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70 bis 80 Stunden Dienst sind normal

Bürgermeisterwahl in Dautphe 70 bis 80 Stunden Dienst sind normal

Was macht ein Bürgermeister den ganzen Tag lang? Sitzt er in seinem Büro, sinniert und wartet auf die Eingebung einer Vision, geht er an seinem Knochenjob zugrunde oder erfüllt ihn seine Aufgabe mit Freude?

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Geburtstagsempfang bei Thea Gerlach in Friedensdorf: Bürgermeister Bernd Schmidt genießt den Kontakt mit „seinen“ Bürgern. Dazu gehört auch Heinrich Gerlach.
Fotos: Fain

Dauthpe. Seit zwölf Jahren ist Bernd Schmidt schon Bürgermeister der Gemeinde Dautphetal und strebt nun an, den Auftrag um eine weitere sechsjährig Periode zu verlängern. Die Chancen dazu sind gut, denn es gibt keinen Gegenkandidaten. Ein Scheitern scheint nahezu ausgeschlossen und so sieht der 56-jährige Dautpher im Ergebnis des Wahlgangs am 6. März auch eine Bewertung seiner Arbeit. Doch was macht der oberste Repräsentant der Gemeinde den lieben Tag lang?

Die OP vereinbarte mit dem Amtsinhaber einen Termin: „Ein Tag mit Schmidt“ findet an einem Mittwoch Anfang Februar statt. Einzige Bedingung: Die Presse kann nicht bei Besprechungen mit am Tisch sitzen, bei denen es um Themen geht, die nicht öffentlich - sprich: geheim - sind. Und auch beim „warm-up“, das um „kurz nach 6 Uhr, wenn mein Wecker klingelt“, beginnt, wird der Angehörige der „Freien Wähler“ noch allein gelassen.

Um 7.15 Uhr beginnt der Arbeitstag

Um 10 Uhr beginnt der „Tag mit Schmidt“ im Büro des Bürgermeisters im obersten Geschoss der Gemeindeverwaltung. Zu diesem Zeitpunkt hat der Rathauschef schon fast drei Stunden an seinem Schreibtisch verbracht, in einem großen Raum, der in den zurzeit typischen Bürofarben weiß und grau gehalten ist. Ein großer, ovaler Glastisch für Gesprächsrunden bildet den Gegenpol zur Arbeitsfläche, eine Fensterreihe lässt viel Licht herein und gibt den Blick frei auf Dautphetals „Neue Mitte“, die Hügel und Wälder des von Schmidt so geliebten Hinterlands.

Doch selten hat der Bürgermeister Zeit, das Panorama zu genießen. Fast drei Stunden, sein Arbeitstag beginnt in der Regel um 7.15 Uhr, hat der 56-Jährige schon an seinem Schreibtisch, auf dem Ordnung und Übersichtlichkeit herrschen, hinter sich gebracht. Zum Start sichtet er die vorsortierte Post, sowohl in Papierform als auch in elektronischer Art und Weise, und auch die Zeitungen wollen studiert sein „mit einem Hauptaugenmerk auf dem Lokalteil, dann die Region und zum Schluss die Weltpolitik“, wie der Dautphetaler Gemeindekämmerer bemerkt. Zum Start in den Arbeitstag gehört auch, mit seiner langjährigen Sekretärin Sigrun Reckewell den Terminplan für den Tag nochmals zu koordinieren.

Wenn er im Büro ankommt, kann es aber auch durchaus schon zur Durchsicht der elektronischen Post gekommen sein. Im Durchschnitt stehen bis zu 30 neue Schreiben im E-Mail-Postfach. „Vieles, was tagtäglich so anfällt, erledigt man von unterwegs mit dem Smartphone“, erklärt Schmidt. Eine Möglichkeit, die er durchaus kritisch sieht: „Man macht sich schon ein wenig zur Geisel der technischen Neuerungen.“ Sie bringt aber durchaus auch einen Zeitgewinn, was dem eng getakteten Terminplan des Bürgermeisters einer Gemeinde mit zwölf Ortsteilen durchaus zugute kommt.

Stegreif-Kommunikation ist unabdinglich

Um 11 Uhr steht an diesem Mittwoch der erste offizielle Termin an. Es handelt sich um eine Pressekonferenz im Zusammenhang mit dem Windpark am Weißenberg. Anders als beim ersten Windparkprojekt, der das Gemeindegebiet betraf, dem Hilsberg, wo es harsche Kritik auch am Bürgermeister gab, handelt es sich heute um einen „Gute-Laune-Termin“ mit den Projektierern. Die Baugenehmigung liegt vor und der Lohn der langen Arbeit soll mit einem symbolischen ersten Spatenstich festgehalten werden.

Leider haben die Firmenvertreter kein Arbeitswerkzeug mitgebracht, sie visierten einen späteren Termin mit mehr Prominenz an, der Spatenstich fällt somit ins Wasser. Kein Problem für Schmidt: Mit den Fachbereichsleitern und dem Bauamtsleiter sowie den Firmenvertretern wird vor Ort die geplante Zuwegung erörtert und Schmidt erläutert für die Presse, warum Windkraft wichtig ist: für die Umwelt, für die Bürgerbeteiligung und für Dautphetal. Hat er das immer schon so aus dem Stegreif gemacht? „Anfangs habe ich mich in alles eingelesen, habe Expertisen studiert. Doch langsam weiß man, wie’s läuft.“

Beim anschließenden Geschäftsessen wird deutlich: Schmidt kann Kommunikation, vor allem wenn es harmonisch zugeht. Geschäftsessen sind aber eher die Ausnahme. In der Regel versucht er eine einstündige Mittagspause einzulegen. Bis vor zwei Jahren hatte der Junggeselle noch das Glück, diese bei seiner Mutter verbringen zu können, nun geht es „meist nach Hause, die eigene Post durchsehen und wirklich einmal abschalten“.

Pro Jahr bis zu 310 Besuche bei Jubelfeiern

Gegessen wird meist nur eine Kleinigkeit, denn auf Terminen kann er höflichkeitshalber nicht immer nur ablehnen. Meistens bleibt es aber auch da bei einem Getränk, vorzugsweise Wasser oder Kaffee. „Einen Sekt oder Schnaps? Das kann man sich heute nicht mehr erlauben“, sagt der Rathauschef, auch wenn es anfangs schwierig war dies den Gastgebern zu vermitteln.

Denn viele der vorwiegend älteren Menschen erwarten einfach, dass der Bürgermeister an ihrem Jubeltag mit ihnen anstößt. „Rund 240 Geburtstagsbesuche mache ich im Jahr“, sagt Schmidt - die Woche über und auch an Samstagen und Sonntagen. Hinzu kommen noch bis zu 70 Paare, die eine Gold- oder Diamantene Hochzeit feiern.

Fast täglich also ein Jubelfest. Dafür nimmt er sich Zeit. „Es ist mir wichtig, bei den Bürgerinnen und Bürgern vorbeizuschauen“, sagt Schmidt. „Das ist ein Zeichen meiner Anerkennung und Wertschätzung.“

Und das wissen die Gastgeber zu schätzen. So wie Thea Gerlach. Sie strahlt, als „der Bürgermeister“ sie begrüßt und diesmal urlaubsbedingt nachträglich herzlich zum 85. Geburtstag Glückwünsche und ein Präsent der Gemeinde überreicht. Schnell sitzt man im Wohnzimmer, und auch hier erweist sich: Der Bürgermeister kann Kommunikation, und das auch mehrsprachig.

Im besten Dautpher Platt geht es um den Urlaub, der ihr von den Enkelkindern zum Geburtstag geschenkt wurde, und die Freude, bei der Rückkehr zur Urgroßmutter geworden zu sein. Später verabschiedet sich Schmidt mit dem Versprechen, im März, wenn Heinrich Gerlach seinen 85. feiert, wieder nach Friedensdorf zu kommen. Er weiß: Den Menschen ist es wichtig, dass der Bürgermeister vorbeischaut - manchmal so wichtig, dass selbst die Dauer des Besuches verglichen wird.

Zurück im Büro, sichtet er bis zum nächsten Termin Akten, führt Telefongespräche und bearbeitet natürlich seinen E-Mail-Eingang. Währenddessen kann es durchaus vorkommen, dass er einem Bürger am Telefon antwortet. „Wenn jemand etwas loswerden möchte, kann er mich anrufen“, sagt Schmidt. „Wenn ich im Büro bin, gehe ich auch gleich selbst dran oder rufe zurück. Jederzeit.“ Als „Bürgermeister zum Anfassen“, sieht er sich, hat deshalb die klassische Bürgermeistersprechstunde zu festen Zeiten abgeschafft.

Entwicklung der Gemeinde immer im Auge

Kurz darauf sitzt Bernd Schmidt wieder in seinem Dienstwagen. Im geleasten Oberklasse-BMW legt er auf dem Weg zu Terminen, Versammlungen und Sitzungen bis zu 16000 Kilometer pro Jahr zurück. Diesmal geht es zu einem mit dem Autofahren verknüpften Termin. Ein Staatsminister besucht den benachbarten Biedenkopfer Stadtteil Eckels­hausen, sagt Unterstützung im Bestreben um eine Ortsumgehung zu.

Auch hier zeigt Schmidt, dass er Kommunikation kann, diesmal anders, diesmal klar und deutlich. Er freue sich für die Eckelshäuser, dass für sie nach jahrzehntelangem Bemühen die Umgehungsstraße in Reichweite sei, aber dann müsse auch für das vom Verkehr ebenfalls geplagte Buchenau eine Lösung gefunden werden. Das sei wichtig für den Ortsteil und auch für Dautphetal als Wirtschaftsstandort und für dessen Entwicklung.

Manchmal ist auch schon um 21 Uhr Dienstschluss

Die Entwicklung der Gemeinde in seinen ersten beiden Amtszeiten bezeichnet der 56-Jährige als „positiv“. „Vor zwölf Jahren hatte ich noch keine klare Vorstellung, wo es mit Dautphetal hingeht“, bekennt er. Einen Masterplan habe er nicht gehabt, sondern nur den Anspruch, stets im Sinne Dautphetals zu agieren. Viele Entscheidungen und Ideen entstanden so aus Intuition, aus Gesprächen mit den Menschen, mit Fraktionen, mit Verantwortungsträgern.

Abends steht noch ein Sitzungstermin an. Schirmherr Schmidt nimmt an der Zusammenkunft des Arbeitskreises „1225 Jahre Dautphe“ teil. Um kurz vor 21 Uhr sagt er: „Heute mal früh Feierabend.“

Bei 70 bis 80 Stunden im Dienst der Gemeinde und ihrer Bürger bleibt wenig Zeit für Hobbys. Doch zwei Dinge lässt sich Bernd Schmidt nicht nehmen: Eine Woche im Jahr zum Skifahren in Ruhpolding und einmal wöchentlich die Singstunde. „Das Singen ist für mich ein fester Bestandteil.“

Wer es versucht und Schmidt an einem Donnerstagabend um 20 Uhr erreichen will, muss ins Vereinsheim des Männergesangvereins Dautphe, dem Schmidt seit seinem 17. Lebensjahr angehört, gehen. Doch da gilt, was er niemandem kommunizieren muss: „In der Singstunde gibt es keine Politik. Da ist der Bernd der Bernd und nicht der Bürgermeister.“

von Gianfranco Fain

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