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„Damit muss einfach Schluss sein“

OP-Interview mit Oliver Krischer „Damit muss einfach Schluss sein“

Der Abgasskandal sei ein Ergebnis „jahrelanger Kumpanei“ sagt Oliver Krischer (Grüne) im Interview.

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Oliver Krischer ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Nachdem die Grünen lautstark auf die schlechte­ Luft an der Kreuzung Universitätsstraße aufmerksam machten, beantwortete der Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer einige Fragen zum Dieselskandal. Krischer vertritt die Grünen im Untersuchungsausschuss.
OP: Was ärgert Sie an diesem Dieselskandal am meisten?
Oliver Krischer: Mich ärgert am meisten, dass die Auto­industrie uns bis heute Autos verkauft, von denen sie sagt, die halten die Grenzwerte ein, sie tun es aber in der Praxis nicht. Ich finde, das ist Verbraucherbetrug. Die Leidtragenden sind die Autobesitzer, aber vor allem­ die Menschen, die dreckige­ ­Luft einatmen, obwohl sie eigentlich sauber sein sollte. Der eigentliche Skandal ist, dass nichts unternommen wird, das zu ändern. Da bin ich knochenkonservativ: Wenn ein Produkt die Qualität nicht erfüllt, dann muss es nachgerüstet werden. Dafür müsste die Bundesregierung sorgen. Es wird aber einfach nicht gemacht.

OP: Warum nicht?
Krischer: Das ist das Ergebnis einer jahrelangen Kumpanei zwischen Bundesregierung und Autoindustrie. Damit schadet man der Automobilindustrie der Zukunft mehr, als man ihr nützt.

OP: Was muss außer technischer Nachrüstung noch getan werden, um die Luft sauber zu machen?
Krischer: Die Autos, die jeden Tag neu auf die Straße­ kommen, müssen natürlich auch die Grenzwerte einhalten. Das ist für mich das negative ­i-Tüpfelchen, dass es bis heute gängige Praxis ist, dass bei fast allen Neuwagen die Stickoxidwerte genauso hoch sind wie vor dem Bekanntwerden des Skandals im September 2015. Das geht einfach nicht.

OP: Sind denn die Diesel allein schuld?
Krischer: Man muss zwischen Feinstaub und Stickoxiden unterscheiden. Beim Feinstaub gibt es viele Quellen, Dieselabgase waren in der Vergangenheit mit eine der Hauptursachen. Das hat man durch den Einbau von Partikelfiltern reduziert. Daran sieht man, dass es technische Lösungen gibt. Es gibt beim Feinstaub aber auch jede Menge anderer Quellen. Zum Beispiel Hausbrand, Heizungen oder Schiffe an Rhein und Neckar oder Industrieanlagen. Bei den Stickoxiden sind es überwiegend die Dieselfahrzeuge, diese verursachen rund 75 Prozent. Und vor allen die Pkws, denn das ist das Verrückte: Die neueren Lkws sind teilweise sehr sauber. Ein 40-Tonnen-Lkw stößt teilweise weniger Stickoxide aus als ein neuer Passat.

OP: Bleiben den Grünen denn beim Verhalten von SPD und CDU in dieser Angelegenheit noch Koalitionspartner übrig?
Krischer: (Lacht.) Ich habe im Untersuchungsausschuss erlebt, dass sowohl CDU als auch SPD versucht haben, das Thema wegzudrücken. Deshalb wird es in jedem Fall schwierig bleiben. Aber wir ­erleben jetzt plötzlich im Wahlkampf, dass auch Frau Merkel zugibt, es habe Fehler gegeben. Selbst Herr Schulz sieht ein, bei der Struktur des Kraftfahrtbundesamtes und der Kontrolle der Unternehmen müsse sich etwas tun. Das sind natürlich alles Dinge, bei denen wir die Damen und Herren – wenn es dazu kommt – in den Koalitionsverhandlungen beim Wort nehmen werden.

OP: Was sind Ihre Bedingungen für eine Koalition?
Krischer: Wir müssen insgesamt den ganzen Verkehrssektor aufrollen. Es kann nicht sein, dass wir seit 25 Jahren über Klimaschutz und saubere Städte reden, aber im Verkehrsbereich nichts passiert. Die CO2-Emissionen steigen an, Stickoxide gehen nicht zurück. Die Antwort darauf ist mehr Elektro-Mobilität, mehr ÖPNV. Da muss es substanzielle Fortschritte geben.

OP: Sie fordern ja auch das Ende des Verbrennungsmotors.
Krischer: Wir brauchen in jedem Fall den Einstieg aus dem Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. Wir haben das Pariser Klimaabkommen unterschrieben. 2050 muss Deutschland klimaneutral sein. Heute­ fahren Autos im Schnitt 18 bis 19 Jahre auf der Straße rum. Und wenn man von 2050 18 bis 19 Jahre abzieht, ist man Anfang der 2030er-Jahre.

Wenn ich die Hand für etwas hebe, und das haben wir im Bundestag alle für das Pariser Klimaabkommen getan, dann muss ich auch entsprechend handeln. Dann kann ich nicht bei der erstbesten Entscheidung das Gegenteil dessen tun, was eigentlich notwendig wäre.

OP: Gefährdet dieser Schritt ­Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie?
Krischer: Wir stehen in der Autoindustrie vor einem Riesen-Strukturwandel. So oder so ist es die wichtigste Branche in Deutschland mit 800 000 ­Arbeitsplätzen. Aber der Diesel ist ein Auslaufmodell. Es deutet alles darauf hin, dass es sich in Richtung Elektro-Mobilität bewegt. Man muss sich darüber im Klaren sein, ein Elektromotor besteht aus 250 Teilen, ein Diesel aus mindestens 2500, die von unterschiedlichen Zulieferern kommen.

Das wird erhebliche Verwerfungen mit sich bringen. Man wird diese Technologie nicht künstlich erhalten können. Das Beste ist, sich frühzeitig darauf einzustellen und dann zu versuchen, an die Spitze zu kommen, damit möglichst viel Wertschöpfung erhalten bleibt. Das Know-how für das eigentlich Wertvolle am Elektroauto, die Batterie,  haben wir fahrlässigerweise in den letzten 20 Jahre einfach aussterben lassen. Das wird eine Riesen-Herausforderung, diese Wertschöpfung wieder zurückzuholen.

OP: Was sagen Sie zu den Forderungen von FDP und AfD, die Grenzwerte nochmal zu überdenken?
Krischer: Da packt man sich an den Kopf. Wir haben bei Stickoxiden einen Grenzwert von 40 Mikrogramm draußen auf der Straße und das im Jahresmittel. Die WHO empfiehlt eigentlich 20, also die Hälfte. Die USA haben auch 20. Das merkt man übrigens, wenn man dort unterwegs ist. In New York am Times Square ist die Luft besser, als ich es heute hier in Marburg erlebt habe.

Das mit einem Grenzwert zu vergleichen, der für einen Industriearbeitsplatz wie in Stahlhütten in den Spitzenbelastungen für wenige Stunden geht, finde ich absurd. Wissenschaftler haben uns unisono gesagt, was wir an Grenzwerten haben, ist unumstritten. Wenn wir Grenzwerte immer dann hochsetzen, wenn sie nicht eingehalten werden, können wir sie auch gleich abschaffen und mit der Umweltpolitik aufhören.

OP: Was kann denn jeder Einzelne tun, damit die Luft besser wird?
Krischer: Das ist ein klassisches Thema, wo es nicht um Einzelverhalten geht. Sondern darum, dass der Staat seine Aufgabe wahrnimmt und Grenzwerte dann auch durchsetzt. Das können die Menschen auch erwarten. Stellen Sie sich vor, die Lebensmittelindustrie würde so handeln. (Nimmt eine Flasche Fassbrause). Hier steht drauf: 5,5 Gramm Kohlenhydrate. Wenn da jetzt, wie bei meinem Passat, das Dreifache drin wäre, also 16,5 Gramm, würde das niemand akzeptieren.

Der Laden könnte zumachen, aber bei der Autoindustrie akzeptieren wir das. Damit muss einfach Schluss sein.

von Philipp Lauer

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