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Als Rentner in die „Lehre“ gegangen

Truherbauer Klaus Heinzerling Als Rentner in die „Lehre“ gegangen

Als Pensionär widmete sich Klaus Heinzerling einem außergewöhnlichen Hobby: Er baute Truhen. 15 Jahre lang frönte er dieser Leidenschaft, schuf viele Unikate, Kunstwerke, die heute manche Wohnung zieren.

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Klaus Heinzerling in seinem Haus in Rüchenbach.

Quelle: Hartmut Berge

Rüchenbach. Beim jüngsten Adventsmarkt der Volkstanz- und Trachtentanzgruppe Gladenbach war Klaus Heinzerling mit seiner Frau Elisabeth zu Besuch. Auf dem traditionsreichen Markt war er lange Stammgast, nicht als Besucher, sondern als Aussteller. Der Rüchenbacher präsentierte dort seine selbstgebauten Truhen, herrliche Möbelstücke, regelrechte Hingucker. Ebenfalls mit seinen Bauerntruhen vertreten war seinerzeit der inzwischen verstorbene Sinkershäuser Schreinermeister Rudolf Weigand. Auch er widmete sich erst als Pensionär diesem Kunsthandwerk.

Das Außergewöhnliche an Klaus Heinzerling: Er war nie Schreiner, hat sich das Truhen bauen selbst beigebracht. Doch wie kam er zu dem außergewöhnlichen Hobby? Das erzählt er zu Hause in einem besonderen Raum, dort stehen Truhen eng an eng. Daneben ein für den Enkel restaurierter und umgebauter, solider Schreibtisch.

Ins Auge fällt – neben den Schmuckstücken – an der Wand eine Urkunde, unterzeichnet von Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich ihres 65. Hochzeitstages am 13. November 2013. In diesem Jahr gibt es im Hause Heinzerling gleich zwei Jubiläen zu feiern: Die Beiden werden 90 Jahre alt. Dann ist es zehn Jahre her, das Klaus Heinzerling – damals aus Altersgründen – sein mit großer Leidenschaft betriebenes Hobby aufgab. Heute blickt er mit Freude zurück.

Immer viel zu tun

„Nach der Pensionierung habe ich mit dem Bauen von Truhen begonnen“, berichtete der Senior. Bis dahin führte er gemeinsam mit seiner Frau den landwirtschaftlichen Betrieb, einen kleinen Landhandel und 21 Jahre lang eine  Bankfiliale, wie es sie damals in vielen Dörfern gab. Es war immer viel zu tun.

Und warum begann er dann noch im Alter von 65 Jahren ein solches zeitaufwändiges Hobby? „Wenn du mit ihm das Leben ertragen willst, dann musst du ihm Arbeit geben“, antwortet Elisabeth Heinzerling, nicht ganz ernst gemeint und lacht. Mit Holz habe er eigentlich immer gerne gearbeitet, sagt er,  In der Landwirtschaft hatte er es aber eher mit Metall zu tun, Maschinen mussten repariert werden, er habe auch manches selbst gebaut, berichtet der Rüchenbacher. Gleichwohl ließ er sich gerne mit Holz ein, bevorzugte das filigrane Bearbeiten des Werkstoffs. Für einen Schreiner im Dorf arbeitete er auch vor der Rente schon stundenweise, bevorzugt beschäftigte sich Heinzerling mit Schnitzereien und Einlegearbeiten.

Dann kam die Pensionierung, Adolf Maurer, dessen Vater aus „Liesehof“ stammte, bot im an, – mehr oder weniger nach Lust und Laune – in dessen Schreinerei zu arbeiten. Dem Meister schaute er über die Schulter und nahm viele Handfertigkeiten, Kniffe und Tipps mit, die er für sein Hobby gut gebrauchen konnte.  Von der Schreinerei gab‘s auch Holzabfälle, die Basis für seine ersten Arbeiten. In der eigenen Werkstatt baute der Rüchenbacher die ersten kleinen Truhen, „die wurden dann immer größer, das Hobby immer arbeitsintensiver“, sagt er. Vom 65. bis 80 Lebensjahr baute er, neben vielen anderen Dingen 21 große Truhen. „Alles Unikate“, betont der Hobbyschreiner. Gleichwohl ließ er sich inspirieren. Das Prunkstück in seiner Sammlung ist allerdings eine Kopie. Gladenbachs früherem Bürgermeister Klaus Bartnik bot er an, eine aus dem Jahr 1794 stammende, beschädigte Truhe, die im Rathaus stand, zu reparieren. Das habe er nicht ganz ohne Hintergedanken getan, sagt Klaus Heinzerling. „Ich wollte sie nachbauen.“

"Die Leute kaufen lieber Pappmöbel"

Dem Plan folgte die Tat. Der einzige Unterschied: Beim Original sind Flächen bemalt. Solche eher dezenten alten Farben gab es nicht mehr, also arbeitete der Rüchenbacher mit den natürlichen Schattierungen des Holzes. Der Hobbyschreiner hofft, dass dieses Prunkstück als repräsentatives Möbel irgendwann Platz in einem großen Foyer finden wird. Auch was Möbel betreffe, hätten sich die Zeiten doch sehr geändert, bedauert Heinzerling. Zum einen seinen die Zimmer kleiner dimensioniert, große Foyers gebe es fast nur noch in Firmen.

Zum anderen sei Furnier Trumpf. „Die Leute kaufen lieber Papp-Möbel“, bedauert er. Alles, was er gebaut habe, sei massiv gearbeitet, aus abgelagertem Holz, betont der Senior. 13 von seinen Truhen hat Klaus Heinzerling verkauft, eine seiner Tochter geschenkt. Zu bewundern gab es seine Stücke auf dem Adventsmarkt in Gladenbach und bei Ausstellungen in Buchenau und Holzhausen. 2000 war er letztmals im Haus des Gastes. Dort wurden die wertvollen Stücke sogar über Nacht bewacht, damals dauerte der Markt nämlich von Freitag bis Sonntag. Irgendwann sei es dann zu beschwerlich gewesen, die nicht gerade leichten Truhen hin und her zu transportieren, erklärt Klaus Heinzerling.

Als Soldat in Gefangenschaft

Seine vielen Arbeiten, von Restaurierungen bis hin zu Neubauten und auch die Ausstellungen hat der Hobbyschreiner in Bildern festgehalten und in einem dicken Fotoalbum dokumentiert. Und zu jedem Stück kann er eine spannende Geschichte erzählen. Spannend war auch der Weg des gebürtigen Mönchengladbachers nach Rüchenbach. Sein Bruder und der älteste Bruder seiner Frau waren zusammen im Krieg. Diese Kontakte führten dazu, dass zum Ende des Zweiten Weltkrieges die evakuierten Eltern nach Rüchenbach kamen.

Klaus Heinzerling war damals Soldat. Er geriet nicht in Gefangenschaft, entledigte sich der Uniform und gelangte auf verschlungen Pfaden zu seinen Eltern nach Rüchenbach. „Nach dem Krieg bin ich hier hängengeblieben, des schönen Mädchens wegen“, erklärt er und lacht. Als Fremde fühlten sich die Heinzerlings damals freilich nicht. Denn die Wurzeln der Familie liegen in Biedenkopf. Und was das Truhen-Bauen betrifft, liegt über „Liesehof“ in Rüchenbach ein Mysterium: „Auch mein Großvater und der Urgroßvater haben – neben der Landwirtschaft – Truhen hergestellt“, berichtet Elisabeth Heinzerling.

In so manchem Bauernhaus stehe heute noch ein von ihrem Großvater gebautes Schmuckstück, sagt sie. Noch zeichnet sich nicht ab, dass das kunstvolle Arbeiten mit Holz bei Kindern, Enkeln oder Urenkeln zur Leidenschaft werden könnte. Aber das Beispiel von Klaus Heinzerling zeigt, dass der Funke auch noch spät überspringen kann.    

von Hartmut Berge

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