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Kleine Parteien haben die großen Redner

Redenschreiber-Verband Kleine Parteien haben die großen Redner

Die Rhetorik-Experten kritisieren die lautstarken Störer, die für teilweise „beklemmende“ Atmosphäre sorgen.

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Zum besten Wahlkampfredner kürten Rhetorik-Experten den FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner

Quelle: pixabay

Berlin. Im Bundestagswahlkampf 2017 verfügen die Oppositionsparteien über die besseren Rhetoriker. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Freitag in Berlin veröffentlichte Analyse des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache. Zum besten Wahlkampfredner kürte der Verband den FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner. Danach folgen Sahra Wagenknecht (Linke) und Cem Özdemir (Grüne) auf dem zweiten Platz.

Für die Analyse untersuchten Rhetorik-Experten die Wahlkampfreden der zehn Spitzenkandidaten der Parteien, die in Umfragen seit drei Monaten über fünf Prozent liegen. Es seien keine politischen Inhalte beurteilt worden, betonte Verbandssprecherin Anja Martin: „Es ging um rhetorische Maßstäbe.“ SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz belegt den vierten Platz. Es folgt Katrin Göring-Eckardt (Grüne) auf Platz fünf.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann teilen sich Platz sechs. Dietmar Bartsch (Linke) und Alice Weidel (AfD) erreichen Platz acht. Alexander Gauland (AfD) landet auf Platz zehn.

Kunst der seriösen Vereinfachung

Insgesamt bescheinigen die Sprachanalysten den Wahlkampfrednern professionelle Auftritte. Sie hätten meist starke Bilder genutzt und sich bemüht, einfach und verständlich zu sprechen. Zudem hätten sie überwiegend stringent argumentiert, hieß es. Lindner habe durch die Kunst der seriösen Vereinfachung überzeugt, begründete der Verband seine Wahl.

Er sei zudem öffentlich der erste Spitzenpolitiker gewesen, „der sich regelmäßig inmitten der Zuhörer ohne Pult und ohne Redezettel aufbaute“ und in alle Richtungen gesprochen habe, sagte die Verbands-Vizepräsidentin und ehemalige Grünen-Politikerin Antje Hermenau. Statt einer traditionellen Rede das dialogische Format für Wahlkampfauftritte hätten auch Özdemir und Göring-Eckardt genutzt. Auch Herrmann habe sich den Fragen des Publikums gestellt.

Nachvollziehbar, druckreif, lebendig und frei, allerdings ohne regionale Bezüge habe Wagenknecht gesprochen. Auch Bartsch habe „eine solide Rede“ abgeliefert, bei der er jedoch zum Teil Schachtelsätze nutzte. Im direkten Vergleich der Kanzlerkandidaten habe Schulz gegen Merkel gewonnen, weil es ihm gelungen sei, aktuelle Themen mit seiner eignen Biografie zu verbinden.

Pauschale, aggressive Abwertung

Merkel habe mit viel Sachverstand, jedoch wenig Emotion und nahezu ohne rhetorische Stilmittel, verständlich und nachvollziehbar geredet. Hermann habe durch klare und konkrete Botschaften überzeugt, sei in der Attacke fair geblieben und habe mit Witz seinen Aussagen die Schärfe genommen. AfD-Spitzenkandidatin Weidel habe flüssig, frei und verständlich gesprochen und viele anschauliche Beispiele genutzt.

Allerdings habe ihre Rede auch Passagen pauschaler, aggressiver Abwertung enthalten, so die Rhetorik-Experten. Parteikollege Gauland habe rhetorisch nicht überzeugen können, weil seiner Rede der rote Faden fehlte und er häufig Sprachbilder nutzte, die der Kriegssprache entliehen waren.

Der Bundestagswahlkampf wurde von den Analysten auf den Straßen und Plätzen zudem oft als „bedrückend“ und „beklemmend“, empfunden. So habe es insbesondere bei Wahlkampfauftritten Merkels lautstarke Störer gegeben. Bei AfD-Veranstaltungen seien Journalisten, aber auch die Rhetorik-Experten durch laute Störer teilweise in ihrer Arbeit beeinträchtigt worden. (epd)

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