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Er wäre die bessere Wahl gewesen

Wahltagebuch Er wäre die bessere Wahl gewesen

Nach der ersten Prognose herrscht erst einmal bedenkliche Stille. Alle blicken gebannt auf die TV-Bildschirme und betrachten die sich aufbauenden Balken für die Stimmverteilung der einzelnen Parteien.

Besonders bemerkenswert sind auch die zögerlichen Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Fast scheint es, als müsste das Ergebnis erst einmal sacken.

Natürlich folgt auf diese ersten ruhigen Momenten dann doch die Phase der Betriebsamkeit und Analyse. Das „Netz“ erwacht und kommentiert besonders das starke Abschneiden der AfD. Viele Nutzer stimmen überein, dass es wohl eine Mischung aus politischer Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien und dem Spiel mit Ängsten in Teilen der Bevölkerung war, die die Rechtspopulisten zur drittstärksten Kraft im Land werden ließ.

Und plötzlich muss ich an die zufällige Begegnung mit der Familie meines Bruders denken, die ich am Morgen noch auf dem Weg zum Wahllokal getroffen habe. Warum ich denn an einem Sonntag arbeiten müsste, wollte mein kleiner Neffe von mir wissen. „Na, heute ist doch die Wahl“, erwiderte ich.

Die hochkomplexe Zusammenhänge des Wahlrechts und der umfassenden Auswirkungen auf die Gesellschaft fasste mein Bruder dann mit einem erklärenden „heute wird der Bestimmer gewählt“ zusammen. Mein Neffe schaute hoch und sagte daraufhin mit voller Überzeugung: „Ich will das sein!“.

Am Sonntagabend schaue ich weiter auf die Tortendiagramme und blicke in die Gesichter der Parteivorsitzenden, die da über den Bildschirm flimmern. Und beim Zuhören bekommt man das Gefühl, alle seien Sieger. Und dann wird von Jagd auf Merkel gesprochen und das Wort Volk wird gebrüllt.

Ich wünschte, ich hätte meinen fünfjährigen Neffen wählen können.
Ich wünschte, er wäre der Bestimmer.

von Dennis Siepmann

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