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Rotkäppchen und die böse Nilgans

Kreisbauernverband diskutiert mit Direktkandidaten Rotkäppchen und die böse Nilgans

Zuhörer, die Monologe hielten, eine Moderatorin, die die Zügel lang ließ, Kandidaten, denen das Thema Landwirtschaft mitunter schwerfiel: Dieses Programm erlebten knapp 30 Besucher beim Kreisbauernverband.

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Vorsitzende Karin Lölkes (Dritte von links) moderierte die Diskussion des Kreisbauernverbands zur Bundestagswahl. Sechs der acht heimischen Direktkandidaten saßen auf dem Podium: (von links) Hanke Bokelmann (FDP), Dr. Stefan Heck (CDU), Sören Bartol (SPD), Rainer Flohrschütz (Grüne), Julian Schmidt (AfD) und Elisabeth Kula (Linke).

Quelle: Nadine Weigel

Kirchhain. Er habe kaum Zeit gehabt sich vorzubereiten – er sei schließlich auch kein Agrarpolitiker, ließ FDP-Direktkandidat Hanke Friedrich Bokelmann das Publikum im Saal des Kirchhainer Gasthauses „Zur Sonne“ wissen. „Aber ich kann Traktor fahren.“

SPD-Bundestagsabgeordneter Sören Bartol las von seinem Smartphone aus dem SPD-Wahlprogramm vor, als es um Subventionen ging. Ein Landwirt aus Schweinsberg leitete seine Frage zum Verdienst von Milch- und Kaffee-Erzeugern minutenlang mit einem unübersichtlichen Rechenexempel rund um einen „Pott Milchkaffee“ ein.

Und gegen Ende der Veranstaltung verkündete Erwin­ Koch, Ehrenvorsitzender des Kreisbauernverbands, donnernd, dass Bienen in ihrem Bestand längst nicht so gefährdet seien wie die aussterbende Art der Landwirte. Daran Schuld sei die neoliberale Politik.

Hoher Unterhaltungswert

Kurz: Die Veranstaltung des Kreisbauernverbands hatte streckenweise einen hohen Unterhaltungswert. Einen roten Faden hatte sie nicht. Moderatorin Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands, hielt sich ihrerseits mit Fragen zurück, ließ den Bewerbern auf dem Podium und den Zuhörern viele Freiheiten. Entsprechend strukturlos verlief die gut zweistündige Veranstaltung.

Themenkomplexe wie die landwirtschaftliche Rente oder der Milchpreis wurden gestreift, aber zu keinem Abschluss gebracht. Reizthemen wie Glyphosat wurden schnell durchgewunken, bevor größere Diskussionen hätten aufkommen können.

Dem CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Stefan Heck gelang es, ausgerechnet die Rückkehr des Wolfs zu einem kleinen Schwerpunktthema zu machen, obwohl dies von Weidetierhaltern gefürchtete Tier in Hessen noch absoluten Seltenheitswert genießt. „Ja, noch ist der Wolf hier kein großes Problem, wir sind aber gut beraten, uns jetzt schon Gedanken zu machen“, sagte Heck. Ein Zuhörer witzelte: „Dann brauchen wir auch noch ein Rotkäppchen.“

Heck plädierte dafür, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen – mit ganzjähriger Schonzeit. „Damit wir gezielt eingreifen können, müssen wir diskutieren, wie viel Wolfspopulation wir uns für Hessen vorstellen können.“­ Sie sei „ausnahmsweise“ einer ­Meinung mit Heck, sagte die Kandidatin der Linken, ­Elisabeth Kula.

„Sonst ist das wie McDonalds für Wölfe“

Sollte sich der Wolf in Hessen wieder verbreiten, so müsse man Weidetiere durch bessere Zäune schützen, regte Sören Bartol an, „sonst ist das wie McDonalds für Wölfe“. Rainer Flohrschütz (Grüne) fand: „Sie können von mir nicht erwarten, dass ich sage, dass Wölfe geschossen werden sollen.“ Julian Schmidt (AfD) fand, man müsse den Wolfsbestand „nötigenfalls regulieren und Wölfe, wenn sie Probleme machen, auch schießen dürfen“.

Ein Zuhörer plädierte in diesem Zusammenhang für die Regulation des im Ohmbecken angeblich stark wachsenden­ Bestands von Nilgänsen. Er befürchtete, dass landwirtschaftliche Erzeugnisse durch Salmonellen im Nilganskot verunreinigt und dann nicht mehr verkauft werden könnten. „Wer soll die Nilgans eliminieren?“, lautete eine Frage aus dem Publikum. „Wer wohl, der Wolf!“, rief Stefan Mann, Landwirt aus Ilschhausen, und erntete schallendes Gelächter.

Ein weiterer Schwerpunkt der gut zweistündigen Diskussionsrunde waren die Agrarsubventionen. Lölkes fragte, wie die Parteien diese ausgestalten wollen. „Die Direktzahlungen und die Förderung des ländlichen Raums als zwei Säulen funktionieren im Großen und Ganzen“, sagte Heck und verwies darauf, dass nach dem Brexit und dem Wegfall eines der größten Beitragszahlers mit einem noch härteren Kampf um die Agrarsubventionen auf EU-Ebene zu rechnen sei. Bokelmann führte­ aus, er sei mit dem derzeitigen Modell weitgehend einverstanden.

Ökologische Landwirtschaft stärker fördern

Wichtig sei, dass die benachteiligten Gebiete weiterhin einen Ausgleich erhielten. Die SPD wolle die Agrarsubventionen stärker an der tatsächlich erbrachten Leistung der Landwirte orientieren, erklärte Bartol. Auch die biologische Vielfalt müsse bei den staatlichen Zahlungen mehr berücksichtigt werden.

Flohrschütz fand, dass „insgesamt mehr Geld ins System fließen“ sollte, damit die Landwirte bessergestellt würden. Zudem müsse die ökologische Landwirtschaft stärker gefördert werden, für die Tiere müsse mehr Platz geschaffen werden.
„Kleine Betriebe mit einer Größe von bis zu 200 Hektar sollten vielleicht mehr bekommen“, sagte Schmidt, der im Nebenerwerb Rinder züchtet.

Die Linke wolle bei der Flächenprämie stärker berücksichtigen, ob ein Betrieb sozialversicherungspflichtige Arbeit­ anbiete, sagte Kula. Großinvestoren wolle man aus der ­Förderung ganz rausnehmen. „Grundsätzlich ist es ein großes Problem, dass Sie als Landwirte von den Fördersystemen abhängig sind. Sie sollten von Ihrer Produktion leben können“, betonte Kula.

Der AfDler Ludwig Nau aus Großseelheim verlangte den Kandidaten ein konkretes Statement zum „Renaturierungswahn“ ab. „Die Kulturlandschaft versumpft, die Wasservögel fressen die Felder leer.“ Bokelmann dazu: „Es muss nicht überall ein Sumpfgebiet geben.“ Heck: „Ich bin ausdrücklich für weniger­ ­Renaturierung.“ Wie schon beim Wolf schloss sich Kula auch in diesem Punkt „ausnahmsweise“­ Hecks Aussage an.

Bartol: „Ich habe nichts gegen die Wiederherstellung von Biotopen.“ Flohrschütz: „Wir brauchen ­diese Ausgleichsmöglichkeiten.“ Schmidt: „Wir sollten die Kirche bei der Renaturierung ­etwas mehr im Dorf lassen.“

Carina Becker-Werner

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