Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
„Billige Lebensmittel sind zu teuer“

„Klimarettungs-Eintopf“ der Grünen „Billige Lebensmittel sind zu teuer“

Der ehemalige Marburger Stadtrat erklärte nach der „Schnippeldisco“, mit ­industriell produzierten ­Lebensmitteln seien hohe Folgekosten für das Gesundheitssystem und Umweltkosten verbunden.

Voriger Artikel
Debatte um Doppelpass und Integration
Nächster Artikel
Politiker im Chat: Emojis und Prognosen

Bevor Experte Alexander Müller referierte, schnippelten die Grünen übriggebliebenes Gemüse vom Markt. Angela Dorn rührt im „Klimarettungs-Eintopf“.

Quelle: Philipp Lauer

Marburg. Im Innenhof vor der Alten Mensa dampft es. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Angela Dorn rührt im „Klimarettungs-Eintopf“. Die Zutaten spendeten vier Marktbeschicker den Grünen. Zum Teil war das Gemüse übrig, zum Teil unverkäuflich, weil die Form nicht der Norm entsprach. Insgesamt kamen fünf große Körbe zusammen, die bei der „Schnippeldisco“ in den Suppentopf wanderten. Im Kleinen symbolisiert der Eintopf aus den Resten vom Markt eines der aktuellen Probleme bei der Ernährung der Weltbevölkerung.

Auf der einen Seite produziere die Landwirtschaft weltweit genug Kilokalorien, um alle Menschen zu ernähren, erklärte der ehemalige Stadtrat Alexander Müller am Abend rund 40 Interessierten. Auf der anderen Seite lande mindestens ein Drittel der Lebensmittel im Müll. In den Entwicklungsländern beklagten die Bauern große Verluste auf den Feldern.

In Deutschland hingegen werde viel Essen weggeworfen, weil es nicht den optischen Erwartungen der Kunden genügt. „Man muss sich mal vorstellen, die Smartphone-Hersteller würden ein Drittel ihrer Produktion wegschmeißen“, verglich Müller.

Mehr Lebensmittel mit weniger CO2-Ausstoß

Eine Folge der Lebensmittel-­Verschwendung ist eine hohe­ CO2-Emission. Für sich betrachtet sei Essen, das im Müll landet, der drittgrößte Emittent. Mit einher gehe eine große Wasserverschwendung. „Aktuelle Berechnungen deuten darauf hin, dass die Pariser Klimaschutzziele nicht erreicht werden. Das Klima wird sich im Schnitt eher um vier als um zwei Grad erwärmen“, sagte Müller. Für die afrikanischen Länder südlich der Sahara bedeute dies einen Anstieg von sechs Grad. „Wie soll man da noch Landwirtschaft betreiben?“

Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung – bis Ende des Jahrhunderts vermutlich plus drei Milliarden Menschen – sei die Aufgabe für die Zukunft, mehr Lebensmittel mit wesentlich weniger CO2-Ausstoß herzustellen. „Dazu ist die industrielle Landwirtschaft keine ­Lösung“, sagte Müller.

Zur Person

Diplom-Soziologe Alexander Müller (62) hat in Marburg studiert. Von 1985 bis 1992 war er Stadtrat für Umwelt und Soziales, darauf Staatssekretär und Landtagsabgeordneter. 2006 bis 2013 war Müller stellvertretender Generaldirektor der FAO, später am IASS Potsdam tätig. Mitgründer des TMG Thinktank.

Die Agrarindustrie könne zwar auf den ersten Blick günstige Lebensmittel herstellen, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Auf den zweiten Blick seien mit diesen billigen Lebensmitteln hohe Folgekosten für das Gesundheitssystem und Umweltkosten verbunden. „Meine These ist: Die billigen Lebensmittel sind zu teuer“, erklärte Müller.

So werde ein Großteil des Mais in den USA, zu Glukosesirup verarbeitet, für Softdrinks verwandt. Diese sind Hauptverursacher von Übergewicht und Diabetes und erzeugen somit hohe Kosten für das Gesundheitssystem. So schätzen Wissenschaftler der Universität Göttingen die Folgekosten von Diabetes weltweit auf 1,3 Billionen Dollar im Jahr.

"Ich will nicht, dass Trumps Mauer zum Vorbild wird"

Die intensive Tiermast komme ohne Antibiotika nicht mehr aus, Rückstände im Fleisch führten zu Antibiotika-Resistenzen, die wiederum hohe Kosten und ein Gesundheitsrisiko mit sich bringen. Auch die Umwelt trage Schäden davon, viele Gewässer seien mit Rückständen von Pestiziden und Düngemitteln belastet.

Neben den hohen Folgekosten für Umwelt- und Gesundheitsschäden sieht Müller durch die industrielle Landwirtschaft Arbeitsplätze bedroht. Weltweit sei die Landwirtschaft der größte Arbeitgeber, mit insgesamt 1,3 Milliarden Menschen, die in diesem Feld tätig sind.

Das jetzige System produziere­ Hunger und damit langfristig­ neue Fluchtursachen. „Ich will nicht, dass Trumps Mauer zum Vorbild wird.“ Die Grünen müssten sich mit ihrer Landwirtschaftspolitik nicht verstecken, sagte Müller und forderte, bei der Agrarwende so konsequent zu bleiben, wie bei der Energiewende. „Aber ich bin skeptisch, ob uns nicht die Zeit davonläuft. Wir verschlafen ­gerade Probleme, weil es uns wirtschaftlich gut geht.“

von Philipp Lauer

Voriger Artikel
Nächster Artikel