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37-Jähriger erstickt bei Polizeieinsatz

Ermittlungsergebnisse 37-Jähriger erstickt bei Polizeieinsatz

Im Fall um den Tod eines 37-Jährigen, der in Biedenkopf bei einem Polizeieinsatz starb, wird gegen vier Polizisten wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Der Mann erstickte durchs Fixieren am Boden.

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Peter Brustmann (Hessisches Landeskriminalamt, links) und Staatsanwalt Oliver Rust (Staatsanwaltschaft Marburg) gaben die vorläufigen Ermittlungsergebnisse bekannt. Gegen die vier Polizisten, bei deren Einsatz ein 37-Jähriger starb, wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg . Unter großem Medienaufgebot gaben die Marburger Staatsanwaltschaft und das Hessische Landeskriminalamt (LKA) das Ergebnis der bisherigen Ermittlungen preis: Der Befund der Obduktion ergab, dass der 37-Jährige einen „lagebedingten Erstickungstod“ starb. Die Polizisten hatten dem schwer zu bändigenden Mann Handschellen auf dem Rücken angelegt und ihn am Boden liegend fixiert. Er habe sich in einer Körperhaltung befunden, die ihn an der Atmung gehindert hat. Die Fixierung in Bauchlage und im Brustbereich sei ursächlich für den Tod des 37-Jährigen, erklärte Staatsanwalt Oliver Rust. Der 37-Jährige starb gegen 23 Uhr, eineinhalb Stunden nachdem die Polizisten in der Dexbacher Straße 28 in Biedenkopf eintrafen.

37-Jähriger schon mehrfach zwangseingewiesen

Gegen die Polizisten wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Sie wurden noch am gleichen Abend vom Unglücksort abgezogen und Staatsanwalt und Landeskriminalamt übernahmen die Ermittlungen. Es sei das übliche Vorgehen, wenn bei einem Routine-Einsatz ein Mensch ums Leben kommt, bestätigte Peter Brustmann, Leitender Kriminaldirektor des LKA. Dies erfolgt nach einer festgelegten Regelung, um die Objektivität zu wahren und alle be- und entlastenden Momente zusammenzutragen. Diese müsste dann die Staatsanwaltschaft abschließend bewerten, erklärte Brustmann.

„Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Auch das Obduktionsergebnis sei noch nicht endgültig. Es kämen noch weitere Faktoren hinzu: das Übergewicht des Mannes - bei einer Größe von 1.88 Meter wog er mehr als 130 Kilogramm - eine mögliche Medikamenteneinnahme oder der Genuss von Drogen. Die Ergebnisse der feingeweblichen und toxikologischen Untersuchungen stehen noch aus. Mit ihnen wird frühestens in zwei Wochen gerechnet, gab Rust bekannt.

Der 37-Jährige war psychisch krank, litt an Verfolgungswahn, war durch aggressives Verhalten aufgefallen und schon mehrfach in eine Psychiatrie zwangseingewiesen worden. Möglich ist dies nach dem Hessischen Freiheitsentziehungsgesetz - wenn Gefahr in Verzug ist für die betreffende Person oder für andere. Genau diesen Tatbestand sahen die vier Polizisten der Polizeistation Biedenkopf am Unglückstag als gegeben an.

"Wir müssen das Gesamtbild beurteilen"

Ein Anwohner der Dexbacher Straße 28 hatte die Polizei gerufen, nachdem der 37-Jährige zunächst bei ihm klingelte und etwa zeitgleich die Wohnungstür des Familienvaters eintrat. Der Randalierer forderte den Nachbarn auf, mit in seine Wohnung zu kommen. Dem kam der Mann nicht nach, sondern rief aus Sorge um seine Familie die Polizei. Er hatte sich bedroht gefühlt.

Die Polizisten konnten den 37-Jährigen nicht beruhigen, auch einen Nachbarn zogen sie hinzu, der sich mit dem Mann gut verstand. Doch auch gutes Zureden half nicht. Der 37-jährige flüchtete auf die Straße. Dort überwältigen ihn die Polizisten, während er sich heftig zur Wehr setzte. Sie legten ihm Handschellen mit den Händen auf dem Rücken an und fixierten ihn am Boden. Weil seine Gegenwehr nicht nachließ, riefen die Polizisten einen Rettungswagen, der den 37-Jährigen in ein Krankenhaus einliefern sollte. Den Sanitätern und den Polizisten war es aber unmöglich, den Mann auf eine Trage zu bringen. Um ihm Beruhigungsmittel zu verabreichen, wurde ein Notarzt gerufen. Noch bevor er eintraf, setzte die Atmung des 37-Jährigen aus. Die sofort eingeleitete Reanimation blieb erfolglos. Der Notarzt stellte gegen 23 Uhr den Tod des Mannes fest.

Nach Zeugenaussagen kam es zu keiner stumpfen Gewalteinwirkung und auch nicht zum Gebrauch von Schusswaffen. Es bestehe allerdings eine Kausalität zwischen der Fixierung des 37-Jährigen und dessen Tod. Deshalb werde wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, erklärte Staatsanwalt Rust. Der Schwerpunkt der Ermittlungen liege nun darauf zu prüfen, ob es den Polizisten möglich gewesen ist einzuschätzen, ob sich der 37-Jährige noch wehrte oder ob er sich bereits in einem Überlebenskampf befand. Die entscheidende Frage ist: Konnten die Polizisten erkennen, dass der 37-Jährige in einer Notlage ist? Im Verlauf der Ermittlungen wird auch geprüft, ob die geplante Einweisung in eine Psychiatrie gerechtfertigt war.

"Wenn jemand bei einem Polizeieinsatz stirbt, muss man kritisch hinsehen."

„Wir müssen das Gesamtbild beurteilen“, erklärte Rust. Es spreche aber vieles dafür, dass die Polizisten den 37-Jährigen nicht in seiner Wohnung allein lassen konnten. Die Hauptzeugen sind bereits vernommen worden, weitere Zeugenvernehmungen stehen noch aus.

„Wenn jemand bei einem Polizeieinsatz stirbt, muss man kritisch hinsehen. Das haben wir getan“, sagte Rust.

Die vier Polizisten sind nach dem Kenntnisstand des LKA-Ermittlers Brustmann nicht suspendiert. Dafür läge auch kein Grund vor, da sich das Ermittlungsverfahren in einem sehr frühen Stadium befinde. Ob sie dienstfähig seien, sei ihm nicht bekannt. Sie müssten erst einmal die Situation verkraften. Angaben zu den Polizisten machten die Ermittler nicht, um sie zu schützen.

von Silke Pfeifer-Sternke

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