Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Sprühregen

Navigation:
Adolf Theis profitiert vom "Stahlross"

Eisenbahnserie Adolf Theis profitiert vom "Stahlross"

Der heutige Serienteil ist einem bedeutenden Gladenbacher gewidmet, der von der Eisenbahn profitierte.

Voriger Artikel
Ortsbeirat kritisiert „Regelwut“ bei Friedhof
Nächster Artikel
Buchenholz wird zum Exportgut

Adolf Theis (kleines Bild) ließ 1884 dieses Haus in der Gladenbacher Bahnhofstraße errichten und vermietete es an die kaiserliche Post. Fotos: Archiv, Hartmut Berge

Gladenbach. In Gladenbach erinnert die Adolf-Theis-Straße an den bekannten „Sohn“ der Stadt. Adolf Theis war Kaufmann und Politiker. Als er am 8. Dezember 1842 geboren wurde, gab es zwar schon erste Eisenbahnen in den deutschen Staaten, allerdings vergingen fast zehn Jahre bis zumindest die ersten Teile der Main-Weser-Bahn in Betrieb genommen wurden und somit immerhin in dem Hinterland benachbarten Gebieten das Eisenbahnzeitalter begann.

Als Theis am 14. März 1924 starb, war hingegen die Erschließung des Deutschen Reichs durch Eisenbahnen praktisch abgeschlossen. Die Tatsache, dass sich der Kaufmann Theis auf verschiedenen Ebenen in der Politik der preußischen Provinz Hessen-Nassau betätigte und alle Bahnen im Hinterland letztlich durch das Königreich Preußen errichtet wurden, sind Anlass, um an seinem Beispiel zu zeigen, wie die Eisenbahn das Leben der Menschen im Hinterland verändern konnte.

Beruflich produzierte Theis Branntwein und vertrieb diesen nicht nur in weiten Teilen des Hinterlands, sondern auch im Wittgensteinischen. Dabei diente ihm der Mönchshof am alten Marktplatz in Gladenbach als Lager, wie der Gladenbacher Heimatforscher Otto Acker vor mehr als 30 Jahren, in seiner Rede zur Wiedereröffnung des renovierten Mönchshof, ausführte. Aus seiner Geschäftstätigkeit konnte er auch politischen Nutzen über das damals normale Maß hinaus ziehen.

So war er lange Zeit das einzige Kreistagsmitglied mit mindestens drei Amtszeiten, das nicht aus der unmittelbaren Nähe von Biedenkopf stammte, wie eine Auswertung des Statistikteils von Karl Huths Buch „Die Verwaltungsgeschichte des Landkreises Biedenkopf“ ergab.

Aber auch seine fachliche Kompetenz genoss damals wohl große Wertschätzung, denn er wurde in dem Kommunallandtag nach Wiesbaden entsandt. Nicht nur im Kreistag, dem er von 1877 bis 1921 angehörte und wo er von 1904 an der Dienstälteste war, stieg er immer weiter auf. Auch im Kommunallandtag in Wiesbaden wurde er einer der wichtigsten Politiker.

Laut Huth gehörte Theis von 1889 bis 1919 zusätzlich dem Kreisausschuss an. Hinzu kam noch sein Amt als Kreisdeputierter, das er von 1907 bis 1919 ausübte, damit stand er mit einem weiteren Mitglied eine Stufe unter dem Landrat. Ferner gehörte er für den Kommunallandtag der Nassauischen Landesbank an, wie Dieter Blume in seiner Abhandlung „750 Jahre Gladenbach“ über Theis schrieb. Dieses Amt war deshalb so bedeutend, weil sich aus den Überschüssen der Landesbank der Haushalt des Kommunallandtages im Wesentlichen finanzierte. Ebenso war er zuletzt Alterspräsident dieses Gremiums, wie Blume weiter ausführt.

Des Weiteren gehörte er als Mitglied des Kommunallandtags, welches er von 1886 bis 1920 war (vgl. Jochen Lengemann „MdL Hessen 1808-1906“, Marburg 1996) Kraft Amtes auch noch dem 1885 neu geschaffenen Provinziallandtag der Provinz Hessen-Nassau in Kassel an. Daneben war Theis auch im Gladenbacher Gemeinderat tätig, allerdings ist der Umfang seiner dortigen Tätigkeit noch nicht vollständig erforscht worden.

Theis profitierte aber auch wirtschaftlich wohl unmittelbar von seinen Beziehungen nach oben. So war er es, der 1884, als das bisherige Postgebäude zu klein wurde, einen Neubau in der Bahnhofsstraße (heute Zahnartzpraxis) errichten und diesen an die kaiserliche Post vermieten konnte, wie Jürgen Runzheimer 1990 im Heft 6 der Reihe des Heimat- und Museumsvereins Amt Blankenstein über die Gladenbacher Postgeschichte schreibt. Erst 1913 waren auch diese Räume zu klein und die Post musste abermals umziehen.

Vom Bahnbau direkt profitieren konnten zuerst Grundbesitzer, welche größere Mengen Bauland zum Bahnbau verkauften, danach erst die breite Bevölkerung und schließlich die Fabrikanten, die nun ihre Rohstoffe beziehungsweise ihre Erzeugnisse zuverlässiger und günstiger beziehen sowie absetzten konnten.

Dank Bahn schneller in Kassel und Wiesbaden

Adolf Theis konnte durch den Bahnbau um ein vielfaches schneller in Wiesbaden oder Kassel sein. Zu Beginn seines politischen Wirkens gab es nur die Main-Weser-Bahn. Dorthin musste er mit dem Fuhrwerk nach Fronhausen/Lahn fahren. Die Bahn stellte den Anschluss nach Niederwalgern um die Jahrhundertwende her - man gelangte nun in 30 Minuten dorthin. Dabei wurden aus Anfangs zwei Zügen je Richtung am Tag bis 1905 schon sechs. Sein politisches Wirken würde man heute vermutlich mit „Verbesserung der Infrastruktur und Versorgung im ländlichen Raum“ umschreiben. Denn neben der von Blume angeführten Straßen- und Eisenbahnpolitik - Theis setzte sich bis zum Ende seines Wirkens unter anderem für die nie gebaute Hinterlandbahn ein - hat Gladenbach vermutlich seiner Person die stattliche Filiale der Nassauischen Landesbank zu verdanken, zuletzt evangelisches Gemeindehaus in der Bahnhofsstraße.

So gesehen war es eine Kluge Wahl, eine Straße nach ihm zu benennen, die sich in unmittelbarer Nähe seiner ehemaligen Wirkungsstätten befindet. Auch wenn sich vor 90 Jahren längst nicht alle Menschen eine Bahnfahrt leisten konnten, war so doch ein großer Teil der Bevölkerung durch die Eisenbahn erheblich mobiler geworden, in einer Art und Weise, die uns aus heutige Sicht wieder langsam und beschränkt vorkommt.

Der Überlieferung nach starb Adolf Theis an den Folgen eines Herzinfarktes, den er einige Tage zuvor auf dem Gladenbacher Bahnhof erlitten hatte.

von Stefan Runzheimer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr