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61 Jahre altes Gladenbacher Auto ist jetzt im Schwabenland

Feuerwehr-Oldtimer 61 Jahre altes Gladenbacher Auto ist jetzt im Schwabenland

Ein früherer Mornshäuser hat in Baden-Württemberg ein Oldtimer-Feuerwehrfahrzeug entdeckt, das einst in Gladenbach seinen Dienst tat. Das 61 Jahre alte Auto wurde liebevoll restauriert.

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Gladenbach. Das Auto sei der Deutschen liebstes Kind, heißt es. Die Wasch- und Polierwut an den Wochenenden mag ein Beleg dafür sein. Durch diverse Fernseh-Werkstatt-Shows rückt seit ein paar Jahren das Interesse an alten Fahrzeugen in den Mittelpunkt des Zuschauer-Interesses.

Oldtimer-Liebhaber gibt es aber auch hierzulande schon sehr lange. Nicht jeder von ihnen winkt deshalb gleich ein Filmteam herbei oder gibt gerne und oft damit an, welchen Wiederverkaufswert sein ohnehin teuer erworbenes Vehikel hat. Nein – viele frönen ihrem Hobby unter Ausschluss der Öffentlichkeit, tüfteln, basteln und lackieren alleine in der Garage, allenfalls mal gemeinsam mit Gleichgesinnten.

Das bedeutet nicht, dass man sein fahrbares Schätzchen nicht gerne in der Öffentlichkeit zeigt. Einen solchen außergewöhnlichen Schatz entdeckte jüngst der frühere Mornshäuser Rainer Atzenhöfer. Er lebt und arbeitet seit vielen Jahren in der Nähe von Stuttgart. Während einer Tour mit dem „1. VW Käferclub Heilbronn“ sei eines der Ziele ein Oldtimertreffen in Zaberfeld gewesen, berichtet er. An der Spitze der Oldtimer-Kolonne fuhr ein altes Feuerwehrfahrzeug. Am nächsten Ziel, einem Schlosspark, sprang ihm sogleich der Schriftzug auf den Fahrzeugtüren ins Auge: „Freiwillige Feuerwehr der Stadt Gladenbach“, darunter das Wappen der Gladenbacher Kernstadt. Der Fahrer, ein Mitglied der Oldtimerfreunde Zabergäu, denen das Fahrzeug gehört, konnte nicht viel über die Herkunft und Geschichte des ehemaligen Einsatzwagens berichtet.

Rainer Atzenhöfer fotografierte das feuerrote Löschmobil und schickte der OP die Bilder nach Gladenbach. Zu den Kennern der Gladenbacher Feuerwehrgeschichte zählt Jörg Palm. Er war lange Mitglied in der Einsatzabteilung der Gladenbacher Wehr und beschäftigte sich in seiner Freizeit intensiv mit der Geschichte seiner Heimatstadt Gladenbach und auch mit der Historie der Feuerwehr. Heute lebt und arbeitet er in Belgien. Was lag näher, als ihm die Bilder zuzuschicken und ihn zu dem Fahrzeug zu befragen.

„Die Gladenbacher ersteigerten den ausgemusterten Einsatzwagen 1973 für 300 Mark bei der VEBEG, einem Verwertungsunternehmen des Bundes“, berichtet Palm. „Als die Kameraden den Wagen abholen wollten, wurde ihnen eine Dampfwalze zugewiesen“, erinnert er lächelnd.

Das Missverständnis war rasch aufgeklärt, sodass die Gladenbacher dann doch noch mit dem ersteigerten LF 20 nach Hause fahren konnten. „Bis 1983 war der Wagen in Gladenbach im Einsatzdienst und bewährte sich bei Waldbränden und anderen größeren Löscheinsätzen“, weiß Palm.

Noch bevor sich die Wehr eine gebrauchte Drehleiter (DL 25) von der Feuerwehr in Obertshausen anschaffte, wurde das LF 20 verkauft.

Auf der Internetseite der Oldtimerfreunde Zabergäu erfährt man, wie das alte Auto zu neuem Glanz kam: „Seit Ende letzten Jahres (2011) sind wir stolze Besitzer eines besonderen Löschfahrzeuges der Marke Südwerke. Das Fahrzeug schlummerte über 30 Jahre in einer alten Feldscheune irgendwo in Deutschland, bis wir es fanden. Der erste Eindruck war recht gut aber wir mussten mit allem rechnen. Kurz entschlossen transportierten wir dieses alte Feuerwehrfahrzeug in unser Schrauberdomizil nach Zaberfeld, wo es ein neues Zuhause gefunden hat. Nach einigen fachmännischen Handgriffen und Durchsichtsarbeiten konnten wir den alten Sechszylinder nach kurzer Zeit wieder zum Leben erwecken. Die Elektrik war sehr erneuerungsbedürftig und die Kupplung wollte sich nach der langen Standzeit einfach nicht von der Druckplatte lösen. Das Bremssystem war undicht und die alten Dieselleitungen mussten erneuert werden.“

Eigentlich handele es sich bei dem LF 20 (Löschfahrzeug mit einer Pumpleistung von 2000 Litern in der Minute) um ein Tanklöschfahrzeug, weil es 800 Liter Wasser mitführen konnte, erklärt Jörg Palm.

„Von 1950 bis 1953 wurden für die US-Streitkräfte 98 dieser speziellen Einsatzwagen gebaut“, sagt er.

Das Fahrgestell stamme aus dem Hause Krupp-Südwerke mit der Bezeichnung FL45, der Aufbau erfolgte nach den Richtlinien der US-Streitkräfte bei der Firma Metz. Das „Gladenbacher LF 20“ wurde 1952 gebaut.

„Bei deutschen Löschfahrzeugen sind die Pumpen grundsätzlich vorne oder hinten am Fahrzeug angebracht. Bei dem LF 20 war die Pumpe seitlich in der Mitte eingebaut“, beschreibt er. Neben der Pumpe befand sich der Wassertank und über Pumpe und Wassertank waren offen 500 Meter B-Schlauch in Buchten gelagert.

Auf der Beifahrerseite waren außen am Fahrzeug zwei Hakenleitern angebracht sowie Axt und Einreißhaken. Auf der

Pumpenseite gab‘s außen drei lange Saugschläuche. Die neun Tonnen schweren Autos waren anfänglich mit einem Benzin-Vergaser-Motor mit 7,8 Litern Hubraum ausgestattet, der 80 PS leistete. Weil den Aggregaten angesichts des hohen Gewichts die Puste ausging, erhielten die Einsatzfahrzeuge Sechszylinder-Dieselmotoren von Deutz, die 125 PS leisteten. Im Fahrerhaus des LF 20 konnten nur Fahrer und Beifahrer Platz nehmen.

Die Mannschaft saß – ganz nach amerikanischem Vorbild – auf den Schläuchen oder standen auf dem Trittbrett. Zur Warnung nachfolgender Fahrzeuge war am Heck des Einsatzfahrzeugs ein Schild mit der Aufschrift: „Achtung Druckluftbremse“ angebracht.

Trotz seines hohen Gewichts hatte das Auto eine recht große Bremswirkung, die der geneigte Verkehrsteilnehmer von Fahrzeugen dieser Größenordnung damals nicht gewohnt war.

Jörg Palm, der übrigens seit kurzem belgischer Staatsbürger ist, freut sich, „dass der Wagen so liebevoll aufgebaut, gepflegt und noch original mit der Aufschrift von Gladenbach versehen ist“. Die Oldtimerfreunde Zabergäu sind sehr stolz auf ihr besonderes Schmuckstück, das sie als ein „Feuerwehrfahrzeug der Extraklasse“ bezeichnen.

von Hartmut Berge

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