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55-Jähriger watscht Schwiegermutter

Aus dem Amtsgericht 55-Jähriger watscht Schwiegermutter

Das hatte sich der Sohn anders vorgestellt: Anstelle einer Verurteilung wurde das Verfahren gegen seinen Schwager eingestellt, weil seine geschädigte Mutter die Anklage zurückgenommen hatte.

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Weil seine Schwiegermutter ihre Anzeige zurücknahm, wurde das Verfahren gegen einen 55-jährigen Mann eingestellt.

Quelle: Archivfoto

Biedenkopf. „Hast du das verstanden?“, fragte der aufgebrachte Sohn seine 76-jährige Mutter, nachdem Richter Mirko Schulte die Fall-Akte geschlossen hatte. Sie nickte stumm.

Im September vergangenen Jahres soll der Schwiegersohn seiner Schwiegermutter mindestens zwei Mal auf die Wange geschlagen und entgegen ihrer Aufforderung ihre Wohnung nicht verlassen haben. Er war deshalb wegen Körperverletzung und Hausfriedensbruch angeklagt.

Ursachen waren lange schwelende familieninterne Differenzen zwischen der Geschädigten und ihrem Schwiegersohn, der damals mit seiner Frau und seinem Sohn eine Wohnung im Haus der Schwiegereltern bewohnte.

Mittlerweile ist das Paar samt Sohn ausgezogen. Als der Sohn der Geschädigten Gast seiner Eltern war, schmiedete die Familie hinter verschlossener Tür offenbar Pläne, wie sie den ungeliebten Schwiegersohn aus dem Haus bekommen könnte. Das belauschte wiederum die Tochter der Geschädigten und Ehefrau des 55-jährigen Angeklagten, die ihrem Mann davon berichtete.

Der stürmte daraufhin die „Versammlung“, schlug der 76-Jährigen ins Gesicht und wurde dann von deren Sohn an beiden Ohren aus der Wohnung gezerrt. Diesen Verlauf der Geschichte bestritt der Angeklagte - hatte allerdings auch seinen Schwager wegen Verletzungen an seinen Ohren angezeigt. Seine Version: Er will seine Schwiegermutter im Zimmer seines Sohnes, ihres Enkels, ertappt haben, als sie mit der Nase tief im Geldbeutel des Jungen gesteckt hatte. Geschlagen habe er nicht, beteuerte der Angeklagte. Doch Schulte glaubte der Mutter. Zur Verurteilung kam es trotzdem nicht. Zuerst hatte die 76-Jährige ihren Schwiegersohn angezeigt. Vom Gericht bekam der Angeklagte einen Strafbefehl zugestellt, gegen den er Widerspruch einlegte. In diesem Zeitraum hatte die Ehefrau des Beschuldigten ihre Mutter gebeten, die Anzeige zurückzunehmen, weil die kostspielige Strafe die Haushaltskasse nur weiter belaste. Mit ihrer Mutter hatte die Frau dann einen Brief vorbereitet, den die Geschädigte wirksam unterschrieb und der dem Gericht vorliegt.

Diese Rücknahme ist ein Verfahrenshindernis. Es könnte nur fortgeführt werden, wenn die Staatsanwaltschaft ein besonderes, öffentliches Interesse an der Verfolgung feststellt oder die Geschädigte zur Unterschrift gegen ihren Willen gedrängt worden wäre. Das bestritt die 76-Jährige: „Aus Mitleid gegenüber meiner Tochter und meinen Enkel habe ich das unterschrieben“, sagte sie - erkannte aber offenbar nicht unmittelbar die Tragweite ihres Handelns.

Denn nur wenige Augenblicke zuvor, hatte sie vom Richter die Bestrafung ihres Schwiegersohnes gefordert: „Er muss ja mal eine auf den Deckel kriegen!“

Mirko Schulte stellte das Verfahren im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft ein. Er glaube nicht, dass der Konflikt nach dem Wegzug des Paares in einen anderen Ort weiter offen ausgetragen wird und sich ein solches Ereignis wiederholt. Der Angeklagte jedenfalls beteuerte: Er sei sicher kein Engel, wolle aber mit seiner Familie nur in Frieden leben. Darüber schüttelten die 76-Jährige und ihr Sohn die Köpfe. Eine Entschuldigung des Angeklagten nahm die Geschädigte nicht an.

von Benedikt Bernshausen

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