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1622 Kilometer mit kleinen Tücken

Serie: Auf der Schwalbe durch Frankreich 1622 Kilometer mit kleinen Tücken

OP-Mitarbeiter Björn-Uwe Klein berichtet über den letzten Teil seiner Mopedtour, die er und sein Vater Alfred Klein mit ihren "Simson-Schwalbe"-Oldtimern unternahmen.

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Kürzer, aber schon in den Startlöchern

Cambrai. Als wir dort am Montag, 22. Juli, frühstücken, bemerken wir, wer hier außer uns noch zu Gast ist: Die Hockey-Nationalmannschaften der Juniorinnen aus Frankreich und Russland. Offenbar haben die jungen Sportlerinnen ein straffes und anstrengendes Tagesprogramm vor sich. Und das bei dieser Hitze!

Unsere tags zuvor eingeschlagene Fahrtrichtung wollen wir beibehalten - nach Osten, in Richtung Deutschland. Eine Route für diesen Tag haben wir uns schon überlegt: über Vervins und Rethel nach Verdun. Das sind rund 240 Kilometer - durchaus machbar und ausreichend für einen Tag.

Wir fahren vorbei an endlosen Kornfeldern. Die Dörfer wirken malerisch und bei näherem Hinsehen fällt auf, dass einige Häuser offenbar dem Verfall preisgegeben sind. Häuser auf völlig verwilderten Grundstücken, deren einstige Schönheit man noch gut erahnen kann und aus deren Fenstern nun Äste sprießen. Immer wieder finden sich solche Häuser mitten in den Ortschaften. Auf einen Durchreisenden strahlen sie etwas Verwunschenes aus.

Suche nach Tankstellewird zum Spießrutenlauf

In Vervins, einer kleinen Gemeinde mit mittelalterlichem Erscheinungsbild, enge Gassen, Kopfsteinpflaster, eine Vielzahl historischer Bauwerke, essen wir zu Mittag. Vergeblich suchen wir eine Tankstelle. Wir haben kaum noch Sprit im Tank, ich befürchte, dass es knapp wird. Während wir kurz vor der kleinen Gemeinde Montcornet einen Berg hinauffahren, stottert mein Moped. Der Motor bleibt glücklicherweise am Laufen, doch es ist ein klares Zeichen, dass ich tanken muss. Hoffentlich gibt es in Montcornet eine Tankstelle.

Wir fahren langsamer, um Sprit zu sparen. Bis Montcornet sind es noch rund fünf Kilometer, zum Glück führt der letzte Abschnitt bergab.

Kaum sind wir in dem Ort angekommen, sehen wir eine Tankstelle! Ich bin erleichtert. Leider ist die Tankstelle außer Betrieb. So ein Pech. Der Benzinhahn meines Mopeds steht schon auf Reserve, es kann durchaus sein, dass meine Schwalbe auf den nächsten hundert Metern „verdurstet“.

Da mein Vater offenbar noch ein bisschen mehr Sprit im Tank hat, will er sich nach einer anderen Tankstelle umsehen. Ich bleibe wo ich bin und vertrete mir die Füße. Und ich hoffe. Nach etwa zehn Minuten kommt er zurück. Er hat eine Tankstelle gefunden. Wir fahren los und erreichen nach etwa einem Kilometer die Tankstelle - ohne, dass ich auf den letzten Metern schieben muss. Benzin tanken, Öl einfüllen. Das Mischverhältnis bei Schwalben beträgt 1:50, das heißt: Auf jeden Liter Benzin kommen 20 Milliliter Motoröl. Dieses haben wir in ausreichender Menge mitgenommen: im Gepäck und unter den Sitzbänken. Es kann weitergehen.

Das nächste Mal machen wir am Nachmittag in Rethel Halt. Während wir vor einem Lokal sitzen, beobachten wir, wie sich der Himmel verdunkelt. Das sieht nach einem Unwetter aus. Die Wolken ziehen in unsere Richtung.

Wir fahren weiter Richtung Verdun und je mehr wir uns der Stadt nähern, umso zuversichtlicher werde ich, dass wir sie vor dem Wolkenbruch erreichen. Rund 20 Kilometer vor Verdun passiert es: Zunächst ist es ein einzelner Regentropfen, der auf dem Visier meines Helms landet. Ein ziemlich großer Regentropfen. Ein paar weitere folgen und auf einmal gießt es wie aus Eimern. Das, was uns auf dieser Reise bislang erspart geblieben ist, erwischt uns nun umso heftiger. Ein wahres Unwetter.

Binnen Sekunden ist der Regen so stark, dass wir unsere Geschwindigkeit deutlich reduzieren müssen, weil wir die Straße kaum noch sehen.

Flucht vor dem Regen

Wir nähern uns einem Dorf, wo es hoffentlich eine Unterstellmöglichkeit. An der Hauptstraße finden wir ein Bushäuschen. Nichts wie rein, samt den Mopeds. Wir sind nass bis auf die Haut.

Aus dem Bushäuschen betrachtet, wirkt der Starkregen wie eine Wand aus Wasser. Nach etwa einer halben Stunde bekommen wir Gesellschaft: Ein Paar, das auf einem Motorrad unterwegs ist, steuert das Bushäuschen und gesellt sich zu uns.

Nahezu eine Stunde schüttet es weiter, dann lässt der Regen nach. Wir fahren nach Verdun und nehmen das erste Hotel, das wir finden. Ein Glücksfall: Es ist das gemütlichste und zugleich das günstigste, das wir auf unserer Reise bekommen haben.

Dienstag, 23. Juli: Beim Frühstück sind wir in bester Gesellschaft. Diesmal teilen wir den Frühstückssaal mit den „Antwerpen Bandidos”, die die selben Packtaschen haben wie wir.Es wird wieder ein heißer Tag. Problemlos springen die Mopeds an. Wir fahren Richtung Thionville und besuchen auf dem Weg dorthin ein Lokal, in dem wir bereits während unser Tour 2012 waren.

Es scheint sich nichts verändert zu haben. Auch der große Hund, an den wir uns erinnern, liegt wieder unter einem Tisch. Wir trinken an der Theke einen Espresso und ein Glas Wasser.

Eine ältere Dame betritt das Restaurant. Die Begrüßung durch den Wirt lässt erkennen, dass sie in diesem Lokal wohlbekannt ist. Sie signalisiert, Respekt vor dem Hund zu haben. Meine Französischkenntnisse reichen gerade noch aus, um zu verstehen, was der Wirt ihr daraufhin lachend erklärt: “Der frisst Dich heute zum zehnten Mal.” Auf dem Weg nach Thionville stottert das Moped meines Vaters mehrmals. Er hat einen Verdacht: die Zündkerze. Für solche Fälle ist vorgesorgt. Zündkerzenschlüssel und Ersatzzündkerzen haben wir ebenso dabei wie Zündkontakte und Ersatzbirnen. Mein Vater wechselt die Zündkerze, und siehe da: Seine Schwalbe läuft wieder einwandfrei.

Um die Mittagszeit kommen wir hinter der Ortschaft Bouzonville über die Grenze ins Saarland. Und nun fangen die Probleme an: In Saarlouis wollen wir nach Lebach fahren, um von dort Kurs auf die Pfalz zu nehmen. Laut einer Ortstafel sind es 20 Kilometer bis Lebach, doch nachdem wir zwei von 20 Kilometern geschafft haben, sind es plötzlich noch 22 Kilometer. Und das, obwohl wir uns strikt an die Beschilderung gehalten haben.

Verbotene Mopedfahrt auf der Autobahn

Doch damit nicht genug. Als wir hinter Saarlouis an einer Kreuzung abbiegen, um auf die nach Lebach führende Bundesstraße 269 zu gelangen, landen wir plötzlich auf einer Autobahn. Da folgt man einem Pfeil, der auf die Zahl „269“ in einem gelben Kasten zeigt (gelb für Bundesstraße), und landet trotzdem auf der Autobahn.

Wir sind zwar richtig, tun aber etwas Verbotenes. Gut, dass wir schon nach zwei Kilometern auf die Bundesstraße abfahren können. Wieder kündigt sich ein Wolkenbruch an, doch diesmal bleiben wir trocken.

Am Abend überqueren wir in St. Goar mit einer Fähre den Rhein. Weiter geht’s über Nastätten nach Limburg, wo wir ein letztes Mal tanken und unseren Verbrauch berechnen: durchschnittlich 2,3 Liter auf 100 Kilometern. Von Limburg geht‘s über Runkel nach Weilburg, von dort über Löhnberg in den Lahn-Dill-Kreis. Driedorf, Haiger, Dillenburg. Im Nebel kommen wir um Mitternacht in Bad Laasphe-Herbertshausen an.

Am Ende stellen wir fest: Wir haben verwirklicht, was wir uns vorgenommen haben und eine Menge erlebt. 1622 Kilometer haben wir in fünf Tagen zurückgelegt. Abgesehen von einer Tachowelle, die noch einmal neu eingedreht werden musste, und einer auszuwechselnden Zündkerze, hielten die Oldtimer durch. Das schreit nach einer Wiederholung.

Die ersten beiden Serienteile lesen Sie hier

von Björn-Uwe Klein

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