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Gezittert wird wohl bis zum Schluss

Eine Analyse Gezittert wird wohl bis zum Schluss

Sören Bartol (SPD) und Dr. Stefan Heck (CDU) vertreten unseren Landkreis derzeit im Bundestag. Das könnte so bleiben – es gibt nur einen weiteren, der sich berechtigte Hoffnungen machen kann.

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Die Grafik zeigt die acht Direktkandidaten und (einzeln) Frank Lerche (Piraten).

Quelle: Nikola Ohlen

Marburg. Bewerber für die Bundestagswahl haben zwei Möglichkeiten, einen Sitz im Berliner Reichstagsgebäude zu erringen. Mit der Mehrheit der Erststimmen in ihrem Wahlkreis, dann sind sie direkt gewählt – oder über die Landesliste ihrer Partei. Darüber entscheidet das Zweitstimmen-Ergebnis, das die Parteien im Bundesland erreicht haben.

Bei der Erststimme ist die Sache zuletzt klar gewesen. Sören Bartol errang das Direktmandat bei allen vier Bundestagswahlen seit 2002. Sein größter Konkurrent ist Dr. Stefan Heck, der in der noch aktuellen Legislaturperiode über die Landesliste der CDU in den Bundestag nachrückte. Daneben kandidieren sechs weitere Wahlkreisbewerber, die erfahrungsgemäß aber kaum eine Chance haben, sich eine (einfache) Mehrheit der Stimmen zu sichern. Bei der letzten Bundestagswahl gewann Bartol etwa mit 38,9 Prozent vor Heck mit 35,6 Prozent. Der nächste Bewerber, FDP-Mann Jörg Behlen, sammelte damals 8,3 Prozent der Stimmen.

Sowohl Bartol als auch Heck rangieren auf den Landeslisten ihrer Parteien weit oben. Unabhängig vom Gewinn des Direktmandats sollte Sören Bartol dem neuen Bundestag angehören können. Wenn er nicht direkt gewählt wird, könnte das Rennen für Stefan Heck enger ausfallen – weil die CDU zuletzt in Hessen sehr viele Direktmandate gewann und daher über die Landesliste nicht viele Abgeordnete ihr Ticket für Berlin lösten – im Extremfall könnte es diesmal gar keins sein.

Zudem konkurrieren in FDP und AfD zwei Parteien zusätzlich um Mandate, die 2013 bundesweit an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert waren. Das bedeutet, dass vor allem die beiden großen Parteien Mandatsverluste fürchten müssen.

Wie sieht das Rennen bei den heimischen Bundestagskandidaten aus? Ein Überblick.

  • SPD: Sören Bartol steht auf Platz 5 der Landesliste. Bei der Wahl 2013 errang die SPD in Hessen insgesamt 16 Mandate (nur 5 direkt). Berücksichtigt man, dass die SPD in den Umfragen derzeit auf ähnlichem Niveau steht wie vor vier Jahren, sollte Bartol seinen Sitz sicher haben.
  • CDU: Dr. Stefan Heck ist Siebter auf der Liste. 2013 holte die Hessen-CDU 21 Sitze (17 Direktmandate). Auf der Landesliste stehen vor dem Amöneburger fünf Kandidaten, die 2013 ihr Direktmandat gewonnen haben. Vorausgesetzt, die CDU verliert insgesamt keine Mandate, wäre Heck mit einiger Wahrscheinlichkeit also einer der ersten auf der Landesliste, sollte er das Mandat nicht direkt gewinnen.

    Wie eng das Rennen werden kann, zeigen der Tagesspiegel und die Seite mandatsrechner.de. Hier wird im Marburger Wahlkreis Sören Bartol noch vorn gesehen, allerdings mit dem Zusatz „sehr unsicher“. Grundlage dieser Bewertung, ist ein sogenannter „In-or-Out-Faktor“, laut der Betreiber „eine Art Abstandsmaß zwischen dem Favoriten und dem Verfolger eines Wahlkreises“.
    Er liefere eine auf aktuellen Sonntagsfragen beruhende Hochrechnung der relativen Erststimmen-Abstände zwischen den Kandidierenden im Wahlkreis. Da sich die Umfragewerte noch ändern können, kann sich natürlich auch diese Einschätzung wieder ändern.
    Auf mandatsrechner.de gibt es auch eine Prognose für die Anzahl der Listenmandate. Dazu können aktuelle Umfragen für den Bund und die Länder zu Rate gezogen werden. Wie die Ergebnisse wirklich sein werden, lässt sich auch eine Woche vor der Wahl nicht sicher prognostizieren. Unter diesen Vorzeichen würde es für Heck knapp, denn dann würden alle prognostizierten CDU-Mandate direkt gewonnen – er wäre laut Prognose derzeit auch nicht unter den erfolgreichen Direktkandidaten.

    Bundesweit könnte die Union bis zu 50 Mandate verlieren, „wenn sie nur drei Prozentpunkte schlechter abschneidet als bei der vergangenen Wahl“, hatte der Wahlrechtsexperte Christian Brugger von mandatsrechner.de kürzlich in der „Welt am Sonntag“ gesagt. Die SPD müsste angesichts der derzeitigen Umfragen demnach mit bundesweit 28 Mandaten weniger planen – allein weil FDP und AfD vermutlich dem neuen Bundestag angehören werden und die Abgeordnetensitze unter sechs statt vier Fraktionen verteilt werden müssten.

    Das illustriert, wie kompliziert die Vorhersagen über den möglichen Einzug in den Bundestag sind – und dass sich weder Kandidaten noch Wähler bis zuletzt sicher sein können. Es stehen bei den beiden großen Parteien auch noch weitere Kandidaten aus dem Landkreis auf den Listen. Keiner davon ist jedoch in der Nähe eines für den Bundestagseinzug relevanten Listenplatzes. Die SPD bietet Michael Nass und Silvia Demper (Plätze 35 und 38) auf, die CDU Karin Lölkes (27).

    Zum Vergleich: Hessen entsendet entsprechend seines Anteils an der deutschen Bevölkerung 43 Abgeordnete nach Berlin – zuzüglich eventuell anfallender Überhang- und Ausgleichsmandate. Wenn man davon ausgeht, dass kein Kandidat von den kleineren Parteien sich das Direktmandat sichern kann, bliebe für sie nur der Weg über die Landesliste. Doch auch da wird es schwer bis unmöglich, wie die Übersicht zeigt.

  • Die Linke: Direktkandidatin Elisabeth Kula steht auf Platz 7, vor vier Jahren ergatterten die Linken in Hessen mit 6 Prozent der Zweitstimmen drei Sitze. Im Bund steht sie derzeit um die 9 Prozent. Steigt die Partei nicht noch erheblich in der Wählergunst, ist der Weg nach Berlin für Kula (zu) weit.
  • Grüne: Für die bestplatzierte Bewerberin Nadine Bernshausen besteht auf Platz 11 kaum eine Chance auf den Bundestag. Zuletzt hatten die Grünen in Hessen fünf Abgeordnete in Berlin, die derzeitigen Umfragen sehen die Grünen etwas schwächer als 2013 in Hessen (9,9 zu 7 bis 8). Weitere Bewerber: Madelaine Stahl (19), Petra Baumann (21), Rainer Flohrschütz (22, alle Marburg).
  • FDP: Die Liberalen setzen den heimischen Direktkandidaten Hanke Bokelmann in Hessen auf Platz 16. Keine reale Chance auf ein Mandat – selbst bei den derzeitigen Prognosen zwischen 9 und 10 Prozent wären nur 6 hessische FDP-Abgeordnete drin. Im derzeitigen Bundestag ist die FDP nicht vertreten.
  • AfD: Die große Unbekannte ist die Alternative für Deutschland. Direktkandidat Julian Schmidt (Angelburg) ist bei der AfD-Liste auf Platz 9 zu finden. Um so viele Abgeordnete zu gewinnen, müsste die Partei deutlich zweistellig werden. Die Umfragen im Bund nähern sich diesen Werten im Moment an. Aber es ist nicht klar, ob sich alle AfD-Wähler gegenüber Demoskopen offenbaren.

    Bei Landtagswahlen hatten sie mehrfach deutlich stärker abgeschnitten als prognostiziert. Bleibt es bei den derzeitigen Werten von 10 bis 12 Prozent, würde es für Schmidt knapp nicht reichen. Dann läge die Partei in Hessen bei 6 bis 8 Abgeordneten. Wird die AfD noch stärker, hat auch Schmidt eine Chance.

  • Piraten: Der an zu wenigen Unterschriften für die Direktkandidatur gescheiterte Frank Lerche (Lahntal) hat zwar als Dritter den besten Listenplatz von allen heimischen Bewerbern. Doch da die Piraten weit unter der Fünf-Prozent-Hürde verharren, nützt ihm das voraussichtlich gar nichts. Immerhin: Der Marburg-Faktor ist auch bei den Hessen-Piraten groß: Auf den Plätzen 6, 16 und 20 stehen auch noch Dr. Michael Weber, Martin Michael Zindel und Dajana Unverzagt.

    Mit der „Partei“ verhält es sich ähnlich. Die notwendigen Fünf-Prozent auf Bundesebene sind weit weg. Der Marburger Stefan Grötzsch steht auch so auf einem chancenlosen Platz 16, die gebürtigen Marburger Jan Oliver Steffen und Tim Christian Werner auf 4 und 12.

    Die APPD, für die Richard Schmidtke im heimischen Wahlkreis antritt, hat in Hessen keine Landesliste aufgestellt. Bei den Freien Wählern startet Direktkandidat Daniel Baron chancenlos auf Platz 18, die NPD führt keinen heimischen Bewerber auf ihrer Landesliste. Die Kleinstparteien ÖDP und DKP bieten in Marika Speckmann (Platz 7 von 7) sowie Herwig Selzer (18 von 21) ebenfalls Marburger Kandidaten an.

von Michael Agricola

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