Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
56-Jähriger zu 41 Monaten Haft verurteilt

Wegen sexuellen Missbrauchs 56-Jähriger zu 41 Monaten Haft verurteilt

Im Missbrauchsprozess verurteilte das Marburger Landgericht einen 56-Jährigen aus einer Südkreisgemeinde zu drei Jahren und fünf Monaten Haft - trotz eines negativen Gutachtens zur Aussage der Hauptbelastungszeugin.

Voriger Artikel
Als Betroffener und Helfer zum Orden
Nächster Artikel
Lohras Ortsmitte blüht auf

Vor dem Marburger Landgericht endete eine Verhandlung gegen einen 56-Jährigen aus dem Südkreis mit der Verurteilung, unter anderem wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Mit dem Urteil endete gestern am 14. Verhandlungstag ein Prozess, der sich über Monate hinzog und in dem auch zahlreiche verjährte Vorwürfe des Missbrauchs von Kindern erhoben wurden (die OP berichtete).

Verurteilt wurde der Mann jetzt wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes, Exhibitionismus, Besitzes von Kinderpornografie und weil er unerlaubt Munition in seinem Haus aufbewahrte. „Die Gründe entsprechen dem, was ihm in der Anklageschrift zur Last gelegt wird“, das sehe die Kammer als voll bestätigt an, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf.

Laut Urteil hat der Angeklagte 2004 seine damals zwölf­jährige Tochter bei einem gemeinsamen Bad missbraucht, dreimal exhibitionistische Handlun­gen vor seiner Stiefschwester vorgenommen, kinderpornografische Dateien auf seinem Computer gehabt und 44 Patronen in seinem Schlafzimmer aufbewahrt.

Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier und die Nebenklagevertreter betonten in ihren Plädo­yers, dass es ein Zufall sei, dass die Vorwürfe ans Licht gekommen sind. Alle mutmaßlichen Missbrauchsopfer dachten, alleine zu stehen, erst als der Mann ein minderjähriges Mädchen aus der Familie mit zu sich nehmen wollte und die Verwandten sich daraufhin austauschten, hätten sie voneinander erfahren. Die Anwältin der Tochter sagte, es sei nicht der Sinn der Anzeige, Rache auszu­leben, sondern zukünftige Taten zu verhindern.

Am vorletzten Verhandlungstag hatte die Sachverständige Simone Gallwitz betont, dass nach aussagepsychologischer Ansicht eine Verwertung der Aussage der heute 23-jährigen Tochter ausgeschlossen sei, weil sie selbst zwar glaube, als Kind missbraucht worden zu sein, das aber tatsächlich nie geschehen sei. Drauf begründete die Verteidigung ihren Antrag auf Freispruch.

Richter: das klassische Kinderschänderprogramm

Das sah das Gericht ebenso wie die Staatsanwältin und die Nebenklage ganz anders. Laut höchstrichterlicher Rechtsprechung, so Wolf, sei das Gutachten nur ein Beweismittel, die Kammer müsse unter Würdigung der gesamten Beweisaufnahme trotzdem nach eigenem Ermessen entscheiden. „Und die Aussagepsychologie ist noch eine ganz junge Wissenschaft, längst nicht so aussagekräftig wie ein medizinisches Gutachten“, sagte Wolf.

Brinkmeier hatte in ihrem Schlussvortrag betont, dass das Gutachten vieles nicht berücksichtigt habe, was die Hauptverhandlung ergeben hat. So habe der Angeklagte in Teilen das Geschehen bei der Haftrichterin und gegenüber dem Freund der Tochter zugegeben. Im Prozess schwieg er. Damals habe er aber gesagt, dass Kind hätte angeregt vom Sexualkundeunterricht sein Geschlechtsteil anfassen wollen. Aus erzieherischen Gründen habe er das zugelassen. „Das ist eine der Top-Ausreden von Pädophilen“, hob die Staatsanwältin hervor. Bei einer Dreijährigen könne sie sich ja noch Neugier vorstellen, aber nicht bei einem Mädchen dieses Alters.

Richter Wolf sagte in der Urteilsbegründung, der Angeklagte „hat das klassische Kinderschänderprogramm durchgeführt“, vielleicht habe er es zunächst nicht gewollt, aber am Tattag sich gezielt vorbereitet. Die Aussagen der Frau seien schlüssig. Zwar habe Gallwitz darauf hingewiesen, dass ihre Schilderungen nicht aus der Kindesperspektive seien, aber das sei rückblickend bei einer erwachsenen Frau normal, damals, so sagte sie, habe sie es nicht verstanden.

Auch dass die Erinnerung erst weg war und dann nach Träumen wieder kam, sei kein Grund, an der Aussage zu zweifeln. Andere geträumte Vorfälle mit dem Vater habe die Tochter zwar erzählt, einen Realbezug jedoch ausgeschlossen.

Brinkmeier verwies auch auf übereinstimmende Zeugenaussagen zum Nachtatverhalten des Angeklagten nach Missbräuchen. Alle anderen hätten auch berichtet, dass er aufgehört habe, wenn sie es nicht gewollt hätten.

Forderung: Nur Geldstrafe wegen Besitz von Munition

Nicht aufgehört hat der Mann nach Überzeugung des Gerichts mit dem Entblößen vor anderen. Im Prozess wurde mehrfach darauf verwiesen, dass er im Familienkreis daher den Spitznamen „T.W.“ hatte, was für „Treppenwichser“ steht. Die Kammer folgte auch nicht der Auffassung der Verteidigung, dass das Verhalten nicht strafbar gewesen war, weil die Frau aufgrund jahrelanger Erfahrung „überhaupt nicht belästigt wurde, wenn es so gewesen ist“.

Vergeblich war auch der Hinweis, dass auf den Laptop mit den Dateien auch andere Zugriff gehabt hätten. Der Mann sei nur wegen der Munition zu einer Geldstrafe zu verurteilen, so sein Pflichtverteidiger, der von einem skurrilen Prozess sprach, „mit dem ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft ge­rissen wird“. Der Angeklagte hatte in seinem letzten Wort angekündigt, bei einer Verurteilung in Revision zu gehen. Der Staatsanwaltschaft warf er vor, keinerlei entlastende Beweise gesucht zu haben.

Der Haftbefehl bleibt ausgesetzt, jedoch unter strengen Auflagen. Der 56-Jährige muss seinen Reisepass abgeben, 10000 Euro Kaution hinterlegen und sich wöchentlich bei der Polizei melden. Außerdem darf er keinen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben.

Die Kammer sieht bis zur Rechtskraft des Urteils und dem Haftantritt Flucht- und Verdunklungsgefahr. Auch dass er immer zu den Terminen gekommen sei, ändere daran nichts, so Wolf. Er sei überzeugt gewesen, freigesprochen zu werden. „Die Aussagen hat er mit Kopfschütteln und hämischem Grinsen begleitet und seine Verteidiger haben sich mehrfach herablassend gegenüber den anderen Verhandlungsbeteiligten gezeigt“, kritisierte der Richter die Anwälte. Außerdem habe der Verurteilte vor der Verhandlung Zeugen bedroht.

von Heiko Krause

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr