zum Frühjahr im Foyer im Haus des Gastes zu den üblichen Öffnungszeiten sowie während Veranstaltungen zugänglich.

von Hartmut Berge

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