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Alarm bedeutet: Notfall für die Seele

Notfallseelsorger Alarm bedeutet: Notfall für die Seele

Das Piepen seines Einsatzmelders lässt keinen Platz für Illusionen. Christian Reifert weiß: Irgendwo im Landkreis ist ein Mensch gestorben. Und er weiß auch, dass er diese Nachricht Familie und Freunden überbringen muss.

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Seine Einsatzjacke ist sein Schutzschild. Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit und Trauer perlen an ihr ab. Für Mitgefühl hingegen ist sie durchlässig. Seit 17 Jahren hängt die Jacke im Schrank von Christian Reifert. Der 49-Jährige ist Fachreferent für Notfallseelsorge. Er ist nicht nur als Seelsorger im Einsatz, sondern bildet auch für den Kriseninterventionsdienst (KID) ehrenamtliche Notfallseelsorger aus. 100 Stunden dauert die Ausbildung. Nichts, was „nebenbei“ absolviert werden kann. Wer sich für diese Form des ehrenamtlichen Engagements entscheidet, der muss Willen beweisen. Willen und starke Nerven. Denn die Notfallseelsorger werden immer dann gerufen, wenn eine Todesnachricht überbracht werden muss. Der Preis, den die Helfer zahlen, ist hoch. „Die Arbeit hat mich sensibler dafür gemacht, wie zerbrechlich das Leben ist. Man wird sich seiner Endlichkeit bewusst“, erklärt Reifert.

Balance zwischen Abstand und Empathie finden

Den Lohn, den er für seine Einsätze erhält, ist kaum messbar und doch unendlich wertvoll. Ein dankbares Händeschütteln. Manchmal. Was bleibt ist das Gefühl, in einer Notsituation unterstützen zu können. „Wir moderieren das Chaos. Manchmal ist es genauso wertvoll, in solch einer Situation sprechen  aber auch schweigen zu können“, sagt Reifert.
An den Einsatzmelder an seinem Gürtel hat er sich mittlerweile gewöhnt. Als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr kennt er es fast nicht anders. Ein alarmierendes Piepsen und der Alltag  bricht in sich zusammen. Dann lässt er alles stehen und liegen. Arbeit, Freunde, Familie. Dann streift er seine Jacke über und mit ihr die Rolle des Notfallseelsorgers. Eine Rolle mit festen Regeln. Einstudierten Handlungsmustern. Verlässlichen Abläufen. Es ist die Rolle eines Menschen, der den Überblick bewahrt. Der mitfühlt aber nicht mitleidet. Der auffängt, ohne selbst in die Knie zu gehen. „Man muss darauf achten, dass die Identifikation nicht zu groß wird“, erklärt der Vater von drei Kindern. „Als Notfallseelsorger müssen wir auf unsere Psychohygiene achten.“ Dann, wenn die Fälle der eigenen Biografie ähneln. Wenn der Verstorbene im ähnlichen Alter ist. Kinder und Jugendliche an die Familie zu Hause erinnern. Dann zieht er den Reißverschluss seiner Jacke manchmal ein bisschen höher. Schottet sich ein bisschen mehr ab. „Man muss seine Grenzen kennen. Jeder hat die Möglichkeit im Vorfeld den Einsatz abzulehnen“, sagt Christian Reifert. 17 Jahre als Notfallseelsorger. 17 Jahre, in denen er zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Hilfe gerufen wurde. Immer sind es Ausnahmesituationen, in die er sich einfinden muss. Immer mit Schock, Trauer, Wut und Fassungslosigkeit verbunden. Erfahrungen, die prägen. „Wenn ich mir einen Moment Zeit nehme, kann ich mich an jeden Einsatz erinnern. Man behält die Bilder im Kopf. Man muss aber lernen, dass einen diese Bilder nicht bestimmen. Sie gehören nun einfach zu meiner Biografie“, fasst Reifert zusammen.
Halt findet er im christlichen Glauben. Und in seiner Familie. Der 49-Jährige hat es sich zur Gewohnheit gemacht, nach einem Einsatz bewusst Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern zu verbringen. Ein bisschen Flucht in den Alltag. Langweiliger, eintöniger, herrlich beruhigender Alltag.

Mindestalter 25

65 Notfallseelsorger sind im Landkreis Marburg-Biedenkopf im Einsatz. Eingeteilt in feste
Schichten. Werden sie alarmiert, versuchen sie im Zweierteam aufzutreten. Im Idealfall – erklärt Reifert – ein Mann und eine Frau. „Wir begegnen meist mehr als einer Person, die sich in einer Ausnahmesituation befindet. Außerdem haben wir zu zweit eine doppelte Chance, an die Menschen ranzukommen“, sagt der 49-Jährige. Aber es hat noch einen weiteren Vorteil, dass die Notfallseelsorger nur selten allein auftreten. Beide sehen die gleichen Bilder, teilen ähnliche Erfahrungen. Eine gemeinsam durchlebte Situation kann auch gemeinsam besser verarbeitet werden. „Es steigert einfach die Einsatzqualität, wenn man sich gut kennt“, ist sich Reifert sicher.
Christian Reifert bildet die Notfallseelsorger aus. Ist Ansprechpartner, wenn die Helfer nach einem Einsatz Hilfe brauchen. Und er ist es auch, der immer wieder respektvoll den Hut zieht, wenn einer seiner Auszubildenden frühzeitig merkt: Das ist nichts für mich. „Die Leute machen das in ihrer Freizeit. Das ist ein verantwortungsvolles Ehrenamt. Zu erkennen, dass man das gar nicht will, ist ein Zeichen von Professionalität“, erklärt Reifert ohne zu zögern. Ein Ehrenamt, das eine gewisse Lebenserfahrung und psychische Stabilität voraussetzt. Mindestens 25 Jahre alt müssen die angehenden Notfallseelsorger sein. Im Dekanat Biedenkopf ist die Ausbildung für Pfarrer verpflichtend. Trotzdem ist sich Reifert sicher: wer in diesem Bereich arbeiten will, der muss es aus innerer Überzeugung tun. Der muss sich mit Tod und
Leben auseinandergesetzt haben. Muss bereit sein, Alltag gegen Ausnahmesituation zu tauschen. 45 Minuten Notfallseelsorge am Tag – das ist der Einsatzschnitt aus dem Jahr 2012. Zahlreiche Kontakte mit Angehörigen. Unzählige tröstende Worte. Für ein Dankeschön an die Helfer bleibt zwischen Trauer und Verzweiflung häufig kein Platz. Aber für ein Dankeschön arbeitet Reifert auch nicht. Er arbeitet für das Gefühl, unmittelbare Hilfe leisten zu können. Im Notfall für die Seele zu sorgen.

  • Interesse an der Ausbildung zum Notfallseelsorger? Dann nehmen Sie Kontakt auf unter notfallseelsorge@ev-dekanat-biedenkopf.de

von Marie Lisa Schulz

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