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Als Team suchen sie "die beste Lösung"

Musical-Macher im Interview Als Team suchen sie "die beste Lösung"

Vom 21. bis 30. August wird bei den Schlossfestspielen in Biedenkopf das Musical "Der Postraub" aufgeführt. Die Biedenkopferin Birgit Simmler und der in Berlin lebende Brite Paul Graham Brown bauen nach dem Erfolg des Musicals "Eingefädelt" erneut auf historischen Stoff.

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Die Neuauflage des Erfolgs der Biedenkopfer Schlossfestspiele gibt den Initiatoren recht.

Biedenkopf. Unter freiem Himmel wird im Biedenkopfer Landgrafenschloss erneut eine Weltpremiere aufgeführt. Erzählt wird die Geschichte des Postraubs in der Subach. Acht Bauern und Tagelöhner aus dem hessischen Hinterland erlangten im Mai 1822 plötzlich Reichtum, der ihnen schließlich zum Verhängnis wurde. Deutschlandweit wurde die wahre Geschichte durch eine Verfilmung von Volker Schlöndorffs und Margarethe von Trottas Autorenfilm „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“ aus dem Jahre 1971 berühmt. Beim Musical ist Paul Graham Brown verantwortlich für die Musik und die Liedtexte, Birgit Simmler für das Buch und die Idee. Beide verstehen es, für die Aufführung sowohl Musical-Profis als auch regionale musikalische und schauspielerische Talente zusammenzubringen. Ein großes Ensemble steht wieder in historischen Kostümen auf der Bühne.

Der Eigenbetrieb „Freizeit, Erholung und Kultur“ rechnet mit Umsätzen von 114000 Euro. 305 Besucher finden Platz im Schlosshof. Auch die Stadt Biedenkopf beteiligt sich mit 54000 Euro an dem kulturellen Ereignis. Im Mai starten die ersten Proben für das Musical, eine Sondervorstellung ist am 27. August ab 20 Uhr für geladene Gäste geplant. Das erste Musical-Projekt von Simmler und Brown wurde über die Grenzen Biedenkopf hinausgetragen. Es wurde außer auf der Schlossbühne auf der Freilichtbühne in Hallenberg und auf der Freilichtbühne in Herdringen aufgeführt.

Im OP-Interview zeichnen Simmler und Brown, die sich beruflich sehr gut kennen und einschätzen können, ein genaues Bild des anderen – sie schätzen sich und auch die Arbeit des jeweils anderen. Sie kennen aber auch dessen Marotten.

OP: Wann fängt für Birgit Simmler die Arbeit an und wann hört bei ihr der Spaß auf?

Paul Graham Brown: Der Spaß fängt bei Birgit Simmler an, wenn sie oder wir eine neue Idee für einen Stoff haben. Wenn wir in der heißen Phase des Schreibens sind. Wenn sie als Regisseurin wirklich tief an die Emotionalität einer Rolle kann. Es hört auf beim stundenlang im Büro sitzen und - allerdings notwendige - Anträge auf Fördergelder schreiben. Oder bei schwierigen - aber auch wichtigen - Verhandlungen zum technischen Aufbau im Schloss. Jede Schraube, jeder Nagel und jeder Haken müssen besprochen werden. Der Schlosshof steht schließlich unter Denkmalschutz.

OP: Kennen Sie die Stärken und Schwächen von Birgit Simmler - insbesondere bei der Vorbereitung und Umsetzung der Biedenkopfer Schlossfestspiele?

Brown : Ja, tue ich. Die Frage deutet darauf hin, dass ich diesbezüglich etwas erzählen sollte, was natürlich eine komplett andere Angelegenheit ist. Ich bewundere Birgits Kreativität, Handwerk und Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Sie ist extrem exakt bei der dramaturgischen Zielsetzung, was heißt, es ist einfach eine Szene oder ein Lied, die nicht funktionieren, zu ändern.Wir wussten immer, was die Absicht war, deswegen ist es immer klar, wenn etwas fehlt. Sie hat auch keine Angst, ab und zu mal auf Risiko zu gehen, produktionstechnisch gesehen. Was eigentlich ein klarer Fall ist, sonst hätten wir jetzt keine Biedenkopfer Schlossfestspiele. Schwächen? Wenn man etwas mit ihr verabredet hat, sollte man sich daran halten, sonst könnte Frau Simmler hochgehen. Wir arbeiten bei den Schlossfestspielen mit einem straffen Zeit- und ­Finanz-Plan. Zeit für nicht disziplinierte Mitmacher gibt‘s nicht viel.

OP:  Gibt es in der Zusammenarbeit auch Streitpunkte oder sind Sie mit Birgit Simmler immer einer Meinung?

Brown: Die Kunst bei so einer Zusammenarbeit ist es, die eigene Vision zu haben, und auch die Visioneines anderen in Betracht zu ziehen. Am Schreiben arbeiten wir sehr harmonisch zusammen. Das liegt daran, dass die dramaturgischen Aspekte immer vorne liegen. Birgit hat kein Problem, eine Szene an ein Lied anzupassen oder komplett zu streichen. Umgekehrt habe ich auch wenig Probleme, ein Lied zu ändern, um ein anderes Ziel zu erreichen als vorgesehen war. Wir haben einen klaren Plan; es ist uns beiden aber klar, dass sich jederzeit etwas ändern kann. Das heißt nicht, dass wir keine Reibungsflächen haben. Die sind auch wichtig. Wenn es überhaupt zu Streit kommt, dann eher in der Probephase. Was wir hier machen, ist eine Uraufführung. Manchmal sehen die Dinge anders aus auf der Bühne, ausgespielt von einem Schauspieler oder einer Schauspielerin. Manchmal kommen unvorhersehbare Impulse in eine Szene rein, und es kann zu heftigen Diskussionen kommen, in welche Richtung wir gehen wollen. Ich muss dazu sagen, auch beim Endprodukt ist es vollkommen in Ordnung, dass zwei unterschiedliche Künstler ab und zu unterschiedliche Meinungen zu einer Szene oder einem Song haben. Alles andere wäre steril. Ob mir oder Birgit 100-prozentig alles gefällt, was wir machen, ist nicht so wichtig, es muss den meisten Leuten im Publikum gefallen. Ein bisschen Abstand als Musical Creator ist sehr wichtig. 

OP: Was denken Sie wird Birgit Simmler als erstes nach der Premiere tun?

Brown: Ein Bier trinken, ihren Mann und ihren Sohn umarmen, glücklich ausatmen. Dann zwei Tage später sich Gedanken machen über 2016!

OP : Wann fängt für Paul Graham Brown die Arbeit an und wann hört bei ihm der Spaß auf?

Birgit Simmler: Spaß ist für Paul alles um die Musik und die Figuren des Musicals. Das Komponieren ist das Zentrum seiner Freude und steht im Mittelpunkt der Umsetzung mit unseren engagierten, begeisterungsfähigen Darstellern und Musikern. Paul ist ein hervorragender Kollege, im perfekten Maß motivierend und fordernd, dabei sehr „sociable“, also zugänglich, immer für seine Künstler und Kollegen da.
Eng wird es nur an einer Stelle: Wenn jemand meint, ihm in seinen Job hineinpfuschen zu müssen. Wer andere Noten singt oder spielt und „mitkomponieren“ will, trifft Paul in seiner Berufsehre und beißt auf Granit. Ganz anders, wenn jemand Schwierigkeiten mit der Umsetzung der Komposition hat, eine Nachfrage hat, einen Ton nicht hinkriegt oder ähnliches. Hier wird Paul immer helfen und im Zweifel Alternativen finden, die den ausführenden Künstler gut aussehen lassen.

OP: Kennen Sie die Stärken und Schwächen von Paul Graham Brown – insbesondere bei der Vorbereitung und Umsetzung der Biedenkopfer Schlossfestspiele?

Simmler: Paul dabei zu haben, ist eine einzige Stärke. Paul findet sich ganz in den historischen Stoff und in die Figuren ein. Er bringt seinen britischen Humor mit ein, beherrscht sein Handwerk virtuos. Paul hält sich genauestens an getroffene künstlerische Verabredungen, zeigt seinen Respekt vor den anderen mitwirkenden Künstlern. Diese Achtung spornt zu höchsten Leistungen an. Als Produzentin kann ich alle künstlerischen, organisatorischen und finanziellen Notwendigkeiten mit Paul besprechen und wir werden immer Lösungen finden. Nur einen Kardinalfehler sollte man sich nicht erlauben: Entscheidungen, die Pauls Ressort betreffen, über seinen Kopf hinweg treffen. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Paul nimmt das Konzept der Schlossfestspiele vollkommen an, genießt das gleichwertige Miteinander von überregional agierenden Musical-Profis und regionalen Talenten. Der Anspruch ist die bestmögliche professionelle Umsetzung des Stoffs auf der Bühne.

OP: Gibt es in der Zusammenarbeit auch Streitpunkte oder sind Sie mit Paul Graham Brown  immer einer Meinung?  

Simmler: Paul und ich arbeiten extrem harmonisch zusammen. Die Harmonie fußt auf einem hohen künstlerischen Respekt und einem gemeinsamen Verständnis dessen, wie kreative Arbeit funktioniert. Gelegentliche Reibung im künstlerischen Prozess ist normal. Natürlich gibt es kurzfristig auch mal Zoff. Hält einer von uns ein halbgares Zwischenergebnis für das Endergebnis oder weicht einer ohne Rücksprache vom Konzept ab, kann‘s kurz mal krachen. Doch unsere konstruktive Abstimmung führt uns zu guten Ergebnissen. Mal folgt Paul mir in einem Gedanken, mal ich ihm, mal finden wir gemeinsam etwas Neues oder neues Altes. Der kurzfristige Ärger verraucht, die langfristige Freude bleibt. Ich habe früh gelernt, dass Autor und Regisseur nicht perfekt sein müssen. Jeder hat das Recht, Schwächen im Probenprozess anzusprechen. Künstler sehen genau, wo etwas fehlt. Wichtig ist, die Schwäche zu definieren und festzulegen, wer was als nächsten Schritt zur Lösung unternimmt. Das ist mal die Regie, mal der Autor, mal der Choreograph. Mal braucht es zwei, drei oder vier Schritte. Akzeptiert man die unterschiedlichen Bereiche und Spezialkenntnisse im Kreativteam und bleibt die Kommunikation zielgerichtet, kommt man unweigerlich zur bestmöglichen Lösung für eine Produktion.
 Die absolute Wahrheit gibt es sowieso nicht. Sie variiert nach Ort, Darsteller, technischen Möglichkeiten. Aber es gibt sehr wohl die beste Lösung für eine spezielle Produktion. Das wissen Paul und ich und auch der Choreograph Tim Zimmerman und bleiben gemeinsam am Ball.
OP: Was denken Sie wird Paul Graham Brown als erstes nach der Premiere tun?

Simmler: Sich entspannen, etwas trinken, sein Team loben, vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas flirten, und zu Recht das positive Feedback für seine wundervolle Leistung genießen.

von unseren Redakteuren

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